Trump will zurück in die Zukunft

BildAbgesandte des US-Präsidenten stellen beim Bonner Klimagipfel Trumps Vision für das Energiesystem der Zukunft vor: Eine Mischung aus Kohle, Gas und Atomkraft – natürlich alles klimafreundlich und sauber. Doch die Vertreter der drei Energieformen bekämpfen sich gegenseitig.

Aus Bonn Benjamin von Brackel

Am Montagabend bildete sich im Raum 10 auf der UN-Klimakonferenz in Bonn eine lange Schlange – schon eine Stunde, bevor die Veranstaltung überhaupt beginnen sollte. Wie vor einem Popkonzert. Der Grund: Es stand der einzige Auftritt der Abordnung von Donald Trump auf dem Gipfel bevor. Das Thema: die Vision des US-Präsidenten für ein Energiesystem der Zukunft.

BildKurz vor Beginn der Veranstaltung spricht Washingtons Gouverneur Jay Inslee vor der Presse: "Wir lehnen Trumps Leugnung des Klimas ab." (Foto: von Brackel)

Wie diese Vision aussieht, ließ sich schon an den Namensschildern der Podiumsteilnehmer ablesen. Mit dabei: Vertreter der Gas-Industrie, der Kohleindustrie und der Atomindustrie. Alle angeblich im Namen einer sauberen, klimafreundlichen Zukunft.

Doch bevor es losging, marschierte ein hochgewachsener Mann im Anzug in den Saal und platzierte sich vor der Weltpresse. "Wir lehnen Trumps Leugnung des Klimawandels ab", erklärte Jay Inslee, Gouverneur des Bundesstaates Washington, neben seiner demokratischen Kollegin Kate Brown aus Oregon. "Die Regierung verhält sich gegenüber dem Klimawandel wie eine Feuerwehr, die nicht ausrückt, um einen Brand zu löschen." Aber es gebe ja noch die US-Bundesstaaten und Städte.

"Das andere Amerika" verspricht Klimaschutz trotz Trump

Eine Allianz aus 110 Städten, 20 Bundesstaaten und 1.300 Unternehmen hat sich zu eigenen Klimazielen verpflichtet, nachdem Trump im Juni angekündigt hatte, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen. "Das ist keine Kleinigkeit – wir vertreten 40 Prozent der US-Wirtschaft", sagte Inslee.

Geschmiedet hatten diese Allianz Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown und New Yorks früherer Bürgermeister Michael Bloomberg – beide sind als Klima-Sonderbotschafter auf dem Gipfel in Bonn. Zusammen hatten sie vergangene Woche "America's Pledge" (Amerikas Versprechen) vorgestellt, ein 120-seitiges Dokument, in dem sich 110 Städte, 20 Bundesstaaten und 1.300 Unternehmen zu eigenen Treibhausgas-Reduktionszielen verpflichten, nachdem Trump im Juni angekündigt hatte, aus dem Paris-Abkommen aussteigen zu wollen.

Espinosa begrüßt "America's Pledge"

Eigentlich ist es nur Staaten vorbehalten, Klimaziele bei den Vereinten Nationen einzureichen. Nun fordert Bloomberg aber, dass auch Städte und Bundesstaaten mit am Verhandlungstisch auf den Weltklimakonferenzen sitzen und ihre eigenen Klimaziele berichten dürfen. Damit würde es trotz eines möglichen Ausstiegs der US-Regierung aus dem Abkommen weiterhin einen Ansprechpartner in den USA geben, der in die Verantwortung genommen werden kann für das noch unter Barack Obama eingereichte Klimaziel: 26 bis 28 Prozent Einsparung bis 2025 bezogen auf 2005.

Die Chefin des UN-Klimasekretariats Patricia Espinosa begrüßte den Vorschlag und erklärte, sie werde "America's Pledge" in die formalen Verhandlungen einbringen. "Die Agenda für den Klimawandel und unsere Ziele für nachhaltige Entwicklung können nicht nur durch Regierungen geliefert werden", sagte Espinosa.

BildTrumps Umweltberater George David Banks wirbt in Bonn für die Kohle. (Foto: von Brackel)

Am Montagabend auf der UN-Klimakonferenz vertrat George David Banks die Gegenseite – die US-Regierung. Trumps Umweltberater erklärte, dass gewaltige Energiemengen nötig seien, um die Energiearmut in der Welt zu bekämpfen und die wachsende Nachfrage durch das Bevölkerungswachstum zu befriedigen.

"Es ist naiv zu glauben, dass das allein mit Wind und Sonne geht, weshalb wir weiterhin fossile Energien brauchen werden", sagte Banks, während gedämpft das Skandieren von Protestdemonstranten vor der Tür hereindrang. "Allerdings sollten sie so grün und sauber sein wie möglich."

Die Zuhörer blieben in der ersten Viertelstunde mucksmäuschenstill, bis der halbe Saal sich plötzlich erhob und eine einstudierte Gesangseinlage ablieferte. In einer abgewandelten Version von "God bless the USA" sangen sie minutenlang "I'll gladly stand up next to you and keep it in the ground", ehe sie den Raum verließen.

"Wir können nur vorankommen, wenn wir einander zuhören", erklärte daraufhin Amos Hochstein, der in der Obama-Regierung gearbeitet hatte und nun in der Gasverflüssigungsfirma Tellurian angestellt ist. "Wir sollten uns nicht nur im Kreis drehen wie hier auf der Klimakonferenz."

US-Kohlebranche in der Zwickmühle

Wer dann allerdings seinem Rat folgte und zuhörte, konnte erleben, dass die neue Allianz der Energiezukunft, wie sie sich Trump vorstellt, sich mit Klimaschutz kaum vereinbaren lässt – und auch untereinander gar nicht so richtig zusammenpassen will. So hat der Boom des billigen etwas klimafreundlicheren der US-Kohleindustrie angetrieben. In wenigen Jahren hat sich die Kohlekraftwerksflotte halbiert, die Produktion ist eingebrochen. Und nur mithilfe des etwas klimafreundlicheren Schiefergases konnten die USA ihren CO2-Ausstoß in den vergangenen Jahren drosseln.

Im Raum 10 in Bonn kündigte indes Holly Krutka vom Energieunternehmen Peabody Energy an, die Kohlekraftwerke für mehr Effizienz umzubauen und mit CCS-Technologie auszurüsten – damit seien Kohlekraftwerke "nahe null beim CO2-Ausstoß" möglich. Allerdings sei CCS "drastisch unterfinanziert".

Die US-Kohlebranche steckt in einer Zwickmühle: Ohne CCS hat sie aus Klimaschutzgründen keine Zukunftsperspektive. Allerdings ist die Risikotechnologie nicht nur höchst umstritten, sie reduziert auch die Effizienz der Kohlemeiler und ist schlicht zu teuer. Da die Kraftwerke aber heute schon ums Überleben kämpfen, wirkt die CCS-Option schon allein aus wirtschaftlichen Gründen aussichtslos.

BildIllustres Podium auf der Klimakonferenz in Bonn: Trumps Umweltberater Banks (links) und die Vertreter der Gas-, Kohle- und Atomindustrie, Amos Hochstein, Holly Krutka und Lenka Kollar (4., 5. und 6.). (Foto: von Brackel)

Schließlich kommt noch die Atomenergiebranche ins Spiel, die sich als klimafreundliche Technologie gegenüber Gas und Kohle abgrenzt und ein Interesse daran hat, die Marktmacht der beiden Konkurrenten zu dezimieren. Insofern erscheint es folgerichtig, dass Lenka Kollar von Nuscale Power – einem US-Unternehmen, das kleine Atomkraftwerke in Modulform entwickelt – als einzige im Raum 10 ein klares "Nein" als Antwort gab auf die Frage einer Reporterin, ob die Podiumsteilnehmer die Trumps Ankündigung, aus dem Klimaabkommen aussteigen zu wollen, unterstützen.

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Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 23 
finden Sie in unserem Fidschi-Bonn-Dossier

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