Unvermeidbarer Kohleausstieg, überraschende FDP und rückständige Bahn

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Kemferts Woche

Bildklimaretter.info: Am Donnerstag haben die "Jamaika"-Parteien erstmals über Klimapolitik gesprochen. Wie bewerten Sie die Ergebnisse, Frau Kemfert?

Claudia Kemfert: Es war durchaus zu erwarten, dass die Parteien weit auseinander liegen und man nicht gleich zu Beginn Kompromisslinien findet. Bei CDU und FDP dominiert die Sicht aus Nordrhein-Westfalen, wo man als Schlusslicht der Energiewende noch immer die Chancen verkennt und eine Energiepolitik des vergangenen Jahrhunderts macht. 

Man kann nur hoffen, dass die Verhandlungsparteien sich zusammenraufen und einen Neustart der Energiewende hinbekommen. Wenn sich die Partein darauf einigen, die Pariser Klimabeschlüsse erfüllen zu wollen, dann geht kein Weg an einem Kohleausstieg vorbei.

Außerdem muss die nachhaltige Verkehrswende eingeleitet und mehr für die Energieeffizienzziele getan werden.

Pünktlich zum bevorstehenden Klimagipfel in Bonn hat die Deutsche Bahn eine grüne Kampagne gestartet. Sie will ihren CO2-Ausstoß senken, mehr Ökostrom einsetzen. Das klingt gut. Aber sollte man von der Bahn nicht mehr erwarten?

Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, dass die Deutsche Bahn ihren Strom aus erneuerbaren Quellen speisen will. Wünschenswert wäre aber in der Tat, dass die Bahn ihren Strombedarf zu 100 Prozent mit regional hergestelltem Strom aus erneuerbaren Quellen decken würde. Davon ist sie weit entfernt. Rein rechnerisch reicht es gerade für den Personen-Fernverkehr.

Als regelmäßige Bahnfahrerin über längere Strecken freue ich mich persönlich zwar über diese Initiative. Aber die Bahn hat viel Luft nach oben. Echte Bahnkraftwerke aus erneuerbare Energien könnten dezentral Strom produzieren, das Bahnnetz könnte ebenso samt ergänztem Speicher zur Versorgungssicherheit beitragen. Außerdem sollte der Einsatz von Diesel massiv vermindert werden, auch dazu wären dezentrale Anlagen erneuerbarer Energien prädestiniert.

Die Bahn sollte Vorreiter beim Klimaschutz sein. Deutschland braucht einen Kohleausstieg bis 2030. Die Bahn könnte bis 2030 einhundert Prozent erneuerbar sein. So wäre die Bahn mal Vorreiter sein und würde nicht immer nur hinterherfahren!

Bei der Wärmewende gibt es Streit. Die halbstaatliche Energieagentur Dena meint, ein Komplettausstieg aus fossilen Heizsystemen sei nicht nötig – und billiger sei der Einsatz synthetischer Brennstoffe, aus dem Ausland importiert. Für die Deutsche Umwelthilfe ist das nur ein Deckmantel, um die fossilen Technologien länger im Markt zu halten. Wer hat recht? 

Die Frage ist hier, was für die deutsche Energiewende wünschenswert und ökonomisch effizient ist. Der Gebäudesektor hat eine zentrale Funktion im Zuge der Wärmewende. Zum einen können durch massive Energieeinsparungen viele Heizsysteme überflüssig werden. Zum anderen kann das Wärmenetz als wichtiger Speicher fungieren und Aufgaben für die Sektorkopplung erfüllen. Dabei sind Gebäude als Prosumer zugleich Hersteller und aktiver Teilnehmer der dezentralen Energiewende.

Die kostengünstigste Kombination sind die lokale solare und geothermische Strom- und Wärmebereitstellung, die Steigerung des Einsatzes von Wärmepumpen und die Nutzung von Fernwärmenetzen – vor allem zur weiteren Verwertung von Industrieabwärme, um die klimapolitischen Ziele zu erreichen.

Anstelle der direkten Stromnutzung sind strombasierte synthetische Energieträger – insbesondere Power-to-Gas – im Wärmesektor denkbar. Da man zur Herstellung von synthetischen Kraftstoffen in der Tat siebenmal so viel erneuerbaren Strom braucht, als wenn man Strom direkt nutzt, wird eine großflächige Produktion nur in Regionen mit vielen Sonnenstunden wie Südeuropa oder Nordafrika wirtschaftlich effizient sein. Die Erdgasinfrastruktur kann sicherlich auch für Öko-Gas genutzt werden. Im Rahmen der deutschen Energiewende werden synthetische Kraftstoffe jedoch eher im Schiffs- und Flugverkehr genutzt werden als in Heizsystemen. Die Zukunft wird eher in der dezentralen Wärmewende liegen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Überraschend ist durchaus, dass die FDP konsequent für den Abbau von Subventionen plädiert, und dazu gehört auch und vor allem der Abbau von umweltschädlichen Subventionen. Es ist gut zu sehen, dass die FDP auch darauf pocht. Christian Lindner pflegt in jeder Hinsicht einen neuen Politikstil, indem er das Papier über den Sondierungsstand twittert, dem dieser Inhalt zu entnehmen ist. Dass die Liberalen sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, macht ein wenig Hoffnung, dass Klimaschutz und echte Marktwirtschaft doch zusammengehen können.

Fragen: Verena Kern

[Erklärung]  
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