Anzeige

Klimaschutz geht in zweite Phase

Bislang bedeutete Klimaschutz weltweit vor allem eines: den CO2-Ausstoß so lange herunterdrücken, bis alle Energie aus erneuerbaren Quellen kommt und nicht mehr aus fossilen. Weil das nicht mehr reicht, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, beginnt nun auf Island Phase zwei: Die Tilgung von CO2-Emissionen aus der Atmosphäre.

Von Benjamin von Brackel

Am Dienstag wurde im weltweiten Klimaschutz eine Zeitenwende eingeläutet – ohne dass es groß aufgefallen ist. Vielleicht lag es auch am Ort: eine Hochebene im Südwesten Islands. Dort passierte etwas, das uns in Zukunft noch vor der Klimakatastrophe bewahren könnte: Erstmals hat ein Unternehmen – außerhalb von Laboren – mit Hilfe einer technischen Lösung sogenannte negative Emissionen erzeugt. Das heißt: das Klimagas CO2 aus der Luft gefischt und unter die Erde verpresst.

BildGeothermie-Kraftwerk Hellisheiði im Südwesten Islands: Hier wird jetzt Kohlendioxid unterirdisch gespeichert. (Foto: ThinkGeoEnergy/​Wikimedia Commons)

Bislang drehte sich in den Klimaverhandlungen alles darum, dass die Staaten immer weniger CO2 ausstoßen, indem sie ihre Energieversorgung von fossilen Quellen auf Sonne, Wind und Co umstellen. Doch laut dem aktuellen Weltklimabericht lässt sich allein mit CO2-Vermeidung die Erderwärmung weder auf 1,5 Grad noch auf zwei Grad begrenzen. Zumindest in den allermeisten Szenarien geht es nicht mehr ohne negative Emissionen.

Der theoretische Diskurs ist seit Dienstag nun in die Praxis übergegangen. Und zwar mit der Fusion zweier Pionierprojekte aus Island und der Schweiz. Zunächst die Schweiz: Die Firma Climeworks baut Anlagen, die Kohlendioxid aus der Luft saugen – und sich beliebig hochskalieren lassen. Sie bestehen aus Modulen, die in handelsübliche Frachtcontainer eingebaut sind, ein weiterer Container enthält Steuerung und Prozesstechnik. Pro Jahr soll eine Anlage in der Schweiz 900 Tonnen CO2 aus der Luft holen.

Die CO2-Filter funktionieren wie umgedrehte Ventilatoren: Ein Gebläse saugt die Umgebungsluft an und presst sie durch einen Filter aus Zellulose. Jan Wurzbacher, einer der beiden Chefs der Schweizer Firma, vergleicht ihn wegen seiner großen Oberfläche mit einem Schwamm. Der ist beschichtet mit einer aminhaltigen Flüssigkeit, die das Kohlendioxid in Form von Salzen bindet. Sensoren zeigen an, wenn der Filter voll ist. Durch Erwärmung auf 100 Grad löst sich das CO2 vom Filter und lässt sich absaugen.

In der Schweiz wurde das CO2 über Schläuche in ein Gewächshaus geleitet. Dessen Betreiber zahlt für das Gas, damit die Tomaten, Gurken und Peperoni dort besser wachsen. Die Abwärme liefert eine Müllverbrennungsanlage. Damit haben die Schweizer gezeigt, dass ihre Idee funktioniert – allerdings wurde damit noch kein CO2 aus der Atmosphäre getilgt. Das passiert jetzt mit Hilfe der Isländer.

CO2 wird im Untergrund mineralisiert

Die verfrachten im Rahmen des EU-geförderten Projekts "Carbfix 2" das CO2 in den Untergrund – CCS (Carbon Capture and Storage) nennt sich das umstrittene Verfahren. Umstritten auch deshalb, weil nicht klar ist, ob das Gas tatsächlich im Untergrund bleibt und nicht auf irgendwelchen Wegen wieder an die Oberfläche gelangt. Lange wurde angenommen, dass es Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren dauert, bis sich CO2 in porösem Gestein mineralisiert. Auf Island – so fanden Forscher vergangenes Jahr heraus – dauert es nicht mal zwei Jahre.

Die Forscher um Juerg Matter von der Universität Southampton setzten CO2 aus dem Geothermie-Kraftwerk Hellisheiði Wasser zu und pumpten das Gemisch aus 250 Tonnen Kohlensäure und Schwefelwasserstoff 700 Meter in den Untergrund, wo es zwischen 25 und 33 Grad Celsius warm ist. Das dortige Basaltgestein ist reich an Magnesium, Kalzium und Eisen. Und es kann in Kontakt mit CO2 Karbonate ausbilden. Mithilfe einer Markierungssubstanz untersuchten die Forscher, wie sich die Zusammensetzung des Klimagases änderte. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass zwischen 95 und 98 Prozent des eingebrachten Kohlendioxids mineralisiert wurde", sagt Matter.

Bislang wurden nur kleine Mengen an CO2 mineralisiert. Mit Climeworks soll sich das nun ändern. "Das ist das erste Mal, dass CO2-Filterung aus der Luft und unterirdische Speicherung kombiniert und negative Emissionen erzeugt werden", sagt Jan Wurzbacher.

BildDie CO2-Filteranlage auf Island. (Foto: Zev Starr-Tambor/​Climeworks)

Die Bedingungen sind nicht nur wegen des Basaltgesteins und seinen Fähigkeiten zur Versteinerung ideal. Auch die kühle und feuchte Witterung in Island hilft, dass der Filter etwa ein Fünftel mehr CO2 binden kann. Zwischen CO2-Kollektor und Speicher wurden inzwischen Rohre verlegt, durch die heißes Wasser aus den Geothermiequellen hinein- und wieder abfließt sowie separat das CO2 strömt. Ab Dienstag läuft die Pilotphase mit einem Modul aus der Schweiz. Erstmal sind das nur knapp 50 Tonnen pro Jahr, nach gut einjähriger Testphase soll ab 2019, wenn alles gut geht, hochskaliert werden.

"Dafür gibt es einen großen Markt"

Ein ehrenwertes Projekt – nur wer zahlt schon dafür, dass CO2 aus der Atmosphäre eliminiert wird, mag man sich fragen. Wurzbachers Antwort: sehr viele. "Wir sind im Gespräch mit einigen Unternehmen, die negative Emissionen beziehen wollen", sagt er. "Wir haben gespürt, dass es dafür einen großen Markt gibt."

Darunter seien etwa Dienstleister, der Einzelhandel, Autofirmen. Unternehmen, die sich selbst verpflichtet haben, klimaneutral zu werden, die ihre Energieversorgung auf Ökoenergien umstellen, aber zehn oder 20 Prozent ihres CO2-Ausstoßes nicht wegbekommen – etwa die Flugreisen des Managements.

Mit Offsetting, also dem Kompensieren von Emissionen durch den Kauf von Zertifikaten wie im Emissionshandel, habe das nichts zu tun, sagt Wurzbacher. Schließlich bezahlt man nicht ein anderes Unternehmen, das CO2 einspart, damit man selbst mehr ausstoßen darf. "Bei uns sind das keine potenziell virtuellen Kreisläufe – wir entfernen tatsächlich CO2-Moleküle aus der Atmosphäre."

Bild"Wir sind im Gespräch mit Unternehmen, die negative Emissionen beziehen wollen": Climeworks-Chef Jan Wurzbacher (rechts) und sein Kompagnon Christoph Gebald vor der Anlage auf Island. (Foto: Zev Starr-Tambor/​Climeworks)

Ein paar Probleme gibt es noch zu klären. Da ist zum Beispiel der hohe Wasserbedarf: Auf jede Tonne CO2 kommen 25 Tonnen Wasser. Oder die Frage, ob sich solch ideale Orte wie in Island überall auf der Welt finden lassen – schließlich braucht es Platz für all die Gigatonnen CO2, um ab Mitte des Jahrhunderts treibhausgasneutral zu wirtschaften.

Bisher sind es nur verschwindend geringe Mengen, die aus der Luft gesaugt und in den Boden eingelagert werden im Vergleich zu den weltweit knapp 40 Milliarden Tonnen CO2, die jedes Jahr emittiert werden. Aber es ist der Anfang der zweiten Ära des Klimaschutzes. Die es übrigens nur geben muss, weil die Weltgemeinschaft zu lange braucht, sich von den fossilen Energiequellen zu lösen.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen