Wohnen im Wald, Klimacampen am Tagebau

Eine rote Linie am Tagebaurand, Sitzblockaden vor Kraftwerken, gestoppte Kohlebahnen und ein Klimacamp mit rund 6.000 Menschen. Am vergangenem Wochenende erlebte das Rheinland den Höhepunkt der Proteste gegen den Kohleabbau und für eine wirksame Klimapolitik.

Aus Manheim und Erkelenz Linda Gerner

Es dauert nur wenige Sekunden, da hat sich die zierliche Aktivistin mit geübten Griffen in schwindelerregender Höhe vom Baumhaus abgeseilt. Leichtfüßig landet sie inmitten einer Menschenmenge und wird neugierig beäugt: "Ihr wohnt aber doch nicht im Winter im Wald, oder?", will eine ältere Frau wissen.

Bild"Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze mehr" – mit diesem Slogan voran zogen die Aktivisten des Klimacamps los. (Foto: Linda Gerner)

"Natürlich bleiben wir auch im Winter hier und besetzen den Wald", antwortet die Mitte 20-Jährige. "Ab Oktober wird es besonders wichtig, denn da beginnt die Rodungssaison." Die Aktivistin, die sich Indigo nennt, lebt seit Anfang des Jahres in dem Baumhausdorf Gallien im Hambacher Forst.

Etwa 500 Menschen stehen an diesem Samstagmorgen in einem der ältesten Wälder Nordrhein-Westfalens und hören dem Waldpädagogen Michael Zobel zu. Er berichtet von hunderte Jahre alte Hainbuchen und Stieleichen und davon, dass einige der Baumkronen seit fünf Jahren das Zuhause von Aktivisten sind. Sie besetzen den Wald, um die weitere Abholzung durch den Energiekonzern RWE zu verhindern.

Etwa 5.500 Hektar Fläche hatte der Hambacher Forst einmal, inzwischen sind weniger als 500 Hektar übrig. Seit 1978 lässt RWE hier den Wald für die Erweiterung des Braunkohletagebaus Hambach roden. Zobel bietet seit Frühjahr 2014 monatlich Waldführungen an und erklärt ruhig, aber mit Nachdruck die Besonderheiten des bedrohten Waldes.

Heute allerdings hat er es eiliger. Die auffallend einheitliche Kleidung der Gruppe in der Signalfarbe Rot verrät, dass es diesen Samstag nicht beim Waldspaziergang bleiben soll. Zobel ist auch Mitorganisator der Menschenkettenaktion "Rote Linie" die mittags entlang einer drei Kilometer langen Strecke vom Hambacher Forst bis zum Ort Kerpen-Manheim stehen soll.

Vor fünf Jahren wohnten hier noch 1.700 Menschen

Mehr als 3.000 Menschen reihen sich dafür entlang der ehemaligen A4 mit dem Rücken zum Hambacher Forst auf und bleiben einige Minuten geschlossen stehen. Darunter sind Politiker wie die Parteivorsitzende der Linken, Katja Kipping, oder die Spitzenkandidaten der Grünen Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir. "Wir haben viele gute Argumente, aber manchmal sind auch Bilder wichtig. Die rote Linie ist ein gutes Symbol, um der Politik und dem Konzern RWE diese Grenze aufzuzeigen", sagt Michael Zobel.

Später laufen die Menschen durch Häuserreihen mit zugemauerten Türen und Fenstern. Die Abschlusskundgebung findet auf dem ehemaligen Marktplatz von Manheim statt. Bis 2012 wohnten hier noch rund 1.700 Menschen. Inzwischen ist das Dorf größtenteils unbewohnt, der Umsiedlungsprozess nach "Manheim-neu" fast abgeschlossen.

An eine Karte des neuen Ortes gelehnt erzählt der ehemalige Dorfbewohner M. von seinen Anstrengungen, in "Manheim-neu" wieder Vereinsaktivitäten aufleben zu lassen. Einen "toten Ort", wie er einige der bereits umgesiedelten Dörfer nennt, erträgt er nicht. Mehr als 40 Orte wurden hier im Rheinland westlich von Köln bereits für den Tagebau von RWE abgerissen. Mit ihnen gehen Dorfstruktur, Geschichte und auch Einwohner verloren.

In "Manheim-neu" leben gut 70 Prozent der ehemaligen Bewohner des Ortes. "Mit dem letzten Stein, der hier fällt, verschwindet dann das 'neu' hinter unserem Ort", sagt M. Vermutlich im Jahr 2022 soll das der Fall sein. Dann wird hier anstelle von Kirche, Friedhof oder Bauernhöfen ein Tagebauloch gähnen.

Die "Rote Linie" wurde auch von der Polizei begleitet: "Das war zwar nicht nötig, aber ein schöner Nebeneffekt. Die Polizei, die bei uns war, konnte nicht woanders sein", erklärt Zobel und grinst. Denn an diesem Wochenende war die Menschenkette nur eine Anti-Kohle-Aktion von vielen.

Immer wieder kommen Aktivisten aus Polizeikesseln zurück

Etwa 6.000 Klimaaktivisten sind am Samstagmorgen in einer anderen Szenerie circa 30 Kilometer weiter nördlich aufgewacht. Als die Sonne langsam durch den dichten Nebel bricht und das Stoppelfeld glitzern lässt, ist Jubel zu hören. Um drei große, bunte Zirkuszelte tummeln sich Menschen in weißen Maleranzügen, schnappen sich Strohsäcke und schmieren Brote. Der Platz des Klimacamps im Rheinland ist dieses Jahr weitläufig, doch die Zeltwiesen sind beengt.

Ein Luftbild zeigt statt Gras nur noch ein Puzzle aus bunten Flecken. Klatschen, Pfiffe und der Ruf "Auf geht’s – ab geht’s, Ende Gelände" sind zu hören, als ein weiterer sogenannter "Finger" sich in Richtung Kraftwerk Neurath auf den Weg macht.

Das morgen zu Ende gehende Klimacamp in der Nähe der Stadt Erkelenz bei Aachen war – wie schon bei den Protesten der letzten zwei Jahre – mit Massenaktionen des zivilen Ungehorsams verbunden, organisiert vom Bündnis "Ende Gelände". Erneut wurde die "Finger-Taktik" angewandt, bei der die Menschen in Gruppen organisiert zu verschiedenen Zielen aufbrechen, um mit Sitzblockaden vor einem Kraftwerk oder durch das Betreten von Tagebauen die Kohleverstromung durch RWE wenigstens für die Tage des Klimacamps zu stören.

Die Bewegung ist jung, international und friedlich. Am Abend ist die Stimmung im Camp ausgelassen. Immer wieder kommen "Finger" aus Polizeikesseln oder Gefangenen-Sammelstellen zurück ins Camp und werden mit Jubel begrüßt. Die Organisatoren zeigen sich zufrieden: Bei den Aktionen habe es nur wenige Verletzte und keine größeren Ausschreitungen gegeben, nur selten seien Aktivisten über Nacht von der Polizei festgehalten worden.

Bild3.000 Klimaschützer zogen am Samstag entlang des Braunkohlentagebaus Hambach eine "Rote Linie gegen Kohle" , um einen schnellen Kohleausstieg zu fordern. (Foto: Linda Gerner)

Es gelang, für mehrere Stunden Kohlebahnen zu blockieren und in den Medien die Diskussion über die klimaschädliche Braunkohle wieder anzustoßen. Als beim Abendplenum kurzzeitig der Strom ausfällt und müde, aneinandergelehnte Aktivisten im Zirkuszelt spontan auf die Melodie von "The Lion sleeps tonight" mit den Zeilen "We’re the people, the mighty people. We’re fighting for our rights" singen, fängt das die Stimmung im Camp ziemlich gut ein.

[Erklärung]  
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