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Der Trend geht zum Klimacamp

Heute beginnt das Klimacamp im Rheinland. Mehrere Organisationen rufen dort zu Protestaktionen gegen die Kohlewirtschaft auf. Dieses Jahr ist das Spektrum breiter und schließt auch Umweltverbände ein. Stärker als bisher wollen die Aktivisten auf die Anwohner im Revier zugehen.

Von Susanne Schwarz

Gemeinsam zelten, gemeinsam diskutieren, gemeinsam protestieren: Am Freitag beginnt das Klimacamp im Rheinland in der Nähe von Köln. Wie in den vergangenen Jahren findet parallel die wachstumskritische Degrowth-Sommerschule statt, außerdem hat die BUND-Jugend diesmal ein eigenes Zeltlager organisiert.

BildDas Klimacamp im Rheinland ist inzwischen eine jährliche Institution. (Foto: Kathrin Henneberger)

Dieses Mal will die Klimabewegung sich aber noch weiter öffnen. "Der Klimawandel steht ja als Thema grundsätzlich nicht isoliert da", erklärt Johanna Winter, die das Klimacamp mitorganisiert, im Gespräch mit klimaretter.info. "Es stört uns ja nicht einfach, dass es ein bisschen wärmer wird." Die Folgen des Klimawandels würden Menschen, die arm sind oder wegen ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft marginalisiert werden, besonders stark treffen, kritisiert Winter.

Neben dem eigentlichen Klimacamp findet deshalb das neue Connecting-Movements-Camp statt, auf dem Klimaschutz mit anderen sozialen Bewegungen wie Feminismus und Antirassismus zusammengebracht werden soll. Außerdem wollen die Klimaschützer stärker auf die Bevölkerung im Revier zugehen. Veranstaltungen in den umliegenden Orten sollen diesmal einen breiten Austausch ermöglichen. In der Erkelenzer Stadthalle gibt es eine Podiumsdiskussion mit Gewerkschaftern über Alternativen zur Kohle und einen gerechten Strukturwandel.

"Ende Gelände" setzt auf Gewaltfreiheit

Der Protest gegen die Kohle wird aber im Vordergrund bleiben: Das Aktionsbündnis Ende Gelände hat angekündigt, erneut Teile der Kohleinfrastruktur – also etwa Tagebaue oder Kraftwerke – blockieren zu wollen. Erstmals fand 2015 eine solche Aktion des zivilen Ungehorsams im Rheinland statt, im vergangenen Jahr zog Ende Gelände in die Lausitz.

Etwa 6.000 Aktivisten erwartet das Bündnis diesmal – das wäre Rekord. "Wir werden ruhig und besonnen vorgehen, keine Infrastruktur beschädigen und keine Menschen gefährden", sagt Janna Aljets von Ende Gelände. In den vergangenen zwei Jahren war es trotz friedlichem Auftreten der Aktivisten zu starken Konflikten mit dem großen Aufgebot der Polizei sowie den Sicherheitskräften von RWE und Vattenfall gekommen.

Unter dem Motto "Zucker im Tank" gibt es in diesem Jahr allerdings auch einen Aufruf unabhängig von Ende Gelände, der Sabotageaktionen nicht ausschließt. Darin heißt es: "Welche Aktionsformen legitim sind und welche nicht, können und wollen wir nicht für alle festlegen." 

Auf der anderen Seite rufen verschiedene Protestgruppen sowie Umweltorganisationen zu friedlichen Blockaden und legalen Demonstrationen auf. So plant die Gruppe "Kohle ersetzen" eine gewaltlose Sitzblockade auf einer Zulieferstrecke. Die großen Umweltverbände BUND, Nabu und Greenpeace veranstalten am 26. August eine Menschenkette, um der Kohle die "roten Linien" aufzuzeigen.

Es ist dieses Jahr das zweite Klimacamp in Deutschland. Bereits im Frühjahr hatte sich die Klimabewegung schon einmal im Lausitzer Kohlerevier getroffen – nicht nur an einem Ort, sondern zu einer mehrtägigen Fahrradtour mit verschiedenen Stopps.

Praktische Alternativen im Alltag erproben

In Deutschland haben die Klimacamps im Rheinland und in der Lausitz schon mehrjährige Tradition. Ursprünglich stammt die Idee aus Großbritannien. Dort hatten Globalisierungskritiker ab 2006 begonnen, "Camps for Climate Action" zu organisieren, damit sich die Bewegung von den Rückschlägen erholen konnte, die der G8-Gipfel 2005 im schottischen Gleneagles gebracht hatte: Die Proteste waren von einem massiven Polizeiaufgebot im Grunde erstickt worden.

Für die Klimabewegung sind die Camps seither entscheidend, meint der Sozialwissenschaftler Hendrik Sander. "Dort konstituiert sich die Bewegung als politische Gemeinschaft, entwickelt eine Gegenexpertise und erprobt praktische Alternativen im Camp-Alltag." Die Zeltlager sind außerdem eine Art Homebase für Protestaktionen mit massenhafter Beteiligung wie etwa Ende Gelände. "Seit dem Klima- und Antirassismuscamp 2008 in Hamburg waren größere Protestaktionen in Deutschland immer mit einem Camp verbunden", meint Sander.

In immer mehr europäischen Ländern organisieren Aktivisten Klimacamps – im Juni beispielsweise erstmals in Tschechien. Nicht überall protestieren die Klimaschützer wie in Deutschland gegen die Kohlewirtschaft – in anderen Ländern kämpfen sie gegen Fracking-Bohrungen oder Gaskraftwerke.

BildAuch in diesem Jahr sind wieder Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Braunkohleindustrie geplant. (Foto: Ende Gelände/​Flickr)

Am Dienstag ist das zweite französische Camp zu Ende gegangen. Im südfranzösischen Weinbaugebiet Maury hatten sich mehrere hundert Protestler getroffen. Organisiert haben es der französische Zweig von Friends of the Earth und die Klimaschutzgruppen Alternatiba und ANV COP21.

Auch in Schweden hatten sich die Klimaaktivisten Anfang August zum gemeinsamen Zelten und Politikmachen getroffen. Die schwedischen Friends of the Earth, der Naturschutzverband Fältbiologerna und die Klimakampagnen Fossilfritt Sverige und Fossilgasfällan richteten ein Camp nahe Göteborg aus, wo ein neues Erdgasterminal entstehen soll.

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