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Klima-Rating für Kleinanleger

Klimaschutz bei der Geldanlage ist ein Nischenthema, auch weil es gerade Finanzmarkt-Laien schwerfällt, die Klimaverträglichkeit von Fonds oder Unternehmen zu bewerten. Ein neues Tool soll diese Wissenslücke schließen.

Von Isaac Bah

Geld bewegt die Welt – und Bewegung ist dringend nötig, wenn die Welt sich ernsthaft anschicken will, das 2015 beim Klimagipfel in Paris vereinbarte Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Um Unternehmen dazu zu bringen, den Klimawandel in den Fokus ihrer Geschäftsmodelle zu stellen, kommt Investoren dabei eine entscheidende Rolle zu. Das betrifft auch Privat- und Kleinanleger.

BildViele wollen Geld anlegen – aber wo geht das und schadet dabei nicht dem Klima? (Foto: João Pacheco/​Pixnio)

Während sie in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ihr Erspartes in vergleichsweise sichere Sparbücher, Tages- und Festgelder, Bundesanleihen und Bausparverträge steckten, hat sich ihr Anlageverhalten zuletzt deutlich gewandelt. Angesichts von dauerhaften Niedrigzinsen lässt sich mit diesen Produkten schlicht kaum noch Geld verdienen.

Als Alternative bieten Kapitalverwalter wie Banken Fondsprodukte an, die das Geld der Anleger auf eine Vielzahl börsennotierter Unternehmen streuen. Laut Angaben des Deutschen Fondsverbands BVI, in dem der Großteil der in Deutschland aktiven Kapitalverwaltungsgesellschaften organisiert ist, betrug die Gesamtsumme des zum 30. Juni 2017 verantworten Fondsvermögens von über 50 Millionen privaten und institutionellen Investoren rund 2,9 Billionen Euro.

Womit das Geld verdient wird, fällt meist unter den Tisch

Im Detail beschäftigen sich jedoch die wenigsten Anleger mit den Firmen, aus denen sich so ein Fonds zusammensetzt. Vielmehr verlassen sich die meisten auf die Expertise ihrer Anlageberater, orientieren sich an der Einordnung in verschiedene Fondskategorien oder ziehen die Bewertung von ausgewiesenen Rating-Agenturen zu Hilfe, wenn es darum geht, sich für ein Anlageprodukt zu entscheiden. Mit welchen Unternehmen genau dann letztlich Geld verdient wird, fällt dabei meist unter den Tisch.

So haben im Gegensatz zur Rendite die wenigsten Fondsmanager den CO2-Fußabdruck eines börsennotierten Unternehmens auf dem Schirm – und der kann durchaus erschreckend sein. So waren von 1988 bis 2015 gerade einmal rund 100 Unternehmen für mehr als 70 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Gutes Geld verdient haben diese Unternehmen in den meisten Fällen dennoch oder gerade deshalb, wovon auch ihre Investoren profitiert haben dürften.

Seit einigen Jahren steigt jedoch die Zahl "grüner" Finanzprodukte, die explizit damit werben, dass solche Unternehmen eben nicht ins Fondsportfolio aufgenommen werden. Sie werden gemeinhin in der Kategorie nachhaltiger oder ESG-Anlageprodukte erfasst, die auf drei Aspekte Wert legt: Ökologie, Soziales und gute Unternehmensführung. Laut Untersuchungen des Brancheninformationsdienstes Ecoreporter haben nachhaltige Fonds in Deutschland im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht: Bis zum Jahreswechsel stieg ihr Volumen auf 43,8 Milliarden Euro. Das sind 16 Prozent mehr als 2015 (37,6 Milliarden Euro).

"Wer davon träumt, dass die Finanzmärkte auf den Klimawandel reagieren, verwechselt Ursache und Wirkung"

Die Anzahl der nachhaltigen Fonds ist im vergangenen Jahr ebenfalls gestiegen, von 261 auf 270. Es handelt sich um Aktien-, Renten-, Misch- und Dachfonds, Mikrofinanzfonds und sogenannte ETFs (Exchange Traded Funds). "So langsam reift in einigen Ecken die Erkenntnis, dass der Klimawandel zum Finanzrisiko wird", sagt Ecoreporter-Chefredakteur Jörg Weber, der die Entwicklungen am nachhaltigen Finanzmarkt seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolgt.

Dass von der Finanzindustrie in absehbarer Zeit die nötigen Impulse ausgehen, um den Klimawandel einzudämmen, hält Weber dennoch für eher unwahrscheinlich. "Wer heute davon träumt, dass die Finanzmärkte auf den Klimawandel reagieren, um das Klima zu schützen, der verwechselt schlicht Ursache und Wirkung", so Weber.

Deutlich optimistischer sind da schon die Entwickler des Rating-Tools Climetrics, das es ermöglichen soll, Auswirkungen auf den Klimawandel in Investitionsentscheidungen einzubeziehen. Hinter Climetrics stehen internationale Klimaexperten: die globale Non-Profit-Organisation CDP (früher: Carbon Disclosure Project), die über die weltweit umfangreichsten klimarelevanten Unternehmensdaten verfügt, und ISS-Ethix Climate Solutions, die Klimadaten-Einheit des Finanzberatungsunternehmens ISS (Institutional Shareholder Services).

Initiiert und finanziert wurde das neue Rating durch das europäische Innovationnetzwerk Climate-KIC. Daneben gehören dem Konsortium unter anderem die Universitäten Hamburg und Reading sowie die Umweltschutzorganisation WWF an.

Das Rating richtet sich an Kleinanleger

"Unser Rating richtet sich auch an nichtprofessionelle Anleger", sagt Maximilian Horster, Geschäftsführer von ISS-Ethix Climate Solutions. "Es wurde von der EU finanziert, um auch Kleinanlegern die Möglichkeit zu bieten, informiert zu ihrer Bank zu gehen, um dort aus verschiedenen Fonds das Angebot auszuwählen, das am besten für das Klima ist."

Auf den ersten Blick funktioniert Climetrics denkbar einfach: Das Rating bewertet die Fonds auf einer Skala von eins bis fünf, wobei fünf grüne Blätter den aus Klimaschutzsicht besten Fondsangeboten vorbehalten sind. So erhielten Anleger ein relativ simples Signal, wenn sie sich für einen "grünen" Fonds entscheiden wollten, erläutert Horster. "Dahinter verbirgt sich aber die bislang komplexeste Analysemaschine, um aus finanztechnischer Perspektive zu messen, was gut und was schlecht für das Klima ist."

Das Originaldesign des Ratings sei zwar für Privatanleger gedacht gewesen, doch auch institutionelle Investoren griffen darauf zurück. Das Kalkül: Wenn es "auf der Straße" eine Nachfrage nach klimasmarten Investmentprodukten gebe, würden Investment-Profis auf diesen Zug aufspringen. "Am Ende erreicht dieser Wandel so auch das Anlagevermögen der Unternehmen, in die investiert wird", ist sich Horster sicher.

"Climetrics ist das Bindeglied zwischen individuellen Investmentwahlmöglichkeiten und dem Problem des Klimawandels", bekräftigt Steven Tebbe, Europa-Geschäftsführer von CDP, das die Projektleitung übernommen hat und auch für die Vermarktung zuständig ist. "Viele Menschen empfinden das Klimawandelproblem als sehr abstrakt und wissen nicht, was sie individuell dagegen tun können. Wir haben ein Tool entwickelt, mit dem sie Taten sprechen lassen können, indem sie sich für die richtigen Anlageprodukte entscheiden."

Kritiker des neuen Rating-Tools bemängeln allerdings, dass Climetrics mit rund 55 Prozent nur etwas mehr als die Hälfte der Vermögen in Aktienfonds und ETFs abdeckt, die in Europa zum Verkauf zugelassen sind – auch CDP liegen längst nicht sämtliche klimarelevanten Daten aller in den Fonds enthaltenen Unternehmen vor. Zudem weisen die Climetrics-Macher nur diejenigen Fonds aus, die im Rating in die Top-Bewertungsklassen mit vier und fünf grünen Blättern fallen.

Wobei das dem Umstand geschuldet ist, dass sich das Tool noch in der Testphase befindet. Ab Mitte kommenden Jahres sollen Anleger auch Zugriff auf vollständige Informationen zu schlechter bewerteten Fonds erhalten. Dass transparente Informationsmöglichkeiten über nachhaltig grüne Geldanlagen Investoren aber grundsätzlich anspricht, hat unlängst die US-Bank Morgan Stanley in der Umfrage "Sustainable Signals" herausgearbeitet.

BildDrei von vier Privatanlegern zeigen ein starkes Interesse an nachhaltigen Geldanlagen. (Foto: Jacqueline Macou/Pixabay)

Demnach zeigen unter Privatanlegern 76 Prozent ein starkes Interesse an nachhaltigen Geldanlagen. Und dieser Wert könnte künftig noch steigen: bei sogenannten "Millennials", die zwischen 1980 und 2000 geboren sind, liegt er schon bei 86 Prozent.

[Erklärung]  
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