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Dicke Luft in der Stadt

Die Belastung durch Feinstaub und Ozon ist dank Umweltzonen und strengeren Abgasnormen inzwischen rückläufig. Doch für Entwarnung gibt es keinen Anlass, bilanziert das Umweltbundesamt. Denn die Konzentrationen von Stickstoffdioxid steigt, vor allem in den Ballungsräumen. Das schadet auch dem Klima.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Es gibt einen neuen "Schadstoff Nummer eins", der besonders Stadtbewohnern zu schaffen macht: Stickstoffdioxid (NO2). Das Gas stammt vor allem aus dem Verkehr. Darauf weist das Umweltbundesamt (UBA) hin. Obwohl die Belastung mit Feinstaub zuletzt deutlich niedriger war als in früheren Jahren und keine Ozon-Spitzenwerte auftraten, gibt das Amt keine Entwarnung. Stickstoffdioxid ist bei hohen Konzentrationen vor allem für Asthmatiker gefährlich und trägt zur Feinstaub- und Ozonentstehung bei. Außerdem schädigt es Pflanzen und führt zur Überdüngung und Versauerung von Böden.

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Blick auf Wiesbaden, das, man mag es kaum glauben, eines der ältesten Kurbäder Europas ist. Aber eben auch tüchtig Industrie hat und nicht weit von dem Megaflughafen Frankfurt entfernt liegt. (Foto: Martin Fisch/Flickr)

Das UBA hat die letztjährigen Daten von über 500 Messstationen ausgewertet. Die vorläufige Bilanz: Das Trio der Luftschadstoffe – Stickstoffdioxid, Feinstaub und Ozon – stellt nach wie vor ein Gesundheitsrisiko dar. Das Amt fordert weitere Maßnahmen zur Luftreinhaltung, darunter eine Ausweitung der Umweltzonen in Großstädten und Ballungsräumen.

Beim Stickstoffdioxid, dessen Hauptquellen Automotoren und Heizungen sind, lag rund die Hälfte der verkehrsnahen Messstationen über dem zulässigen Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das UBA erwartet, dass sich dieser Anteil noch deutlich erhöhen wird, wenn im Mai weitere Daten von 124 Messstationen in die Statistik einfließen. Sie konnten aus technischen Gründen noch nicht ausgewertet werden.

Umweltzonen senken die Feinstaubbelastung

Wichtigster Hebel, um die Belastung zu senken, ist eine bessere Abgasreinigung bei Pkw und Lkw. UBA-Chefin Maria Krautzberger: "Um die Grenzwertüberschreitungen in den Griff zu bekommen, ist es wichtig, dass die neue Abgasnorm Euro 6 auch im realen Verkehr zu weniger Emissionen führt. Bisher können das viele Fahrzeughersteller nur im Labor garantieren."

Beim Feinstaub zählt 2014 zu den Jahren mit den niedrigsten Werten. Hauptgrund dafür war das Wetter. Es gab relativ wenige winterliche Inversionswetterlagen, die zu hohen Feinstaubwerten beitragen, weil sie den Luftaustausch verhindern. Zudem wirken sich die Umweltzonen in Großstädten und Ballungsräumen positiv aus, von denen es in Deutschland inzwischen 50 gibt. Sie senken die Feinstaubbelastung laut UBA um zehn bis zwölf Prozent, wenn dort nur Fahrzeuge mit grüner Plakette einfahren dürfen. Das ist in 48 der Zonen der Fall. Seit dem 1. Januar gibt es zwei neue Umweltzonen, nämlich in Offenbach und Siegen, Darmstadt will im Laufe des Jahres eine solche einführen.

UBA-Präsidentin Krautzberger sieht keinen Grund zur Entwarnung: "Trotz niedriger Feinstaub-Werte bleibt das Gesundheitsrisiko bestehen." Sie verweist darauf, dass es für Feinstaub keine Wirkungsschwelle gibt. Das heißt: Gesundheitsschäden treten auch bei geringen Feinstaubkonzentrationen auf. Die winzigen Partikel in der Luft sind verantwortlich für Atemwegs-, Herz- und Kreislauferkrankungen; pro Jahr gehen in Deutschland im Schnitt rund 47.000 vorzeitige Todesfälle auf ihr Konto. Das UBA plädiert dafür, die Vorschriften der Umweltzonen auch auf Baumaschinen, Dieselloks, Binnenschiffe und weitere Verkehrswege auszudehnen. Baumaschinen stoßen immerhin ein Fünftel der Rußpartikel-Menge aus, die vom Straßenverkehr verursacht wird. Negativ auf die Feinstaubbelastung wirkt sich auch die wachsende Zahl der Holzfeuerungen aus.

Feinstaub beeinflusst direkt das Klima 

Der seit 1999 EU-weit geltende Grenzwert für Feinstaub wurde 2014 zwar nur an zehn Prozent der verkehrsnahen Luftmessstationen überschritten. Die WHO empfiehlt allerdings einen deutlich strengeren Grenzwert. Legt man diesen zugrunde, gab es an 48 Prozent aller Messstationen Überschreitungen.

Bei dem Reizgas Ozon traten im Sommer 2014 zwar keine Spitzen auf. Trotzdem kam es zu Überschreitungen des sogenannten Zielwerts. Dieser ist so definiert: Der maximale Acht-Stunden-Wert der Ozon-Konzentration eines Tages darf 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an höchstens 25 Tagen pro Kalenderjahr überschreiten. An rund sechs Prozent aller Messstationen war das an mehr als 25 Tagen der Fall.

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Berlin. Die kleinen Wölkchen über den Häusern sind qualmende Schornsteine. Nicht gut für die Luftqualität. (Foto: Sascha Kohlmann/Flickr)

Die Luftschadstoffe schaden auch dem Klima. Bodennahes Ozon und die im Feinstaub enthaltenen Rußpartikel beeinflussen das Klima direkt. Eine Studie der American Geophysical Union (AGU) hat nachgewiesen, dass Rußpartikel einen sehr viel stärkeren Einfluss auf den Klimawandel haben als bislang angenommen. Und auch indirekt tragen die Schadstoffemissionen zur Erderwärmung bei, zum Beispiel indem die Partikel die Wolkenbildung verändern. Bodennahes Ozon vermindert zudem das Pflanzenwachstum und damit die Aufnahme des Treibhausgases Kohlendioxid aus der Atmosphäre.

[Erklärung]  
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