Der Regenwurm hilft bei Starkregen

BildNeue Anbaumethoden und Sorten, mehr Regenwürmer und Hecken auf den Ackerflächen: Landwirte sind den Auswirkungen des Klimawandels in Deutschland nicht hilflos ausgeliefert, sondern können sich mit etlichen Maßnahmen anpassen. Teil 5 unserer Serie: Deutschland passt sich an.

Von Sandra Kirchner

Der Boskop wird es künftig in Deutschland schwer haben. Die traditionelle Apfelsorte ist zwar an das heimische Wetter angepasst, doch gegenüber dem Klimawandel ist der Apfel aus den Niederlanden nicht gewappnet. Mit den steigenden Temperaturen kommt der neuseeländische Braeburn dagegen viel besser zurecht, ist er doch ein mildes Klima gewohnt. So wie sich die Apfelbauern an die neuen Bedingungen anpassen müssen, sind auch Landwirte gut beraten, sich auf den Klimawandel in Deutschland einzustellen.

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Hecken schützen vor Bodenerosion und tragen dazu bei, die Feuchtigkeit zu halten. (Foto: Erix/flickr.com)

Einfache Rezepte dafür gibt es allerdings nicht. "Je nach Region und je nach Art der Landwirtschaft müssen die Bauern entscheiden, welche Maßnahmen für sie sinnvoll sind", sagt der Agraringenieur Johann Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin. Denn während ein Landwirt mit konventioneller Anbaumethode seltener pflügen kann, sodass die Feuchtigkeit besser im Boden gehalten wird, ist für die meisten Ökobauern der Pflug unverzichtbar, um ausreichende Erträge zu erzielen. "Beim Pflügen kann man viel falsch machen", meint Bachinger.

Weniger Bodenbearbeitung und mehr Bewässerung

Wird der Boden zu häufig bearbeitet, geht die Bodensubstanz zurück und Mikroorganismen setzen Stickstoff frei. Obendrein verdunstet das in der Erde enthaltene Wasser viel schneller. Da die Sommer in Deutschland im Allgemeinen trockener werden, müssen einige Landwirte künftig ihre Anbauflächen für viel Geld beregnen. Besonders die Bauern in Brandenburg müssen sich auf mehr Trockenperioden vorbereiten.

Die verschiedenen Bewässerungssysteme wie Schlauchtrommeln, selbstlaufende Anlagen oder Tröpfchenbewässerung haben einen unterschiedlichen Verdunstungsgrad, aber je nach Kosten und Nutzen kann die Bewässerung sinnvoll sein. "Bei Kartoffeln und beim Biomais wird heute schon teilweise beregnet. Im Gemüseanbau ist die Beregnung ohnehin Standard", sagt Karsten Lorenz vom Landesbauernverband Brandenburg. Bei Getreide lohnt sich das Bewässern aber nicht, da die Abnahmepreise so niedrig sind. Die Abdedeckung von Feldern ersetzt zwar nicht die fehlenden Niederschläge, kann aber helfen, die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Durch den Mulch wird nicht nur die Verdunstung gestoppt, auch die Erosion des Bodens wird verringert.

Mit Hecken und kleinen Gehölzen kann die Bodenerosion verhindert werden. Im Spree-Neiße-Kreis wurden bereits erste Felder wieder mit Hecken umrandet. Die Hecken halten Lorenz zufolge besser die Feuchtigkeit im Boden und erhöhen die Biodiversität. "Die Feldumrandungen bieten Vögeln Unterschlupf, und die wiederum helfen die Zahl der Schädlinge gering zu halten", sagt Lorenz.

Zusätzliche Bewirtschaftung in der Nebensaison

In etlichen Regionen wie Niedersachsen verlängert sich im Zuge des Klimawandels die Vegetationsphase: Der Frühling setzt früher ein und die Wachstumsphase verzögert sich. "Das ist positiv", sagt Ansgar Lasar, der Klimabeauftragte der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. "Aber die Landwirte müssen sich darauf einstellen." So könnten die Bauern im Herbst nach der Getreideernte noch eine weitere Pflanze anbauen, die sogenannte Zwischenfrucht, die häufig zur Düngung, als Tierfutter oder Biomasse verwendet wird. Dafür eignet sich beispielsweise Grünroggen, der dann im Frühjahr, bevor Mais oder Zuckerrüben angebaut werden, als Biomasse abgehäckselt wird.

Besonders bodenschonend ist es, wenn die Saat im Herbst noch zwischen den Getreidestoppeln ausgebracht wird. "Für gestandene Landwirte ist das aber nicht schön anzusehen", meint Lorenz vom brandenburgischen Bauernverband. Denn einerseits stehen noch die Stoppeln, andererseits geht die neue Saat nur teilweise auf. Verbessert werden kann die Methode durch das Abschneiden der noch bestehenden Pflanzenreste, damit sie weniger mit den neuen Keimen konkurrieren können.

Allerdings brauchen die Zwischenfrüchte auch zusätzliches Wasser. "Je zugewachsenem Kilo Trockenmasse werden 500 Liter Wasser verbraucht", erläutert Lasar. Deshalb müsse man sich überlegen, wie man die stärker werdenden Niederschläge im Winter speichern könne, damit sie in den trockener werdenden Sommern zur Verfügung stehen. Denn im Allgemeinen gehen die absoluten Niederschlagsmengen in Deutschland nicht zurück, sie werden sich künftig nur anders über das Jahr verteilen.

Wasserspeicher für die trockenen Sommer

So könnten künftig Drainage-Systeme, also perforierte Rohre, die eigentlich Wasser abführen sollen, zur Speicherung von Wasser verwendet werden. Tiefliegende Waldflächen könnten zusätzlich mit Klärwasser aus Kläranlagen geflutet werden, so wie es beispielsweise schon in der Nähe von Wolfsburg praktiziert wurde. Auch der Bau von Rückhaltebecken eignet sich, um Wasser für die trockenen Sommermonate zu speichern. "Letzlich ist aber auch die Kreativität der Landwirte gefragt", sagt Lasar.

Schon kleine Maßnahmen können eine große Verbesserung bringen. So sollten Bauern darauf achten, dass sich Regenwürmer auf ihren Feldern wohlfühlen: Erntereste und Fruchtfolge schaffen gute Bedingungen für Würmer, die die Bodenoberfläche auflockern. "Durch ihre Aktivität schaffen sie unterirdische Röhren, die sich gut auf die Wasserverdaulichkeit auswirken", sagt Bachinger. Böden können durch die Regenwurmröhren große Wassermassen – etwa von Starkregenereignissen – besser aufnehmen und halten. Auch Trockenphasen überstehen poröse Böden mit Regenwürmern besser.

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Starkregen wird in Zukunft häufiger: Regenwürmer lockern die Böden auf, sodass diese besser Niederschläge aufnehmen können. (Foto: Malene Thyssen/Wikimedia Commons)

In Gegenden, wo sich der Klimawandel besonders stark auswirkt, könnten künftig auch neue Pflanzenarten angebaut werden. Als Alternative eignen sich Lasar zufolge Soja oder Sudangras, eine Maispflanze, aus der Silage hergestellt wird. Doch leichtfertig werden Landwirte, die mit ihren gewohnten Pflanzen Erfahrung haben, sich nicht umstellen. Wahrscheinlicher ist der Griff zu neu gezüchteten Sorten, die besser an die neuen Bedingungen angepasst sind. Braeburn statt Boskop, Cabernet Sauvignon statt Riesling, Hartweizen statt Weichweizen und Dinkel.

 
BildBereits erschienen in unserer
Serie zur Klimaanpassung in Deutschland

Teil 1: Das kommt auf Deutschland zu
Teil 2: Klima- und Energiefonds verschlimmbessert
Teil 3: Die kleinen Kommunen hinken hinterher
Teil 4: Stürme lassen Hamburger Pegel steigen
Teil 5: Der Regenwurm hilft bei Starkregen

[Erklärung]  
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