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Zwei Grad in Paris, das deutsche Kohleproblem und der Allianz-Jubel

Immer wieder samstags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Kemferts Woche

Bildklimaretter.info: Frau Kemfert, jetzt geht sie also los, die Pariser Weltklimakonferenz. Was muss passieren, damit sie als "erfolgreich" in die Annalen eingeht?

Der Klimagipfel in Paris hat eine bedeutende Rolle. Anders als vor Kopenhagen können wir vor Paris jedoch vorsichtig optimistisch sein, da sich Länder wie die USA und auch China zumindest in punkto Klimaschutz ein wenig bewegt haben, auch wenn man sicherlich mehr erwarten dürfte. Zumindest haben die USA sich bereit erklärt, Emissionsminderungsziele zu akzeptieren, China ebenso.

Ein Klimaabkommen sollte eine verbindliche Vereinbarung zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad enthalten. Dies ist gleichbedeutend mit einer deutlichen Emissionsminderung vor allem in den Industriestaaten, die den Großteil der Emissionen verursachen.

Wird dieses Ziel akzeptiert, muss eine komplette Dekarbonisierung der Wirtschaft erfolgen, eine Emissionsminderung um 95 Prozent bis zum Jahr 2050. Paris wird aber kein "Top-down-Abkommen" wie das Kyoto-Protokoll 1997 mit konkreten Emissionsminderungsvorgaben für Industriestaaten hervorbringen, sondern eher einen "Bottom-up-Ansatz" verfolgen, indem jedes Land seine Ziele definiert und am Ende für den Klimaschutz dennoch viel gewonnen ist.

Das Zwei-Grad-Ziel wird zwar nicht mehr zu halten sein, trotzdem sollte man es nicht aufgeben, denn ambitionierte Ziele sind wichtiger als gar keine. Paris wird dennoch erfolgreicher sein als Kyoto und Kopenhagen, weil fast alle Länder – und vor allem die wichtigsten – an Bord sind.

Schlecht steht es dagegen um die Energiewende und das Klimaziel in Deutschland, wie zum Beispiel aus den jüngsten Monitoring-Berichten an die Bundesregierung hervorgeht. Was läuft da schief?

Die deutsche Energiewende hat neben viel Licht sicher auch Schattenseiten. Auf der einen Seite hat Deutschland es geschafft, durch den Ausbau der Erneuerbaren die Emissionen im Stromsektor deutlich zu senken, auf der anderen Seite nutzen wir noch immer zu viel Kohle in der Stromerzeugung. Letzteres führt dazu, dass Deutschland das selbst gesteckte Klimaziel von 40 Prozent Minderung bis 2020 nicht wird erreichen können. Es fehlen verbindliche klimapolitische Maßnahmen, der Emissionshandel ist derzeit wirkungslos, weil der CO2-Preis viel zu niedrig ist.

Daher benötigt man flankierende Maßnahmen, wie eine Kohlesteuer und einen strukturierten Kohleausstieg. Zudem hat Deutschland zu wenig im Bereich nachhaltige Mobilität vorzuweisen, der jüngste VW-Abgasskandal ist ein schlechtes Beispiel für Umweltschutz made in Germany.

Wenn Deutschland sich als Klimaschutz-Musterschüler, wenn die Kanzlerin sich als "Klima-Kanzlerin" feiern lassen will, dann muss das Kohleproblem gelöst werden, zudem müssen wir mehr tun beim Energiesparen und vor allem im Bereich nachhaltige Mobilität wieder glaubwürdig werden. Deshalb ist die Politik nun erst recht gefordert, die Maßnahmen für mehr Klimaschutz auch gegen Wirtschaftsinteressen durchzusetzen.

Ebenfalls in dieser Woche wurde ein Bericht über "Energiearmut" vorgestellt. Tenor: Nie saßen mehr Menschen im Dunkeln als jetzt. Können wir uns die Energiewende noch leisten?

Energiearmut hat vor allem etwas mit zu geringen Einkommen und zu hohen Ausgaben, besonders für Mobilität und Gebäudeenergie, zu tun. Die Daten zeigen, dass einkommensschwache Haushalte im Schnitt ungefähr fünf Prozent ihres Einkommens für Strom ausgeben, aber über 30 Prozent für Heizen und Mobilität. Deshalb ist es wichtig, deutlich mehr zu tun, um Energie einzusparen, die Energieeffizienz zu verbessern – und vor allem für faire Löhne zu sorgen.

Wir können uns die Energiewende auf jeden Fall leisten. Die Energiearmut kann künftig abgeschafft werden, weil erneuerbare Energien immer preiswerter werden, auf fossile Energien mehr und mehr verzichtet wird und der Energieverbrauch massiv sinkt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Der große Jubel hat mich überrascht, der plötzlich losbrach, als die Allianz verkündete, dass sie künftig nicht mehr in Unternehmen investieren wolle, die "mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes durch den Abbau von Kohle oder mehr als 30 Prozent ihrer Energieerzeugung aus Kohle erzielen". Die Initiative der Allianz ist zwar durchaus löblich und ein bedeutsames Signal – aber eben auch nicht mehr. Der frenetische Beifall ist sehr übertrieben.

Es handelt sich nicht um ein Divestment, denn nur wenige Unternehmen werden überhaupt von dieser Regelung betroffen sein. Zudem investiert die Allianz einen Großteil der Gelder im Auftrag der Investoren und hat damit kaum Einfluss auf Anlagestrategien. Der mit der Allianz-Ankündigung bejubelte Kohleausstieg ist so sicherlich nicht zu erreichen.

Fragen: Nick Reimer

[Erklärung]  
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