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Eindeutiger Befund, betretenes Schweigen

Die Welt vor Doha: Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wies mehr Wetterextreme auf als irgendeines jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte – zumindest seit es verlässliche Daten gibt. Potsdamer Klimaforscher haben nachgewiesen, dass diese Häufung kein Zufall ist. Die Menschheit bringt das Klima nicht aus dem Takt, sie hat es schon aus dem Takt gebracht. Teil 7 unserer Serie Doha-Contdown

Aus Potsdam Nick Reimer

"Im Einzelfall lässt sich die Erderwärmung als Ursache meist nicht dingfest machen – in der Summe aber wird der Zusammenhang mit dem Klimawandel deutlich", sagt Dim Coumou vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Hauptautor einer Studie, die extreme Wetterereignisse untersucht. Coumous Team hat sich der statistischen Analyse und Computersimulationen bedient. Aber die Forscher weisen darauf hin, dass "einfache Physik" ausreiche, um einem halbwegs gebildeten Menschen klarzumachen, dass die Erwärmung der Atmosphäre zu mehr Extremen führen muss. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit halten, Feuchtigkeit wiederum ist gespeicherte Energie, die plötzlich abregnen kann. Dass beispielsweise Tropenstürme – je nach Region Taifune oder Hurricans genannt – bei wärmeren Wassertemperaturen stärker werden, ist also logisch.

So wie hier an der Südspitze Grönlands wird es wohl im nächsten Jahrhundert überall aussehen auf der größten Insel der Erde, die jetzt noch von einer mehrere Kilometer dicken Eisschicht bedeckt ist. (Foto: ilovegreenland/flickr.com)

Und der Trend geht unvermindert weiter. Für die Öffentlichkeit wird das deutlich, wenn Medien hysterisch jede Wendung des Sturms Sandy vor New York nachzeichnen. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges: So wurden in einer einzigen Märzwoche in diesem Jahr in Nordamerika an mehr als eintausend Orten historische Wärmerekorde gemessen – zwischen dem 13. und 19. März.

Trotzdem überwiegt besonders in der US-amerikanischen Öffentlichkeit die Überzeugung, so etwas habe nichts mit der Erderwärmung zu tun. Obamas Unterhändler können es sich auf der Weltklimakonferenz in Doha leisten, auf die Bremse zu treten, sie riskieren nicht, nach ihrer Heimreise als Buhmann an den Pranger gestellt zu werden – eher das Gegenteil ist der Fall.

Städte wie New York müssen irgendwann aufgegeben werden

Dabei machen die Forscher klar, dass Städte wie New York nicht zu halten sein werden und perspektivisch aufgegeben und verlassen werden müssen: "Weil die Eis- und Wassermassen der Welt sehr langsam auf die globale Erwärmung reagieren, bestimmen unsere Emissionen heute den Meeresspiegel für die künftigen Jahrhunderte", sagt Michiel Schaeffer von der Universität Wageningen. Leitautor der Studie "Long-term sea-level rise implied by 1.5° C and 2° C warming levels".

Nie war die arktische Schmelze stärker als in diesem Jahr, und was den Forschern besonders Sorge bereitet, ist der drei Kilometer hohe Grönland-Eispanzer. Schaeffers Studie zeigt: Selbst wenn die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzt werden würde, könnte der globale mittlere Meeresspiegel im Jahr 2300 um 1,5 bis 4 Meter höher liegen als heute. Als besten Schätzwert gibt der Studienautor 2,7 Meter höhere Weltmeere an. New Yorks U-Bahn-Schächte laufen schon heute ständig voll.

Doch selbst wenn der Treibhausgas-Ausstoß so begrenzt werden könnte, dass die Erwärmung unter 1,5 Grad Celsius gehalten wird, schmilzt der Eispanzer mittelfristig ab. Der Meeresspiegel würde in diesem Fall bis ins Jahr 2300 lediglich um 1,5 Meter steigen. Schon heute liegen wir bei einer globalen Erwärmung von 0,8 Grad. Und nicht einmal die Mehrzahl der Klimadiplomaten auf dem Parkett von Doha hat das Mandat, über 1,5 Grad als oberste Grenze zu verhandeln.

"Für New York City bedeutet ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter: Die Häufigkeit schwerer Überflutungen könnte sich von 'einmal pro Jahrhundert' auf 'einmal alle drei Jahre' steigern", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Ko-Autor der Studie. Auch niedrig liegende Länder und Regionen mit ausgedehnten Flussdeltas wie in Bangladesh sowie kleine Inselstaaten wären wahrscheinlich erheblich betroffen.

Schmilzt das Grönland-Eis bereits unwiderruflich ab?

Als ob das nicht schon Hiobsbotschaften genug wären: Möglicherweise ist es bereits zu spät, das Abschmelzen des Grönland-Eises überhaupt noch zu stoppen. Eine weitere Studie des PIK kommt zu dem Schluss, dass sich die Grenze für den völligen Verlust des Eispanzers zwischen 0,8 und 3,2 Grad Celsius globaler Erwärmung befindet. Die Wissenschaftler um Alexander Robinson, Hauptautor der in Nature Climate Change veröffentlichten Studie, geben zwar als besten Schätzwert 1,6 Grad über den Temperaturen vor Beginn der Industrialisierung an. Aber wie gesagt: Die untere Grenze der Studie ist mit 0,8 Grad bereits erreicht und die Empfindlichkeit des Grönland-Eispanzers wurde bislang immer unterschätzt. Frühere Forschungen hatten für das Schmelzen der Eismassen Grönlands eine Schwelle von 3,1 Grad Erderwärmung ermittelt – damals hatten die Wissenschaftler nicht geglaubt, dass der Eispanzer in naher Zukunft so angegriffen werden könnte, wie dies heute der Fall ist.

"Unter bestimmten Bedingungen wird das Schmelzen der Eismassen Grönlands unumkehrbar, wie unsere Studie zeigt", sagt Andrey Ganopolski vom PIK, Leiter des Forschungsteams. Selbst wenn das Klima nach vielleicht einigen tausend Jahren wieder zu einem Zustand wie vor der Industrialisierung zurückkehren würde – das Grönlandeis käme nie wieder zurück. Das hängt mit Rückkopplungen zwischen Klima und Eisdecke zusammen: Die Oberfläche des Grönland-Eises befindet sich heute in 3.000 Meter Höhe, also in Luftschichten, die kühler sind als untere. Sinkt die Oberfläche durch das Schmelzen in wärmere Luftschichten, beschleunigt sich der Eisverlust ganz automatisch.

Dazu kommt eine Wechselwirkung mit der Arktisschmelze: Eis reflektiert einen großen Teil der Sonneneinstrahlung zurück ins All. Wenn durch das Schmelzen die von Eis bedeckte Fläche schrumpft, wird vom Arktischen Ozean mehr Sonnenstrahlung absorbiert. Dadurch wird das Meerwasser wärmer, die Eisfläche immer kleiner, die regionale Erwärmung wird verstärkt.


Da braut sich was zusammen: Der Hurrikan Irene legte im August 2011 in Teilen von New York die U-Bahn und die Stromversorgung lahm, mehrere Menschen ertranken. Laut einer neuen Studie wird das künftig so oft passieren, dass die Stadt aufgegeben werden muss. (Foto: egochishintaro/flickr.com)

Die Presse-Abteilung des PIK erklärt zu der vorgelegten Studie: Das Modell – also die der Studie zugrunde liegende Theorie – "bewies dabei die Fähigkeit, sowohl die heute beobachtbare Eisbedeckung korrekt zu berechnen als auch ihre Entwicklung über die vergangenen Eiszeit-Zyklen hinweg. Deshalb wird der Simulation zugetraut, auch die Zukunft richtig abzuschätzen."

Es müsste also schleunigst etwas passieren! Stattdessen steigen die weltweiten Emissionen auf immer neue Rekordmarken – allein 2011 waren es wieder drei Prozent mehr. Damit befindet sich die Welt auf einem Pfad zu fünf Grad globaler Temperatursteigerung bis zum Ende des Jahrhunderts – einem Zeitpunkt, den viele der heute Geborenen wohl noch erleben werden. Anders Levermann, Ko-Leiter des PIK-Forschungsbereichs "Nachhaltige Lösungsstrategien", sagt dazu: "Fünf Grad in 5.000 bis 10.000 Jahren, das ist der Unterschied zwischen einer Eis- und einer Warmzeit. Bei diesem Treibhausgasausstoß erleben wir diesen Temperaturanstieg aber binnen eines, nämlich dieses, Jahrhunderts. Das ist 50- bis 100-mal schneller – schon ein drastischer Unterschied."


Alle anderen Texte unserer Serie Doha-Countdown finden Sie hier.


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