Jahrhundert der Klimaanlagen

Der gute Wille

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Im Baumarkt kann man sie kaufen, und in heißen Sommern steigt die Nachfrage auch hierzulande: mobile Klimageräte, mit denen man sich das Wohnzimmer oder das Arbeitszimmer angenehm herunterkühlen kann.

So weit wie in den USA, wo Klimaanlagen in vielen Regionen fast zur Standardausrüstung von Wohnungen und Häusern gehören, sind wir in Deutschland zwar längst noch nicht. Doch der Trend geht in diese Richtung, weil es wärmer wird.

Prognosen besagen ja, dass sich die jährliche Anzahl heißer Tage mit über 30 Grad Celsius bei uns in diesem Jahrhundert vervierfachen und die der "Tropennächte", in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, sogar verfünffachen wird. Das heißt: Viele werden ohne Klimaanlagen nicht leben wollen, gesetzt den Fall, sie können sich den vielen Strom leisten, den die Geräte schlucken.

Damit sind wir beim Thema. Der Elektrizitätsbedarf in Europa wird sich durch den Klimawandel verändern und verlagern. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben dieses Phänomen untersucht – und dabei Erkenntnisse gewonnen, die wichtig sind, damit Kraftwerkskapazitäten und Stromnetze an die neuen Herausforderungen angepasst werden können. Will sagen: um Blackouts zu verhindern.

In einem Großteil der betrachteten 35 Länder wird sich laut der Studie zum Beispiel die jährliche Spitzenlast vom Winter in den Sommer verlagern, in dem, siehe oben, viel mehr Klimaanlagen als heute laufen werden. Das ist alles andere als trivial, denn das erhöht den Druck auf die Elektrizitätsnetze gerade dann, wenn die Kraftwerke und Übertragungsinfrastrukturen durch die Hitze ohnehin schon belastet sind. Sie fit zu machen für das "Treibhausjahrhundert" kann sehr kostspielig sein, betonen die Potsdamer Forscher.

Auf Klimaanlagen zu verzichten wäre zwar eine Option. Doch der Ko-Autor der Studie, Professor Anders Levermann, glaubt nicht, dass das funktionieren wird. "Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte kein Auto in Europa eine Klimaanlage, heute hat fast jedes", sagt er. Die gleiche Entwicklung werde es wohl auch für Gebäude in Europa geben, aber nicht aus Gründen der Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. "Die Menschen werden ihre Umgebung kühlen müssen, um ihre Produktivität aufrechterhalten zu können, sei es im Alltag oder bei der Arbeit", meint Levermann.

BildIn asiatischen Städten wie Singapur geht nichts ohne Klimaanlagen, die oft einfach außen an die Häuser angebaut werden. (Foto: Esteban Chiner/​Flick)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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