Braune Spree: "Die Leag muss zahlen!"

Die Sulfatbelastung der Spree steigt seit Jahren. Schuld sind die Braunkohletagebaue in Brandenburg und Sachsen. Über 20.000 Menschen fordern in einer Petition, dass der Betreiberkonzern Leag für die Schäden durch Sulfat und Eisenocker aufkommt.

Aus Berlin Friederike Meier

"Manchmal verspüre ich bei meinen Bieren eine leicht salzige Note, die ich vorher nicht wahrgenommen habe", sagt Braumeister Christoph Flessa in einem Interview mit Klimaaktivisten. Der Berliner Brauer, der die Mikrobrauerei Flessabräu im Stadtteil Friedrichshain betreibt, lässt sein Brauwasser mindestens einmal im Jahr analysieren und hat über die Jahre beobachtet, dass es immer mehr Sulfat enthält.

BildDie Verockerung ist eine gut sichtbare Folge des Braunkohleabbaus, Sulfat hingegen sieht man nicht. Hier ein Bach in der Nähe des Tagebaus Welzow-Süd im Süden Brandenburgs. (Foto: Friederike Meier)

Tatsächlich steigen in der Spree seit Jahren die Sulfatwerte: In einigen Abschnitten des Flusses wurden mehr als 400 Milligramm pro Liter gemessen. Bis die Spree Berlin erreicht, wird das Wasser zwar noch durch Zuflüsse verdünnt, aber auch dadurch sinkt der Wert nicht mehr unter 250 Milligramm pro Liter, den Grenzwert für Trinkwasser. Weil ein großer Teil des Berliner Trinkwassers indirekt aus der Spree gewonnen wird, gelangt das sulfathaltige Wasser bis in die Wasserhähne.

Sulfat ist zwar auch natürlicherweise im Grundwasser enthalten, schuld an dem Anstieg der Werte in Berlin sind aber die Braunkohletagebaue in der Lausitz, die flussaufwärts im Spree-Einzugsgebiet liegen.

Um die Braunkohle abzubauen, wird das Grundwasser dort um Hunderte von Metern abgesenkt. Dadurch reagiert das Mineral Pyrit, das natürlicherweise im Untergrund vorkommt, mit Sauerstoff – es entstehen Sulfat und Eisenhydroxide. Diese Verbindungen werden entweder mit dem Sümpfungswasser – das Wasser, das aus aktiven Tagebauen abgepumpt wird – oder durch die Flutung alter Tagebaue freigesetzt und gelangen auch in die Spree.

Landesplanung scheut Braunkohle-Stopp

Ein Bündnis aus Brandenburger und Berliner Umweltorganisationen und Initiativen wie Kohleausstieg Berlin, Grüne Liga, BUND und Greenpeace fordert deshalb in einer Petition, dass es zumindest keine neuen Tagebaue geben darf, damit keine neuen Quellen für Sulfat und Eisenocker entstehen.

Die Petition wollen sie am Montag auf einer Konferenz zur gemeinsamen Landesplanung von Berlin und Brandenburg an die Landeschefs von Brandenburg und Berlin, Dietmar Woidke und Michael Müller (beide SPD), übergeben. Bis heute haben schon rund 23.000 Menschen unterschrieben.

Derzeit erarbeiten Berlin und Brandenburg einen neuen gemeinsamen Landesentwicklungsplan, in dem auch festgehalten werden soll, wie es mit der Braunkohle in Brandenburg weitergeht. Im Entwurf für den Plan, der dieses Jahr zur ersten Phase der Öffentlichkeitsbeteiligung auslag, heißt es, dass die Braunkohle noch für einige Zeit benötigt werde.

"Da wollen wir eine klare Kehrtwende", sagt Oliver Powalla von Kohleausstieg Berlin auf Nachfrage von klimaretter.info. "Es muss heißen, dass Braunkohle hier keine Zukunft hat, eben weil Berlin und Brandenburg Zukunftsverantwortung und Verantwortung für den Wasserschutz haben."

Voraussetzungen für Kehrtwende vorhanden

Wegen der Vereinbarung, dass Berlin und Brandenburg die Landesplanung gemeinsam betreiben, sieht Powalla eine gute Chance, dass die Berliner in Brandenburg etwas ausrichten können: "Es gibt einen rechtlichen Rahmen, dass Berlin sagen kann: Was in Brandenburg passiert, wollen wir so nicht, wir wollen eine andere Energie- und Wasserpolitik."

Immerhin: Das rot-rot-grüne Regierungsbündnis in Berlin hat bereits im Koalitionsvertrag festgehalten, sich bei der gemeinsamen Landesplanung gegen neue Tagebaue auszusprechen. Deshalb ist Powalla optimistisch: "Wir messen die Politik an ihren selbst formulierten Ansprüchen."

Das Umweltbündnis fordert außerdem, dass die Kosten für die Beseitigung der Braunkohleschäden vom Verursacher, dem Braunkohlekonzern Leag, getragen werden müssen. Als dieser die Lausitzer Braunkohlesparte vom schwedischen Vattenfall kaufte, hatte er 1,7 Milliarden Euro für die Sanierung bekommen.

Zehn Milliarden für die Braunkohlesanierung

Das Geld wäre bei einer Pleite des Konzerns allerdings einfach weg. Die Aktivisten von Kohleausstieg Berlin fordern deshalb, dass diese Rückstellungen öffentlich gesichert werden: "Wenn Kosten anfallen durch die braune Spree und zu viel Sulfat im Wasser, müssen die Verursacher dafür zahlen. Nicht die Steuerzahler und nicht die Wasserverbraucher", so Powalla.

Mit der "braunen Spree" sind die Eisenhydroxide gemeint, die ebenfalls durch die Tagebaue entstehen und für die sogenannte Verockerung verantwortlich sind. Sie lagern sich auf dem Grund der Bäche und Flüsse ab und sind dann nicht mehr löslich. Das Sulfat hingegen bleibt löslich und ist unsichtbar. Das lässt es weniger bedrohlich erscheinen.

Allerdings können auch durch das Sulfat hohe Kosten entstehen: In Konzentrationen über 200 Milligramm pro Liter greift es Metall und Beton an – ein Problem für Brücken und Wasserleitungen. Damit Wasserwerke den Trinkwassergrenzwert von 250 Milligramm pro Liter einhalten können, müssen sie das Wasser entweder kostspielig aufbereiten oder mit anderem Wasser mischen – so oder so bleiben sie oft auf den Kosten sitzen. In sehr hohen Konzentrationen über 600 Milligramm pro Liter kann Sulfat auch gesundheitsschädlich sein und beispielsweise abführend wirken.

Steuerzahler sollen für Leag einspringen

Wie viel die Beseitigung der Braunkohleschäden kostet – die nicht nur die Wasserreinhaltung sondern auch die Flutung und Renaturierung der Tagebaue umfasst –, zeigen die bereits vor Jahren stillgelegten DDR-Tagebaue, die von der bundeseigenen Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) saniert werden. Bund und Länder haben der LMBV seit 1990 über zehn Milliarden Euro für die Braunkohlesanierung gezahlt.

Allerdings sieht es bisher nicht so aus, dass der Berliner Senat oder die brandenburgische Landesregierung sich dafür einsetzen werden, die Leag zur Kasse zu bitten: In einer Mitteilung vom Juli spricht sich der Senat zwar für das Verursacherprinzip aus. Allerdings heißt es dort: "Eine am Verursacherprinzip orientierte Kostenübernahme an der Sulfatbelastung der Spree müsste sich an die Länder Brandenburg und Sachsen richten." Der Name Leag fällt nicht.

Bild"Herr Müller, Kohleverschmutzer müssen zahlen", fordern die Aktivisten von "Rettet unser Wasser". (Foto: Kohleaustieg Berlin)

Auch Brandenburgs Regierung ist nicht für ihr Engagement in dieser Richtung bekannt. Als die Leag die Tagebaue und Kraftwerke von Vattenfall kaufte, hätte sie die Auflage machen können, dass Rückstellungen für die Sanierung etwa in einen öffentlichen Fonds überführt werden müssen. Das hat sie verpasst.

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