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Tegel: Der Flughafen der unnötigen Flüge

Die Berliner haben in einem Volksentscheid dafür gestimmt, dass der Flughafen Tegel weiterbetrieben wird, auch wenn der neue Hauptstadtflughafen BER in Betrieb geht. Viele der klimaschädlichen Flüge, die in Tegel starten, könnten einfach auf die Schiene verlagert werden. Die Hauptstadt allein kann das aber nicht durchsetzen.

Aus Berlin Friederike Meier und Susanne Schwarz

Am Wahlsonntag haben sich die Berliner entschieden: Sie wollen den Flughafen Tegel gerne behalten, auch nachdem der neue Hauptstadtflughafen BER geöffnet hat. 56 Prozent der Wahlberechtigten stimmten dafür, 42 Prozent dagegen. Der rot-rot-grüne Berliner Senat, der selbst gegen den Weiterbetrieb ist, will nun in einer gemeinsamen Kabinettsitzung mit der brandenburgischen Landesregierung über die Konsequenzen der Abstimmung beraten, deren Ergebnis rechtlich nicht bindend ist. Eines spielte und spielt in den Debatten kaum eine Rolle: der Klimaschutz.

BildIn weniger als vier Stunden von Berlin nach München kann man demnächst mit dem ICE fahren. (Foto: Schulze von Glaßer)

Der Luftverkehr trägt bekanntermaßen besonders stark zum Klimawandel bei. Schon jetzt beträgt der Gesamtanteil des Flugverkehrs an der globalen Erwärmung laut dem Verkehrsclub Deutschland etwa fünf Prozent und die Branche wächst rasant, nämlich jährlich um rund vier Prozent.

Im Falle Tegels scheint ein ansehnlicher Teil der massenhaften CO2-Emissionen schlicht unnötig zu sein, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion zeigt. Von dem Flughafen im Berliner Stadtgebiet starten nämlich vor allem Kurzstreckenflüge – die sich hervorragend auf die Schiene verlagern ließen.

Verlagerung ist möglich

Die Schwelle liegt bei vier Stunden: Bis zu dieser Fahrzeit, lautet die Faustregel, sind Menschen bereit, für Fernstrecken den Zug zu nehmen. Acht Prozent der Flüge, die im vergangenen Jahr von Tegel starteten oder landeten, ersetzten demnach genau solche Zugstrecken. Wenn man bei der Reisedauer noch ein bisschen Zeit aufschlägt, wird das Ergebnis noch deutlicher: Berechnet man auch Flüge ein, deren Strecke mit dem Zug in bis zu sechs Stunden zurückzulegen wäre, kommt man auf 38 Prozent des Tegeler Flugaufkommens.

Ab dem nächsten Fahrplanwechsel der Deutschen Bahn könnte das noch besser werden. Dann kommt mit München ein weiteres Reiseziel hinzu, dass innerhalb von vier Stunden mit der Bahn erreichbar sein soll. Und das könnte sich lohnen. Denn laut der Antwort der Bundesregierung ist München das beliebteste Reiseziel von Tegel aus: 2016 starteten dort 7.600 Flüge in Richtung München – mehr als zu jedem anderen Inlandsziel.

Eva Bulling-Schröter, klimapolitische Sprecherin der Linksfraktion, hält denn auch die Offenhaltung von Tegel sowohl für die Stadtentwicklung als auch für den Klimaschutz für "völlig kontraproduktiv". Die Hauptstadt selbst kann allerdings für die bundesweite Verkehrsverlagerung auf klimafreundlichere Verkehrsmittel nicht viel tun. Bulling-Schröter sieht hier die Bundesregierung, "ob alte oder neue", in der Pflicht.

Regierung fördert das Fliegen

Noch-Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wünscht sich allerdings in seinem Luftverkehrskonzept sogar einen Zuwachs: "Fliegernationen sind Wohlstandsnationen", findet der CSU-Politiker. Dobrindt will Fluggesellschaften entlasten, etwa die Senkung oder gar Abschaffung der Luftverkehrssteuer prüfen. Für Flughäfen wünscht er sich "Kapazitätserweiterungen, gute Verkehrsanbindungen und bedarfsgerechte Betriebszeiten".

Schon jetzt profitiert der Luftverkehr von Subventionen in Milliardenhöhe. Laut dem Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft, einem Umwelt-Thinktank, sind der Staatskasse durch die Steuerbefreiung beim Kerosin für Inlandsflüge im vergangenen Jahr 7,4 Milliarden Euro entgangen. Die Mehrwertsteuerbefreiung internationaler Flüge ließ sich der Staat 2014 – neuere Daten sind nicht verfügbar – weitere 4,4 Milliarden Euro kosten. Für Klimapolitikerin Bulling-Schröter ist es da kein Wunder, dass das Fliegen auch innerhalb des Landes immer beliebter wird.

Laut Statistischem Bundesamt waren im ersten Halbjahr dieses Jahres wieder höhere Inlandsflugzahlen zu verzeichnen als im Vorjahr: Die Zahl der Passagiere erhöhte sich um 2,3 Prozent auf fast zwölf Millionen. "Nimmt die Regierung die Verkehrswende ernst, dann müssen auch heilige Kühe geschlachtet werden wie Subventionen für Flughäfen, das Mehrwertsteuerprivileg für Auslandsflüge und die Einführung einer starken Kerosinsteuer", fordert Bulling-Schröter.

Wachstum des Flugverkehrs als Naturgesetz

Die Tegel-Befürworter in Berlin, bei den Parteien sind es FDP und CDU, gehen wie der Bundesverkehrsminister von einem steigenden Flugaufkommen aus. Deshalb halten sie den neuen BER für nicht ausreichend, um alle Flüge abzuwickeln – im Gegensatz zu Rot-Rot-Grün.

Das Klima spiele in der Diskussion um Tegel kaum eine Rolle, kritisiert Tilman Heuser, Berliner Landeschef des Umweltverbandes BUND. "Die Klimaargumente gingen unter, sie wurden auch von den Medien nur bedingt aufgegriffen", bemängelt Heuser. "Das Wachstum des Flugverkehrs wird als Naturgesetz angenommen und von vielen nicht infrage gestellt."

So seien die Gründe für die Entscheidung der Berliner auch woanders zu suchen. Mangelndes Vertrauen in den Pannenflughafen BER sieht Heuser als Hauptgrund dafür, dass die Mehrheit der Berliner für den zweiten Flughafen gestimmt hat. Außerdem spiele die emotionale Bindung an Tegel eine Rolle, viele Menschen empfänden den Flughafen als praktisch und nah. Der BUND war neben zahlreichen lokalen Initiativen eine der Organisationen, die sich gegen den Erhalt von Tegel eingesetzt hat.

BildFliegen ist wesentlich klimaschädlicher als Zugfahren und immer noch doppelt so schädlich wie Autofahren – und von Tegel aus in vielen Fällen völlig unnötig. (Foto: Standardizer/​Wikimedia Commons)

Trotz des Volksentscheids ist Heuser optimistisch, dass Tegel geschlossen wird, wenn der BER in Betrieb geht. Laut einem vom BUND Berlin Auftrag gegebenen Gutachten ist die Offenhaltung des älteren Flughafens rechlich gar nicht möglich. "Man kann Tegel nicht weiterbetreiben, weil das Planungsrecht dagegensteht", sagt Heuser. Er fordert, dass die Berliner Region ein eigenes Luftverkehrskonzept bekommt, indem die Hauptstadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten auf nachhaltigen Verkehr setzt.

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