Die Stadt als Bergwerk

Der gute Wille

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Deutschlands wichtigster Rohstoff? Die Gehirne seiner Bürger, also das Wissen, die Bildung, die Innovationskraft. So heißt es immer wieder. Denn unser Land gilt als "rohstoffarm". Erdöl und Erdgas gibt es in der Tat kaum, auch Erze und viele wichtige Industriemineralien müssen fast komplett importiert werden. Sand und Kies sind zwar nicht knapp, ihr Abbau ist aber, da in großen Mengen verbraucht, mit großen Umweltschäden verbunden.

Es ist also längst an der Zeit, die Gehirne einzusetzen, um unseren Ressourcenhunger einzudämmen. Denn obwohl "rohstoffarm", konsumiert Deutschland gewaltige Mengen an Ressourcen. Pro Bundesbürger sind es stolze 16,2 Tonnen pro Jahr, 44 Kilogramm an jedem Tag.

Das Umweltbundesamt (UBA) hat jetzt an dieses Problem erinnert, das in der öffentlichen Debatte – anders als der Klimaschutz – kaum eine Rolle spielt. Seit vielen Jahren ist klar, dass zur Energie- eine "Rohstoffwende" hinzukommen muss, wenn die Industriegesellschaft nachhaltig werden soll.

"Faktor vier – doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch" – so lautete das Konzept, das der Umweltforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker in den 1990er Jahren popularisierte. Von einer solchen Effizienzsteigerung, geschweige denn vom langfristig angepeilten "Faktor zehn", ist man weit entfernt.

Dabei liegt ein Teil der Lösung so nah. Wir Bundesbürger sind, informiert das UBA, umgeben von über 50 Milliarden Tonnen wertvoller Materialien, und die Behörde fragt: "Warum also nicht die riesigen Rohstoffquellen erschließen, die wir uns selbst geschaffen haben?" Gemeint ist "Urban Mining" – die gezielte Rohstoffgewinnung in Städten und Gemeinden.

Die Ressourcen stecken unter anderem in ungenutzten Bauwerken, Mülldeponien und Konsumprodukten wie Autos oder Elektrogeräten. Zu gewinnen sind daraus nicht nur die als versorgungskritisch eingestuften Edel- und Sondermetalle wie Platin, Silber, Kobalt oder Neodym, die für viele Zukunftstechnologien gebraucht werden. Es geht auch um Baustoffe wie Steine, Kies und Beton sowie nicht mehr genutzte Metalle, etwa Eisenträger, Stahlarmierungen oder Kupferleitungen.

Das Recycling all dieser Stoffe kann noch stark optimiert werden, meint das UBA. Doch dafür muss die Politik die Weichen stellen – durch bessere Erfassung, bessere Trennung und die Einrichtung eines "Materialkatasters", damit überhaupt klar wird, wo genau welche Sekundärrohstoffe schlummern.

BildIn den Städten sind jede Menge rohstoffliche Ressourcen versteckt, man muss diese nur heben, meint das Umweltbundesamt. (Foto: Władysław Sojka/​Taxiarchos228/​Wikimedia Commons)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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