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Waldbauernbub und Weltenretter

Otts Wissenschaft

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Wenn es einen idealen Wissenschaftler gäbe, wie müsste er – oder sie – wohl aussehen? Nun, um es kurz zu machen, er müsste (da unser Jubilar männlich ist beschränke ich mich im folgenden auf das männliche Genus) vermutlich so aussehen wie Hartmut Graßl.

Damit meine ich natürlich nicht, dass er besonders gut aussehen müsste – obwohl eine gewisse Eleganz in der Erscheinung, wie sie der Jubilar unzweifelhaft mitbringt, sicherlich die Eleganz der Argumentation höchst wirkungsvoll unterstreichen kann. Wenn ein solcher Wissenschaftler neben der adeligen Erscheinung zusätzlich mit einer beneidenswerten Haarfülle auch in einigermaßen fortgeschrittenem Alter gesegnet ist, dann schützt dies wirkungsvoll vor einer Verunglimpfung als "Eierkopf" und unterstützt nochmals die Kraft der Argumente.

Doch kommen wir zur Hauptsache: Natürlich müsste unser idealer Wissenschafter über ein Höchstmaß an analytischer Intelligenz verfügen, die ihn selbst komplexeste Sachverhalte verstehen lässt. Nun gibt es praktischerweise kaum ein komplexeres System als unsere Atmosphäre im Zusammenwirken mit den Ozeanen. Das allergeheimnisvollste aller Phänomene ist dabei die Wolkenbildung und ihr Einfluss auf das Klima. Die Fähigkeit zur Erforschung und Erklärung dieses Systems kann also ein gewisses Indiz für das Maß an analytischer Intelligenz gelten.

Hartmut Graßl hat 1970 in München über die "Bestimmung der Größenverteilung von Wolkenelementen aus spektralen Transmissionsmessungen" promoviert und sich 1978 zur "Strahlungsübertragung in getrübten Atmosphären und in Wolken" habilitiert. Seine anschließenden Funktionen als Hochschullehrer und Leiter von Instituten für Physik und Meteorologie verstärken den Befund, dass sich der Jubilar an die komplexesten Sachverhalte zumindest getraut hat.

Noch näher kommen wir dem Idealtypus des Wissenschaftlers, wenn diese Intelligenz gepaart ist mit der Fähigkeit zur eindrücklichen Vermittlung. Hier war mit hoher Wahrscheinlichkeit die Herkunft des Graßl Hartmut als Sohn eines Sägewerksbesitzers aus dem Berchtesgadener Raum recht segensreich, hat sie doch dazu geführt dass er - etwas flapsig formuliert - so reden kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Alles professorale Geschwurbel ist ihm fremd. Die bayerisch gefärbte Sprachmelodie stört überhaupt nicht, sondern unterstreicht nur die Klarheit seiner Sprache. Wer Hartmut Graßl schon einmal dabei erlebt hat, wie er einem Laienpublikum die Strahlungsbilanz der Atmosphäre oder auch die Komplexität der internationalen Verhandlungen zum Schutz des Klimas erklärt, der weiß wie ein idealer Wissenschaftler reden können muss.

Dieser letzte Sachverhalt deutet auf eine weitere Fähigkeit Graßls hin, nämlich über den Tellerrand der eigenen Wissenschaft, ja der Wissenschaft an sich, hinauszudenken. Als sachverständiges Mitglied zweier Enquete-Kommissionen des Bundestages zum Schutz der Erdatmosphäre, als Berater der Bundesregierung im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) und als Direktor des Weltklimaforschungsprogramms bei der Weltorganisation für Meteorologie in Genf bewegte er sich souverän im Grenzbereich des sogenannten science-policy interface. Es gibt kaum jemanden in Deutschland, der so kenntnisreich – und humorvoll – von den verschlungenen Pfaden der Entscheidungsfindung in der Politik erzählen kann ... und davon, wie er selbst an einigen denkwürdigen Entscheidungen maßgeblich beteiligt war.

Diese Souveränität ermöglichte es Hartmut Graßl wohl auch, von Beginn an ein Förderer und Begleiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie zu sein. Dieses durch Ernst Ulrich von Weizsäcker gegründete neuartige Klima-Institut hatte laut Gesellschaftervertrag von 1991 einen klaren Auftrag: "Die Förderung von Maßnahmen und Initiativen zur Sicherung der Klimasituation, zur Verbesserung der Umwelt und zur Energieeinsparung als Schnittstelle zwischen wissenschaftlicher Erkenntnissuche und praktischer Umsetzung".

Was heute zum gesicherten Mainstream gehört, nämlich die Notwendigkeit einer Einbeziehung der Umsetzungsperspektive in die Forschung, teilweise sogar mit transdisziplinärem Anspruch – das war Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Provokation. Die Bedeutung von Hartmut Graßl für die Gründung und das Weiterbestehen des Instituts kann gar nicht überschätzt werden. In seiner Funktion als Vorsitzender des Internationalen Beirats dieses Wuppertal Instituts habe ich Graßl ab 1994 als jemand kennengelernt, der um den Wert hoher wissenschaftlicher Standards weiß, aber davon überzeugt ist, dass die reine Wissenschaft allein nicht zur "Sicherung der Klimasituation" führen wird.

Hier kommen wir nun zur vorläufig letzten hier behandelten Facette von Hartmut Graßl, die vielleicht nicht unbedingt zum Idealtypus eines Wissenschaftlers gehört, die aber für mich zum Idealtypus eines Menschen als Wissenschaftler gehört: die Hingabe an die Verbesserung der Situation des Menschengeschlechts. Aus der Erkenntnis der Gefahren des anthropogenen Klimawandels in den 1980er Jahren erwuchs für ihn die Verantwortung, sich auch als Mensch und Bürger für die Verringerung von Treibhausgasemissionen einzusetzen.

Es ist kein Zufall, dass ihm, dem Geehrten, im Jahre 2004 der Ehrentitel eines "Stromrebellen" von den Elektizitätswerken Schönau verliehen wurde. In diesem Sinne verköpert Hartmut Graßl vielleicht doch ideal den 2007 von Roger Pielke junior beschriebenen Typus des honest broker: Ein Wissenschaftler, der sich aktiv für eine Nutzung der Wissenschaft im Dienste der Menschheit einsetzt, der alternative Politikpfade auf Basis wissenschaftlicher Analysen vorschlägt und damit versucht, den Handlungsspielraum der Politik zu erhöhen.

So einen wie Hartmut Graßl kann man nicht erfinden – diese einmalige Verbindung von Peter Roseggers Waldbauernbub mit dem Paläoklimatologen Jack Hall aus dem Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow". Nein, so einen wie Hartmut Graßl hat das Leben geschrieben und uns damit unvergleichlich Gutes getan. Denn ohne ihn wäre die Klimaforschung und wäre die Klimapolitikforschung in Deutschland und weltweit nicht das, was sie jetzt sind. Auch wenn verflixterweise trotz seines segensreichen Wirkens der Einfluss von Wolken auf das Klima immer noch von großen Unsicherheiten geprägt ist.

Anmerkung der Redaktion: Hartmut Graßl ist Mitherausgeber von klimaretter.info

Hermann E. Ott ist Chefberater für globale Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsstrategien am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Von 2009 bis 2013 war er klimapolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag und schrieb die Kolumne "Ott Macht Politik"

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