Die neuen Mega-Stürme

Einer der stärksten je gemessenen tropischen Wirbelstürme zerstört die Karibikinsel Barbuda – und nähert sich Florida. "Irma" bildet zusammen mit "Patricia" und "Winston" eine neue Generation von Stürmen, die mit der Erderwärmung zum Normalfall werden.

Von Benjamin von Brackel

Die Karibikinsel Barbuda wirbt für sich auf ihrer offiziellen Homepage als eines der letzten unberührten Paradiese. Zusammen mit den 1.500 Einwohnern bevölkern vor allem die landestypischen Fregattvögel die 160 Quadratkilometer große Insel. "Barbuda ist eine der wenigen Inseln in der Karibik, die so unerschlossen geblieben ist – und wahrscheinlich für einige Zeit bleiben wird –, dass sie manchmal auf positive Art fast menschenleer erscheint", heißt es. Und weiter: Die "scheinbar endlosen weißen und rosa Strände" würden zu friedlichen Wanderungen einladen.

BildDer Wirbelsturm rollt um das Auge herum Richtung Barbuda. (Foto: NOAA/​NASA Goddard MODIS Rapid Response Team)

Mit dem Frieden im Paradies war es am Mittwochmorgen vorbei, als der Hurrikan "Irma" über die Insel fegte. Bilder aus Helikoptern zeigen ein einziges Schlachtfeld. 95 Prozent aller Gebäude sind zerstört. Ein Funkturm brach entzwei, mindestens acht Menschen starben. "Was ich sah, war herzzerreißend – ich meine, absolut verheerend", sagte Gaston Brown, der Premier von Antigua und Barbuda, dem Fernsehsender ABS TV.

Mit Windgeschwindigkeiten von 300 Stundenkilometern zählt "Irma" zu den stärksten je gemessenen tropischen Wirbelstürmen. Eine weitere Besonderheit: Der Hurrikan hat seine Hochgeschwindigkeit mehr als einen Tag aufrechterhalten – was Wissenschaftlern zufolge einzigartig ist.

Ganz unerwartet kommt "Irma" indes nicht: Die NOAA, die Ozean- und Atmosphärenbehörde der USA, hatte schon im Mai eine ungewöhnlich starke Hurrikan-Saison vorhergesagt. Anfang August verschärfte die Behörde gar ihre Prognose, nach der mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent mit zwei bis fünf großen Hurrikanen im Atlantik zu rechnen sei.

Die Bedingungen für extreme Wirbelstürme sind gerade besonders gut: Windverhältnisse, die einerseits den Sturm schnell von Afrika nach Amerika transportieren, andererseits den Sturm vertikal nur schwach angreifen und sich so entfalten lassen. Dazu hohe Meeresoberflächentemperaturen, welche die Entstehung von Hurrikanen überhaupt erst ermöglichen.

Klimaforscher gehen davon aus, dass sich im Zuge der Erderwärmung die Bedingungen für Megastürme deutlich verbessern. Erwärmen sich die Ozeane, verdampft auch mehr Wasser. Gleichzeitig kann die ebenfalls wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen (pro Grad etwa sieben Prozent mehr), sodass große Mengen Wasser in die Atmosphäre transportiert werden – und dort den "Treibstoff" für die Hurrikane liefern. Wenn die tropischen Wirbelstürme mehr Wasser mit sich tragen, können sie – wie im Fall von "Harvey" Ende August – auch große Mengen abregnen lassen.

Der aktuelle Weltklimabericht geht davon aus, dass tropische Wirbelstürme durch den Klimawandel an Intensität zunehmen, wenn auch nicht an Häufigkeit. Die letzten Jahre, die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnung, scheinen das zu bestätigen. "Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir in dieser Zeit die stärksten Wirbelstürme in der Welt erlebt haben", sagt der Klimawissenschaftler Michael Mann von der Pennsylvania State University im Interview mit dem Nachrichtensender The Real Networks. "Patricia" über dem Pazifik, "Winston" in der südlichen Hemisphäre und nun "Irma" über dem Atlantik.

Lange argumentierten Klimawissenschaftler bei jedem Wirbelsturm und jeder Hitzewelle, dass sich ein einzelnes Wetterereignis nicht auf den Klimawandel zurückführen lasse. Inzwischen ist die Forschung aber weiter. Auch dank immer leistungsfähigerer Rechner ist ein ganzer Forschungszweig entstanden, der sich mit der Frage beschäftigt, wie viel häufiger bestimmte aktuelle Extremwetterereignisse wie "Harvey" oder "Irma" durch den menschengemachten Klimawandel geworden sind. In Fachkreisen heißt der Zweig "Attribution Studies".

Wie wären "Irma" oder "Harvey" ohne den Menschen ausgefallen?

Manche Klimaexperten wie Susan Joy Hassol vom Aspen Global Change Institute in den USA sind der Überzeugung, dass die Erderwärmung einen Effekt auf jedes Extremwetterereignis hat. "Denn jedes Wetterereignis, das jetzt stattfindet, vollzieht sich in einer veränderten Umwelt", sagt die Direktorin von Climate Communication, einem stiftungsfinanzierten Projekt, das Ergebnisse der Klimawissenschaften einer breiten Öffentlichkeit verständlich machen will. "In einer Umwelt, die wärmer ist, mit mehr Wasserdampf in der Atmosphäre, einer höheren Meerestemperatur, einem höheren Meeresspiegel. All diese Dinge haben einen Einfluss darauf, wie Wetterereignisse sich heute entfalten, und sie beeinflussen damit auch uns."

Das war schon im Fall von "Harvey" zu sehen, dem Hurrikan der höchsten Kategorie Vier, der Ende August Houston verwüstete. Er hatte sich sehr schnell über dem warmen Ozean aufgebaut, langsam bewegt und trug ungewöhnlich viele Regenwolken mit sich – all das führte zu der gigantischen Überflutung von Houston und Teilen von Texas.

"Insofern war 'Harvey' ziemlich sicher intensiver, als er es ohne die menschengemachte Erwärmung gewesen wäre", schreibt Klimaforscher Mann. "Das heißt: stärkere Winde, mehr Sturmschäden und eine höhere Sturmflut." Der Klimawandel, so Manns Fazit, habe die Folgen von "Harvey" verschlimmert.

Einige Wissenschaftler gehen gar so weit zu sagen, dass bestimmte Folgen von Extremwetterereignissen nur unter den heutigen Bedingungen möglich seien. "Als 'Sandy' New York traf, lag der Meeresspiegel bereits um etwa einen Fuß höher als vor 100 Jahren", sagte Kerry Emanuel, Meteorologieprofessor am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, der Washington Post. "Hätte 'Sandy' 1912 zugeschlagen, hätte er wahrscheinlich nicht Lower Manhattan überflutet."

Solche konkreten Einschätzungen gibt es für "Harvey" und "Irma" noch nicht. Genauere Analysen brauchen zumindest ein paar Wochen. Und noch tun sich die Klimawissenschaftler bei Wirbelstürmen, im Gegensatz etwa zu Hitzewellen, vergleichsweise schwer, die höhere Wahrscheinlichkeit durch den Klimawandel zu benennen. Denn Stürme sind physikalisch komplexer. "Wir arbeiten daran, die Reichweite der Ereignisse, die wir analysieren wollen, auszuweiten, und erwarten, dass vieles davon in den nächsten Jahren passiert", sagt der Klimamodellierer Geert Jan van Oldenborgh vom Königlich Niederländischen Meteorologischen Institut (KNMI).

Bis dahin bleibt eine recht gruselige Aussicht, wie sie Michael Mann formuliert hat: "Wenn wir es alle paar Jahre mit einem Megasturm wie 'Sandy' oder 'Katrina' zu tun haben, dann kommen wir langsam außer Reichweite dessen, an was wir uns anpassen können. Wir beginnen über die Bedingungen zu sprechen, die uns buchstäblich dazu zwingen, die wichtigsten Küstenmetropolen der Welt aufzugeben und den Großteil der Milliarden Bewohner umzusiedeln. Wir sprechen über einen Planeten mit einer größeren Weltbevölkerung und starker Konkurrenz um schwindendes Land, Wasser und Nahrung. Das ist ein Rezept für die Katastrophe."

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