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Kohle-"Restloch" soll kein See sein

Über 5.000 Unterschriften gegen die Verklappung von Eisenhydroxidschlamm im Altdöberner See in der Lausitz überreichten die Anwohner dem Landtag Brandenburg. Aus Berlin kam fast zeitgleich die überraschende Botschaft: Der See ist gar kein See, sondern ein "Restloch", das deswegen auch als Deponie genutzt werden könnte.

Von Jörg Staude

Seit die Fließe im Spreewald keine bräunliche Brühe mehr transportieren, ist es um das Problem der Verockerung der Lausitzer Gewässer stiller geworden, jedenfalls in Potsdam und Berlin. Vor Ort aber ist die Unruhe groß: Über 5.000 Unterschriften für sauberes Seewasser übergab in dieser Woche die Bürgerinitiative Altdöberner See dem Petitionsausschuss des brandenburgischen Landtages. Die Anwohner wollen nicht, dass in dem See künftig der Eisenhydroxidschlamm verklappt wird, der anderswo aus Flüssen und Seen gebaggert und derzeit zwischengelagert wird.

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Mehr als 5.000 Unterschriften gegen die Verklappung von Eisenhydroxid in ihrem See übergab die Altdöberner Bürgerintiative dem Landtag Brandenburg. (Foto: gruene-fraktion-brandenburg.de)

Der künftig einmal fast 900 Hektar große See nördlich von Senftenberg solle nicht zu einer Mülldeponie verkommen. Nach dem, was bisher bekannt ist, sollen jährlich rund 72.000 Kubikmeter rostbrauner Schlamm in den See gepumpt werden. Das wären fünf bis zehn Lkw-Ladungen täglich.

Das Eisenhydroxid-Problem, das die Lausitzer Gewässer schädigt, ist erst in jüngster Zeit mit dem nahenden Ende des Braunkohlebergbaus entstanden. Die Tagebaue hatten dem Luftsauerstoff Zutritt zu dem in der Erde vorhandenen Schwefelkies verschafft, Oxydationsprozesse setzten letztlich Eisen frei, das nun durch das wieder ansteigende Grundwasser in Flüsse und Seen gespült wird.

Als Mitglied des Landtags-Petitionsausschusses hat auch die bündnisgrüne Abgeordnete Heide Schinowsky die 5.000 Unterschriften entgegengenommen. Sie spricht sich ebenfalls gegen die Verklappung aus. Bund und Land müssten, erklärte Schinowsky gegenüber klimaretter.info, "sich endlich ehrlich machen und eingestehen, dass die Folgen der Braunkohleverstromung in der Lausitz ausufern und zunehmend unbeherrschbar werden." Statt immer weitere Gewässer zu belasten, müssten der Bund und das Land Brandenburg "mehr Geld für die Sanierung zur Verfügung stellen und ein Konzept erarbeiten, das die Verwertung des anfallenden Ockerschlamms in den Mittelpunkt rückt." Zur Erforschung der Verwertungsmöglichkeiten müssten, so Schinowsky, mindestens 200.000 Euro bereitgestellt werden.

Grüne fordern mehr Forschungsgelder

Neue Nachrichten zum Verockerungs-Problem erhielt dieser Tage auch Annalena Baerbock, Schinowkys grüne Kollegin im Bundestag. Die Bundesregierung hatte ihr die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zu den Plänen für ein Eisenhydroxidschlamm-Lager im Altdöberner See zukommen lassen. Diese enthielt eine Überraschung.

Für die Regierung existiert das Problem der Verklappung in einem See gar nicht, wie die Antwort deutlich macht. Denn das Altdöberner Gewässer sei kein See, sondern ein ehemaliger Braunkohletagebau, "der nach Einstellung der Kohleförderung in Rechtsverantwortung der LMBV saniert wird." Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) ist ein bundeseigenes Unternehmen zur Bergbausanierung in den neuen Bundesländern.

Die Regierung fährt in ihrer Antwort fort, der "Restlochbegriff" entspreche der "Bezeichnung im Rahmen des bergrechtlichen Abschlussbetriebsplanes und spiegelt den Namen des ehemaligen Tagebaus wider". Teil der Sanierung sei auch die Flutung des Restloches. Die Gewässerherstellung erfolge dann auf der Grundlage eines wasserrechtlichen Genehmigungsverfahrens. "Solange dieses Gewässer noch nicht hergestellt ist, handelt es sich", geht es in der Antwort verquast weiter, "bei der 'Hohlform' um ein Tagebaurestloch (auch wenn sich darin ggf. Wasser befindet)."

Solange die "Hohlform mit Wasser" ein Restloch und kein See ist, kann die Bundesregierung nun leicht daran festhalten, den Altdöberner See als Eisenhydroxid-Lager zu nutzen, auch wenn sie pflichtgemäß in der Antwort behauptet, Verwertung habe Vorrang vor einer Verspülung oder Deponierung.

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Eisenhydroxid ist nicht nur schlecht für den Spreewald-Tourismus, sondern auch für die Ökosysteme – ob nun in einem See oder in einer "Hohlform, in der sich ggf. Wasser befindet". (Foto: Nick Reimer)

Die gewundene Antwort bringt nicht nur die Anwohner, sondern auch Baerbock auf die Palme: Die Bundesregierung mache sich einen schlanken Fuß und lasse der LMBV "vollkommen freie Hand", kritisiert die Grünen-Abgeordnete. Statt die Mittel für die Bergbausanierung aufzustocken und die Verwertung des Eisenhydroxidschlamms ernsthaft zu prüfen, suche die LMBV – und damit auch die Bundesregierung – nach den vermeintlich billigsten Lösungen. Baerbock warnt: "Diese Milchmädchen-Rechnung zulasten von Natur und Umwelt wird uns am Ende teuer zu stehen kommen."

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