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Abschied von der Kohle, falsch aufgeladene Stromkosten und ein extremes Weiter-so

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Graßls Woche

Bildklimaretter.info: Herr Professor Graßl, eine aktuelle Studie legt nahe, dass die für den Weltklimarat IPCC verwendeten Klimamodellierungen sehr zurückhaltend sind. Modelle mit den gravierendsten Vorhersagen über die Entwicklung der CO2-Emissionen sind demnach die genauesten. Sind Klimawissenschaftler zu vorsichtig bei der Abschätzung der Erderwärmung?

Hartmut Graßl: Die angesprochene Veröffentlichung ist wieder eine gehaltvolle von Ken Caldeira von der Carnegie Institution zum Thema Klimamodellierung. Caldeira zeigt, dass alle Modelle, die eine besonders hohe mittlere Erwärmung für ein Business-as-usual-Szenario errechnen, mit der beobachteten Erwärmung seit Beginn globaler Temperaturbeobachtung besser übereinstimmen.

Damit unterstreicht die Arbeit, dass das Klimasystem eher empfindlicher reagiert als bisher im Mittel abgeschätzt. Als Klimaforscher und Herausgeber einer internationalen Zeitschrift im Bereich der Klimatologie habe ich jedoch zwei Diskussionspunkte dazu.

Erstens fehlt mir eine Debatte zur Wahrscheinlichkeit für das Business-as-usual-Szenario. Ich halte dieses Szenario für sehr unwahrscheinlich, weil es unterstellt, dass die Klimaänderungen keine Spuren bei der Weltwirtschaft hinterlassen – trotz der extrem hohen zukünftigen Emissionen und damit trotz der massiven Klimaänderungen.

Wenn wir munter weiter emittieren können mit solch starken Klimaänderungen, warum regen wir uns dann auf und verabschieden die Paris-Vereinbarung? Wird dieser Weltvertrag auch nur annähernd erfüllt, macht er den Haupteil der noch in der Erdkruste lagernden fossilen Brennstoffe ziemlich wertlos und ruft natürlich die Besitzer dieser Ressourcen als Bremser auf den Plan. Seit fünf Jahren weichen die globalen Kohlendioxid-Emissionen von diesem Szenario kräftig ab und die meisten Industrieländer bauen fast keine Kohlekraftwerke mehr.

Zweitens wurde seit Vorstellung der Szenarien der bisher sehr unsichere Faktor Bewölkung als eher weniger die Erwärmung verstärkend erkannt, sodass die meisten Klimamodelle sie bisher leicht überschätzt haben. Es bleibt also spannend.

Um den sozial-ökologischen Umbau bewältigen zu können, darf man die soziale Frage nicht außer Acht lassen, schreibt der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann in einem Gastbeitrag für klimaretter.info. Wie lassen sich Klimapolitik und Energiewende gerechter gestalten?

Es hat lange gedauert, bis die Gewerkschaften in vielen Ländern Klimaänderungen durch den Menschen ernsthaft diskutiert haben. Jetzt, wo in Deutschland Kernkraftwerke per Gesetz stillgelegt werden und viele Kohlekraftwerke obsolet geworden sind, verbinden die Gewerkschaften das Bremsen des Umbaus der Industriegesellschaft, diesmal wegen der Klimaänderungen, erneut mit der sozialen Frage.

Weil viel weniger Länder als bisher noch neue Kohlekraftwerke wollen und wir Produkte der Kraftwerkstechnik kräftig exportiert haben, entscheidet sich zum Beispiel Siemens zur Schließung von Produktionsstätten und zeigt damit den globalen Strukturwandel. Obwohl die Produktion von Anlagen, die erneuerbare Energie in elektrische Energie umwandeln, seit etwa zwei Jahrzehnten mehr Arbeitsplätze geschaffen hat, als im Sektor fossile Energien verloren gegangen sind, will der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes Stütze vom Staat bei der gebremsten Umstrukturierung.

Eine intensivierte Sozialpolitik ist aus vielen anderen Gründen als den globalen Klimaänderungen längst notwendig. Sie würde sicher auch die Energiewende erleichtern. Ein Stück solcher Sozialpolitik wäre die Rücknahme der Befreiung von zum Teil aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz stammenden Strompreisaufschlägen für stromverbrauchende Firmen, die nicht ins Ausland ausweichen können. Denn dann wäre vor allem der ärmere Teil der Bevölkerung von falsch aufgeladenen Stromkosten spürbar befreit.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die drastische Zunahme des gesamten Beitrags aller erneuerbaren Energieformen zur Stromproduktion in Deutschland von 2016 auf 2017. Trotz des Bremsens der Energiewende in Deutschland durch die Große Koalition ist die Einspeisung in das deutsche Stromnetz von 31,6 auf 36 Prozent gesprungen – stärker als in vielen früheren Jahren.

Ohne einen Zeitplan für den Ausstieg aus der Kohle – was ich der Koalition vorwerfe – wurden außerdem sechs Steinkohlekraftwerke wegen fehlender Rentabilität stillgelegt. Und die ersten von acht Braunkohlekraftwerksblöcken mit insgesamt fast 2.700 Megawatt elektrischer Leistung, etwa 4,5 Prozent der für Deutschland nötigen Leistung, sind in die Kohle-Reserve gegangen, also in den Stand-by-Betrieb versetzt worden.

Als der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) im Jahr 2003 in seinem Gutachten "Energiewende zur Nachhaltigkeit" den globalen Ausstieg aus der Kohlenutzung bis 2050 für ein Zwei-Grad-Ziel als notwendig bezeichnete, sind wir nach der Präsentation durch die Medien als Illusionisten bezeichnet worden. Jetzt berichtet das globale Kohlenstoffforschungsprojekt in seinem Jahresbericht 2017, dass trotz eines weltweiten Wirtschaftswachstums von eindeutig über drei Prozent in diesem Jahr die Emissionen aus der Kohlenutzung erneut geschrumpft sind, nachdem 2014 und 2015 das Maximum erreicht worden war.

Fragen: Sandra Kirchner

[Erklärung]  
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