Kollateralschaden Luftverschmutzung

Jedes Jahr sterben Hunderttausende in Europa vorzeitig durch Luftverschmutzung. Das schadet auch der Wirtschaft, und zwar in Höhe von 1,4 Billionen Euro pro Jahr, rechnet eine WHO-Studie vor. Den größten wirtschaftlichen Schaden nimmt Deutschland. Dabei ließen sich viele Feinstaub-Ursachen relativ einfach abstellen.

Von Benjamin von Brackel

Erstmals haben Forscher beziffert, welchen menschlichen und wirtschaftlichen Schaden die Luftverschmutzung in Europa anrichtet. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO haben Feinstaub und Dreck in der europäischen Luft 600.000 vorzeitige Todesfälle im Jahr 2010 verursacht. Zusammen mit den vielen Erkrankungen – vor allem an den Atemwegen – summieren sich die ökonomischen Verluste damit auf umgerechnet 1,45 Billionen Euro.

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Wenn alte Braunkohlekraftwerke in Deutschland abschalten, verbessert sich die Luftqualität. Zumindest ein wenig. (Foto: GuenterHH/Flickr)

Das entspricht etwa einem Zehntel des Bruttosozialprodukts der ganzen EU im Jahr 2013. Für Deutschland bedeutete das im Jahr 2010 Einbußen von knapp 131 Milliarden Euro – viereinhalb Prozent des Bruttosozialprodukts von 2013.

Das liegt deutlich über den Kosten durch die Feinstaubbelastung, welche die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen im Juni vergangenen Jahres für Deutschland abgeschätzt hat: Das Umweltbundesamt berechnete für das Jahr 2011 einen "Verlust von 557.022 statistischen Lebensjahren". Für ein statistisches Lebensjahr wurden 53.898 Euro veranschlagt. Insgesamt summierten sich die Kosten damit auf 30 Milliarden Euro.

"Wir können verblüffend viel Geld einsparen"

Die WHO-Studie, die während einer noch bis morgen dauernden dreitägigen Umwelt- und Gesundheitskonferenz in Haifa vorgestellt wurde, liefert nun eine europaweite Perspektive. "Unser Nachweis versorgt die Entscheidungsträger in den Regierungen mit einem triftigen Grund zu handeln", sagt Zsuzsanna Jakab, WHO-Chefin in Europa. "Wenn verschiedene Sektoren in dieser Frage zusammenarbeiten, können wir nicht nur mehr Leben retten, sondern auch verblüffend hohe Mengen an Geld einsparen."

In 53 Ländern Europas wurden die ökonomischen Folgen der Luftverschmutzung untersucht. Die Berechnungen gründen auf aktuelle wirtschaftliche Prognosen zur Gesundheitsauswirkung von Luftverschmutzung. Verrechnet wird dabei der Verlust der Lebensjahre etwa durch Herz- und Durchblutungs-Erkrankungen sowie Herzinfarkte und Lungenkrebs mit dem Durchschnittseinkommen. Natürlich sind das nur Durchschnittsgrößen, mit denen der Einzellfall nicht abgedeckt werden kann. "Das sind statistisch berechnete Kenngrößen", sagt Marcel Langner, Feinstaubexperte beim Umweltbundesamt.

Umweltzonen wirken nur örtlich

Allein die frühzeitigen Tode führen der Studie zufolge zu einem Verlust von 1,4 Billionen Dollar. Über 90 Prozent der Europäer sind Feinstaubbelastungen ausgesetzt, die im Jahresdurchschnitt den Grenzwert der WHO überschreiten. In der EU wurde der Grenzwert über die Jahre kontinuierlich verschärft.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld, was die Feinstaubbelastung angeht, und eher am Ende der Rangliste bei der Stickstoff-Belastung. Die Feinstaubbelastung setzt sich aus vielen unterschiedlichen Quellen zusammen: Verkehr, private Verfeuerung, Kraftwerke, Landwirtschaft. "Holzfeuerungen wie Öfen und Heizkessel setzen in Deutschland allein schon fast so viel Feinstaub frei wie der gesamte Straßenverkehr", sagt Langner.

Ein paar Fortschritte hat Deutschland in den vergangenen Jahren gemacht. Inzwischen gibt es 50 Umweltzonen, in den allermeisten sind alte Luftverpester ausgesperrt und nur Fahrzeuge mit grüner Plakette dürfen hier fahren. "Umweltzonen reduzieren insbesondere die lokale Belastung in den Städten", sagt Langner. "Im Mittel erreicht man damit eine Absenkung der Feinstaubbelastung im einstelligen Prozentbereich."

Das Umweltbundesamt fordert aber, die Umweltzonen-Regeln auf Baumaschinen, Dieselloks und Binnenschiffe auszuweiten. Aber auch den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs sowie eine Beschränkung des Ammoniak-Ausstoßes. "An vielen Stellen besteht Handlungsbedarf", erklärt Langner.

Mundschutz bringt nichts

Auch jeder einzelne kann dazu beitragen, die Luftverschmutzung zu drosseln. Wer zum Beispiel auf seinen Holzofen oder Kamin nicht verzichten will, der sollte zumindest darauf achten, wie er die Scheite aufschichtet, und eventuell Filter nachrüsten, empfiehlt Langner. Auch der Umstieg aufs Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel verbessert die persönliche Luftverschmutzungs-Bilanz.

Wer sich vor dem Feinstaub vor der Haustür schützen will, dem bleiben in der Stadt nicht viele Möglichkeiten. Eine ist, sich von viel befahrenen Straßen fernzuhalten. Allerdings bringt das nur begrenzt etwas, denn selbst in den Stadtparks ist die Luftverschmutzung meist nicht viel besser als auf den Straßen. Zumindest in den Hinterhöfen, so Langner, werde eine "urbane Hintergrundbelastung" erreicht, die nicht gravierend schlechter ist als auf dem Land.

Bleibt also nur der Mundschutz, wie ihn Pekinger oder Shanghaier tragen? Langner rät davon ab: "Ich würde nicht empfehlen, in Deutschland einen Mundschutz zu tragen, denn der ist für die besonders kleinen und damit besonders schädlichen Partikel durchlässig." Statt sich individuell zu schützen empfiehlt Langner, umgekehrt zu versuchen, den persönlichen Schadstoffausstoß zu senken. Ähnlich dem CO2-Fußabdruck.

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Vor allem an stark befahrenen Straßen sind die Feinstaubkonzentrationen viel zu hoch. Statt individueller Schutzmaßnahmen empfiehlt der UBA-Experte, das Auto stehen zu lassen. (Foto: Simone Ramella/Flickr)

Luftverschmutzung ist nicht mit Klimawandel gleichzusetzen. Allerdings sind viele Luftverschmutzungsquellen, die der Gesundheit schaden, gleichzeitig Treibhausgas-Emittenten – etwa Braunkohlekraftwerke, Schwerindustrie oder Verkehr. "Überall wo es Verbrennungsprozesse gibt, entstehen CO2 und Luftschadstoffe", sagt Langner. Zudem beeinflusst der Feinstaub auch das Klima: Zum einen, indem er die Bildung von Wolken unterstützt, zum anderen, indem er direkt Sonnenstrahlen aus dem All abpuffert und so zur Abkühlung beiträgt.

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