Ist die Energiewende gescheitert?

Die Energiewende kostet Milliarden, bringt aber nichts für den Klimaschutz. So kann man es in einigen Medien immer wieder lesen. Gleicht man die Behauptungen mit den Fakten ab, entsteht ein völlig anderes Bild. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war der Grundstein für die jetzt stattfindende weltweite Energiewende und für einen wirksamen Klimaschutz im Energiebereich.

Ein Standpunkt von Raimund Kamm

BildJetzt im Spätsommer 2017 können wir unsere Bundestagsabgeordneten neu wählen. Zwei Parteien, die voraussichtlich in den Bundestag kommen werden, möchten das Erneuerbare-Energien-Gesetz für neue Anlagen abschaffen. Was im Prinzip sogar richtig wäre – wenn man allen Energien auch ihre Folgekosten berechnen würde. Einige Medien wie die Tageszeitung Die Welt behaupten zum wiederholten Mal, die Energiewende in Deutschland sei mangels Erfolgen gescheitert. Stellen wir den Behauptungen in der Welt am Sonntag vom 23. Juli einmal die Fakten gegenüber.

Behauptung 1: "Die Ökostrom-Revolution hat Deutschland im Klimaschutz bislang nicht weitergebracht."

Mit der Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 wurde besonders der Ausbau von Bioenergie (Biomasseheizkraftwerke und Biogasanlagen), Photovoltaik und Windkraft angereizt. Das wird im Artikel auch als Beginn der Ökostrom-Revolution verstanden.

Von 2000 bis 2016 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (alle in einem Jahr im Land erzeugten Güter und Dienstleistungen) in Deutschland preisbereinigt um 20,6 Prozent.

  • In der gleichen Zeit sank die Zahl der Kilowattstunden aus Braunkohle- und Steinkohlekraftwerken von 291 Milliarden auf 262 Milliarden.
  • Die Zahl der Kilowattstunden aus Erdgaskraftwerken nahm stark zu – mit allerdings von Jahr zu Jahr großen Schwankungen – von 49 auf 81 Milliarden. (2015 waren es nur 62 Milliarden.)
  • Die Zahl der Kilowattstunden aus Atomkraftwerken wurde von 170 auf 85 Milliarden halbiert.
  • Die Zahl der Kilowattstunden aus erneuerbaren Energien stieg bei der Windkraft von zehn auf 79 Milliarden, bei der Photovoltaik von null auf 38 Milliarden und bei der Biomasse von zwei auf 45 Milliarden; bei der Wasserkraft sank sie – bei wetterbedingten Schwankungen – von 25 auf 21 Milliarden.
  • Zugleich wurde aus einem Stromhandelsdefizit von drei Milliarden Kilowattstunden ein Rekord-Stromhandelsüberschuss von 54 Milliarden Kilowattstunden.

In der Energiewirtschaft sanken die CO2-Emissionen vom Jahr 2000 auf das Jahr 2015 von 355 auf 330 Millionen Tonnen CO2.

Fazit: Trotz 21 Prozent Wirtschaftswachstum konnte die Atomstromproduktion halbiert und die Kohlestromproduktion um ein Zehntel verringert werden. Allerdings stieg auch die Erdgasstromproduktion um zwei Drittel. Zugleich wuchs der Stromexportüberschuss, der in unseren Nachbarländern überwiegend Gasstrom verdrängt, auf einen Rekordwert. Der CO2-Ausstoß konnte verringert werden, weil viel Strom aus Biomasse, Sonne und Wind hinzugekommen ist. Für den Umweltschutz sind die Verringerungen des CO2-Ausstoßes allerdings viel zu gering. Insofern müssen gerade Photovoltaik und Windkraft viel konsequenter ausgebaut werden.

Behauptung 2: Der "eigentliche Wert des Stroms" wird "an der Strom­börse EEX nach Angebot und Nachfrage ermittelt".

Das ist falsch. Vor etwa zehn Jahren hat man für heute an der Strombörse Preise von sieben bis zehn Cent pro Kilowattstunde erwartet. Es war die Zeit der Drohungen mit der Stromlücke beim Abschalten der Atomkraftwerke. In Wirklichkeit haben wir heute Stromüberschüsse und zu hohe Kraftwerkskapazitäten, die die Preise an der Strombörse auf rund drei Cent gedrückt haben. Das ist aber nicht der "eigentliche Wert des Stroms".

Die Überkapazitäten bei den Kraftwerken haben wir auch deshalb, weil alte Atom- und Kohlekraftwerke subventioniert wurden und werden, abgeschrieben sind und ihre Folgekosten – unzureichende Versicherung bei einem Super-GAU, Verlagerung von Atommüllkosten auf die Steuerzahler, Klimaschäden – auf andere abschieben und somit ihren Strom zu Dumpingpreisen anbieten können.

Das ist aber nicht der "eigentliche Wert des Stromes". Die Energiewirtschaftler sagen unermüdlich, dass sich bei einem Preis an der Strombörse von nur drei Cent pro Kilowattstunde keine Investitionen in neue Kraftwerke lohnen. Denn bei dem Preis können Abschreibungen und Kapitaldienst nicht bezahlt werden.

Behauptung 3: "Die Gesamtkosten der Energiewende steigen auf 520 Milliarden Euro bis zum Jahre 2025."

Das ist eine sachunkundige Interpretation, die außer Acht lässt, dass infolge der durch das EEG angereizten erneuerbaren Energien der Preis an der Strombörse heute nicht bei sieben bis zehn Cent pro Kilowattstunde liegt, wie man noch vor zehn Jahren angenommen hatte, sondern bei nur drei Cent.

Wenn man diese Gewinne durch die Energiewende mit den Kosten für die Energiewende verrechnet, bleibt kaum noch ein Defizit übrig. Darauf hat Jürgen Karl, Professor für Energieverfahrenstechnik an der Universität Erlangen-Nürnberg, mit einer umfangreichen Studie hingewiesen.

Die industriellen Großverbraucher von Strom kaufen heute den Strom deutlich günstiger als vor zehn Jahren ein.

Wenn man dann noch die Folgekosten der alten Energien von den Atomrisiken und Kosten für den Atommüll bis zu den gigantischen Kosten für die kommenden Klimaschäden berücksichtigt, rechnet sich die Energiewende allemal.

Wenn endlich allen Energiearten verursachergerecht auch ihre Folgekosten angelastet werden, ist auch das EEG bald überflüssig.

Behauptung 4: "Die Qualität des Ökostroms lasse sehr zu wünschen übrig. Denn produziert wird wetterabhängig, oft an jeder realen Nachfrage vorbei. Da die gesamte deutsche Ökostrom-Produktion in Zeiten einer winterlichen 'Dunkelflaute' wochenlang auf Werte nahe null fällt, hätten die erneuerbaren Energien de facto noch kein einziges steuerbares Kraftwerk überflüssig gemacht."

Das ist falsch. Alle Atomkraftwerke und auch die ersten alten Kohlekraftwerke können sofort abgeschaltet werden. Für Tage mit wenig Solar- und Windstrom haben wir Optionen:

  • Mehr speicherbare Bioenergie und Wasserkraft nutzen.
  • Mehr Strom aus anderen Ländern beziehen. Wenn alle Länder ihre Reserven gemeinsam planen und einsetzen, brauchen sie insgesamt weniger. Bei Flaute bei uns laufen am Rande des Hochs in der Normandie oder in Polen oder in Großbritannien oder in Skandinavien die Windräder. Wir werden zukünftig an solchen Tagen mehr Strom über verlustarme HGÜ-Leitungen aus skandinavischen Speicherkraftwerken und schweizerischen Speicher- und Pumpspeicherkraftwerken beziehen.
  • Verschiedene Arten von Speichern bauen: Pumpspeicherkraftwerke, Batterien, Power-to-Gas, Power-to-Liquid, Druckluftspeicher. Die Speichertechnik ist heute in so schneller Entwicklung, dass wir jetzt nicht absehen können, welche Speicher beispielsweise im Jahr 2025 die ökologisch wie ökonomisch besten sein werden. Jetzt im Jahr 2017 sind jedoch die Pläne für neue Pumpspeicherkraftwerke auf Eis gelegt worden, weil wegen der Kraftwerksüberkapazitäten kein Bedarf für neue Speicher besteht.
  • Lastmanagement. Große Stromverbraucher wie Elektrometallschmelzen, Luftzerlegungsanlagen oder Kühlhäuser können in gewissem Umfang flexibel ihren Stromverbrauch nach dem Angebot von Strom aus erneuerbaren Energien ausrichten.
  • Heute schon sind Gaskraftwerke – Beispiel Irsching, München, Nürnberg, Augsburg – mit einer Kapazität von vielen tausend Megawatt arbeitslos. Man kann sie in Reserve halten. Sie rechnen sich aber nur, wenn in den wenigen Arbeitstagen die Strompreise so hoch sind, dass sie dann das Geld fürs ganze Jahr verdienen. Übrigens: Es soll Bedienungen beim Oktoberfest geben, die in den zwei Wochen ihr Geld für Monate verdienen.

Behauptung 5: "Während einer zweiwöchigen 'kalten Dunkelflaute' im Januar konnte die Stromversorgung in Westeuropa nur gesichert werden, weil praktisch jedes verfügbare Kohle-, Öl- und Gaskraftwerk ans Netz ging, um den Ausfall der Ökostrom-Produktion zu kompensieren."

In diesen kalten Tagen Anfang 2017 gab es große Probleme in Belgien und Frankreich, da dort viele Atomkraftwerke ausgefallen waren. Deutschland hat in dieser Zeit an die beiden Länder Strom geliefert.

Behauptung 6: "Mit dem landschaftsverändernden Bau von 27.000 Windrädern und 1,6 Millionen Solaranlagen wurde erst 3,1 Prozent des deutschen Primärenergie-Bedarfs ökologisiert."

Es ist irreführend, konventionellen und erneuerbaren Strom mit dem Maßstab Primärenergie zu vergleichen. Bei Kohlekraftwerken mit einem Wirkungsgrad von beispielsweise 40 Prozent werden für 100 Kilowattstunden produzierten Strom 250 Kilowattstunden Kohle eingesetzt und zusammen mit einem Zuschlag für den Transport des Brennstoffs als Primärenergie bilanziert. Bei einem AKW mit 33 Prozent Wirkungsgrad werden für jede Kilowattstunde Strom drei Kilowattstunden Primärenergie veranschlagt.

Bei Photovoltaik und Windkraft hat man hingegen definiert, dass eine Kilowattstunde Strom mit einer Kilowattstunde Primärenergie verrechnet wird. Insofern wird mit Vergleichen, die bei der Energiewende den Maßstab Primärenergie verwenden, der Leser vorsätzlich hinters Licht geführt.

Der Umstieg von atomaren und fossilen Energiequellen auf Solarenergie, Wasser- und Windkraft führt somit zu mehr als einer Halbierung des Primärenergieverbrauchs. Und das zeigt, wie ungeeignet bei der Beurteilung des Fortschritts der Energiewende der Maßstab "Primärenergieverbrauch" ist.

Das EEG hat Erneuerbare weltweit erschwinglich gemacht

In Deutschland haben wir mit der Energiewende seit dem Jahr 2000 schon Großes erreicht. Trotz des Wachstums der Wirtschaft konnte die Atomstromerzeugung halbiert und die Kohlestromerzeugung um ein Zehntel verringert werden. Allerdings reicht das noch bei Weitem nicht aus, um die notwendigen Klimaschutzziele zu erreichen.

Der weitaus größere Erfolg der deutschen Energiewende ist, dass wir durch ein im Prinzip geniales Erneuerbare-Energien-Gesetz die Entwicklung der Solar- und Windkrafttechnik weltweit rasant in Schwung gebracht haben. Die Elektrifizierung beispielsweise von Afrika erfolgt nicht mit Atomkraft, sondern mit Photovoltaik und Windkraft. Sogar in den asiatischen Boomländern China und Indien hat die Kohleverbrennung ihren Höhepunkt erreicht. Preiswerte Photovoltaik und Windkraft machen viele Planungen für neue Atom- und Kohlekraftwerke hinfällig.

Wir haben allen Grund, auf die Energiewende in Deutschland stolz zu sein. Wir haben aber auch allen Grund, diese Energiewende in Deutschland wieder konsequent zu beschleunigen.

BildErneuerbare Energien sind erschwinglich – und oft sogar schön. (Foto: Felix Brönnimann/​Pixabay)

Der Ökonom Raimund Kamm ist freiberuflicher Organisationsentwickler und Managementtrainer in Augsburg. Der langjährige Anti-Atom- und Friedensaktivist ist Vorstand des Vereins Forum Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik und bayerischer Landesvorsitzender des Bundesverbandes Windenergie. Ebenfalls ehrenamtlich arbeitet er im Bund Naturschutz und im Landesbund für Vogelschutz mit.

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