Warum Al Gore nicht ins Iglu ziehen muss

Ott Macht Politik

hermann.jpgAn der Ostküste der USA ist in den letzten Wochen die größte Schneelast sein Jahrzehnten niedergegangen. Auch wir in Europa haben einen so strengen Winter wie schon seit langem nicht mehr.

Da verwundert es kaum daß die Schreihälse, die regelmäßig bei jedem Minusgrad die globale Erwärmung in Frage stellen, nun überall zu vernehmen sind. Die peinlichen Fehler im letzten IPCC-Bericht (Intergovernmental Panel on Climate Change) sind ja auch wunderbar geeignet, den Klimawandelleugnern Munition zu geben. So hat Senator Inhofe, einer der größten Klimawandelleugner im US Senat, in Washington D.C. vor dem Kongreß ein Iglu gebaut mit der Aufschrift "Al Gore`s new home".

Nun gut, der kann anscheinend Wetter und Klima nicht auseinander halten, aber auch andere sind verunsichert durch die teils sehr massive Kritik an den Berichten des IPCC und dem IPCC selbst. Ob der britische Guardian, der Spiegel, das ZDF oder das russische Staatsfernsehen - überall klingt die Frage durch: Ist der Klimawandel möglicherweise gar nicht real?

Dabei ist es keinesfalls der durch den Menschen maßgeblich beeinflusste Klimawandel der in Frage steht, vielmehr macht sich die Kritik am IPCC an Teilen der Ergebnisse der Arbeitsgruppe II (Auswirkungen des Klimawandels) fest. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe I über die Grundlagen des Klimawandels stehen nicht in Frage. Man muss deshalb in der derzeitigen Debatte die Kritik an Details der IPCC-Berichte trennen von den Versuchen, Zweifel am Klimawandel insgesamt zu säen. Andererseits darf man nicht den Fehler machen und alle Kritik einfach abbügeln.

Denn die wissenschaftliche Kritik an einigen Teilergebnissen der Arbeitsgruppe II ist berechtigt. Insbesondere die Passage zum Schwund der Gletscher im Himalaya enthält offensichtlich Fehler. Diese Fehler sind nicht zuletzt auf die Verwendung von Literatur ohne entsprechenden "Peer-Review" zurückzuführen, in diesem Fall auf den Bericht einer Umweltorganisation ohne wissenschaftliche Grundlage.

Dazu kam noch ein Zahlendreher, der aus dem Jahr 2350 das Jahr 2035 machte. Des weiteren wurde in dem Bericht der Anteil der unterhalb des Meeresspiegels gelegenen Fläche Hollands mit 55 Prozent angegeben, richtig sind 26 Prozent (hier muss man allerdings betonen, dass diese Angaben von der holländischen Behörde selbst übermittelt wurden, die jetzt eine Korrektur veröffentlicht hat. Auch die Aussagen zur Wasserknappheit und Ernterückgängen in Afrika sind wohl nur dem Bericht einer Umweltorganisation entnommen, der sich zudem nur auf drei nordafrikanische Länder bezog (mehr dazu im Interview mit Prof. Fischlin hier bei den Klimarettern).

Muss es nochmals betont werden? Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler bestreitet die Realität des Klimawandels und seine Ursache - dass nämlich der Mensch seit der Industrialisierung große Mengen an klimawirksamen Gasen in die Atmosphäre geblasen hat, die die Albedo der Erde verändern, also das Maß in dem Sonnenstrahlen reflektiert oder absorbiert werden. Dass wir deshalb weltweit eine Erwärmung um circa  0,8°C beobachten und dass eine Erwärmung um mehr als 6°C bis 2100 nicht auszuschließen ist - was die Erde in einem Maße verändern würde die wir uns nicht vorstellen können (zum Vergleich: der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Temperatur in Deutschland heute und der Eiszeit betrug lediglich um die 5°C).

Die derzeitige Debatte soll ablenken. Statt über die Politik und die geeigneten Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels nachzudenken, wird über die wissenschaftliche Basis diskutiert. Diese Diskussionen um den IPCC sind nicht neu, aber in ihrer Heftigkeit und Konzentration bisher ohne Beispiel. Der Grund dafür ist nicht primär die Entdeckung dass einige falsche Zahlen verwendet worden sind, das gab es vorher auch schon. Nein, es besteht der begründete Verdacht für die Annahme, dass die Klimawandelleugner mit frischem Geld aus interessierten Quellen die Glaubwürdigkeit des IPCC ein für alle Mal erledigen wollen. Das macht die gegenwärtigen Angriffe so brisant, denn das Vertrauen in die Seriosität des IPCC ist die Grundlage für alle Maßnahmen zum Schutz des Klimas.

Wenn die Diskreditierung des IPCC gelingt - und in den USA scheint das bedauerlicherweise schon der Fall zu sein - dann ist der Klimapolitik eine wichtige Grundlage entzogen. Das heißt nicht, dass dann keine Klimapolitik mehr stattfindet, aber sie wird später kommen, schwächer ansetzen und eher auf Freiwilligkeit als auf staatliche Regelung bauen. Mit einem Wort: Die Klimapolitik würde zahnlos werden und den Klimawandel nicht stoppen können. Deshalb ist es extrem wichtig, allen Leugnern des Klimawandels entschlossen entgegenzutreten. Und auch den bedenkenlosen Nachplapperern, die sich nicht die Mühe machen, selber nachzulesen oder aus Sensationslust und Geldgier die falsche Debatte anheizen. Eine sehr gute Basis bietet die Webseite http://www.realclimate.org, auf der Klimawissenschaftler die Angriffe analysieren und auch debattieren – der letzte Eintrag zu diesen Angriffen verzeichnet über 500 Kommentare.

Der IPCC muss sich nun dringend reformieren und auch wieder ein Stück „entpolitisieren“, damit Politik glaubhaft handeln kann.

Und Al Gore wird nicht ins Iglu ziehen müssen, der Schnee in Washington schmilzt bereits. Beim nächsten überdurchschnittlich heißen Sommer wird Senator Inhofe verkünden, diese habe es ja schon immer gegeben und das habe nichts mit dem Klimawandel zu tun. Wetten?

 

Dr. Hermann E. Ott war Klimaexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie -  und ist jetzt Bundestagsabgeordneter der Bündnisgünen


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