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Punxsutawney am Rhein

HACKS PINSELSTRICH

BildCOP 23, 170823, Malerei auf Zeltplane, 288 × 226 cm. (Arbeit: Hermann Josef Hack)

Kaum sind in den Discountern schon wieder die Halloween-Artikel ausgebreitet, da erinnert einen der Blick in den Kalender, bald ist – nein, nicht Weihnachten – Klimakonferenz. Diesmal wieder vor meiner Haustüre. Bonn hat den Fidschi-Inseln die Ausrichtung des Massenspektakels abgeluchst und bemüht sich, erstmals eine lukrative Nutzung für das Millionengrab World Congress Center Bonn  hinzukriegen.

Kaum ist die Großkirmes Pützchens Markt auf der anderen Rheinseite abgebaut und Richtung Oktoberfest unterwegs, wird die Rheinaue, grüner Park entlang des namensgebenden Flusses, zum Volksfest für die zwanzigtausend Delegierten mit einer provisorischen Containerstadt überzogen. Und täglich grüßt das Murmeltier. Im Gegensatz zu Punxsutawney, wo es am Ende ein Entrinnen aus der ewigen Wiederholung der Zeitschleife gibt, scheint es aber in Bonn wieder so zu laufen wie beim Dinner for One, "Same procedure as every COP".

Alle kennen ihre zugewiesenen Aufgaben. Da sind die Delegierten, getrennt von der normalen Welt, die Medien in ihren Pressezentren, die Politgrößen, sie kommen am Schluss, um sich, für was eigentlich?, feiern zu lassen. Mit dem Unterschied, dass unsere Umweltministerin, wie war der Name noch?, ach ja, Hendrix, wie der Gitarrengott, nur mit "cks" und einem Charisma, na ja, der Vergleich hinkt wie eine lahme Ente. Apropos lame duck, eine abgewählte Umweltministerin, von der das jeder weiß, die wird keiner mehr erst nehmen, obwohl, konnte sie sich je gegenüber ihren Koalitionspartnern beziehungsweise deren Auto-, Kohle-, Kernkraft- und sonstigen Lobbys durchsetzen? Eher geht ein Murmeltier durch ein Nadelöhr. Also auch hier: "Same procedure …" – ihr wisst schon.

Ja, und mal wieder die Kunst. Nun könnte man meinen, im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hätte sich herumgesprochen, dass der Klimawandel eine kulturelle Angelegenheit ist, insofern man sich mit ihm als Kulturphänomen zu beschäftigen hätte. Und die Lösung für eine Transformation in der Kultur liegt. Ernst genommen wird das allerdings mitnichten.

"Lass es wie Kunst aussehen, aber bitte nicht stören"

So werden, statt Künstler, die zum Thema etwas zu sagen haben, an den Verhandlungstisch zu bitten, all diejenigen eingeladen, die in einer bunten Schar möglichst vieler dekorativer Illustrationen des Problems – wir erinnern uns an all die Eisbären auf den letzten Schollen und schmelzende Eisskulpturen, wie sie kein Zuckerbäcker schöner hätte zaubern können – ein sich gegenseitig aufhebendes Grundrauschen produzieren.

Natürlich draußen in den ihnen zugewiesenen Reservaten, natürlich in einem Auswahlverfahren zensiert und möglichst zahlreich, damit man zeigen kann, wie viele Menschen man erreicht. Same procedure as every COP.

Wann begreift ihr eigentlich, dass, wenn der letzte Greenpeace-Aktivist von der Strickleiter gefallen und der letzte Eisfigurenschnitzer bei seiner Arbeit erfroren ist, man damit keine neuen Lösungsansätze finden und keine Transformation schaffen kann? Gut, dass Beuys das nicht mehr erleben muss. Die Documentaisierung – oh Gott – schreitet auch hier voran. Will sagen: Statt klarer Kante und ernsthafter Beteiligung der Protagonisten in der Kultur begnügt man sich mit folkloristischen Einlagen nach dem Motto: "Lass es wie Kunst aussehen, aber bitte nicht stören."

Das wäre mal was Neues, wenn man bei den Verhandlungen auf Augenhöhe Künstler – ich meine nicht die Marktführer der Siegerkunst, die letztlich auf der Seite des Weiter-so-Kapitalismus stehen – am Tisch sitzen hätte, nicht am Katzentisch, sondern dort, wo die Verhandlungen geführt werden. Wir sind bereit.

Aber stattdessen klingelt der Wecker und die Prozedur wiederholt sich von COP 23 zu COP 24 zu COP 25 und und und.

Wer den Glauben an die Wirkung seiner kulturellen Kräfte aufgegeben hat, der hat schon verloren. Da hilft nur, selbst aktiv zu werden und die Kreativität aller zu nutzen, um alle einzubinden und ihre globale Verwandlung als Chance zu entdecken.

hack-groesserHermann Josef Hack ist Maler und Aktionskünstler

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