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Faktencheck: Schützen Bauern das Klima?

Der Deutsche Bauernverband hat seine Klimastrategie überarbeitet. Die mächtige Bauernlobby will sich ihrer Verantwortung stellen und rühmt sich ihrer "ambitionierten" Klimaziele. Ein näherer Blick auf die Daten spricht eher für das Gegenteil.

Aus Berlin Verena Kern

Ein Jahr hat sich der Deutsche Bauernverband (DBV) Zeit genommen, um seine bisherige Klimastrategie von 2010 zu überarbeiten. Die neue "Klimastrategie 2.0" stellte die Dachorganisation der deutschen Landesbauernverbände am gestrigen Mittwoch in Berlin vor – just an dem Tag, als der neue Fleischatlas erschien, der die Schattenseiten des wichtigsten landwirtschaftlichen Bereichs, der Tierhaltung, beleuchtet. Das zeitliche Zusammentreffen sei "ein Zufall", sagt der Bauernverband. Allerdings ein vielsagender.

BildTeil des Problems: Schweinemastanlage in Thüringen. (Foto: Meine Landwirtschaft/​Flickr)

Auf gut 50 Seiten listet der Fleischatlas auf, was im Fleischsektor schiefläuft. Qualvolle Zustände in Massenställen mit zu viel Antibiotika-Einsatz. Zu viel Gülle, die Böden und Grundwasser belastet und steigende Wasserpreise für Verbraucher bedeutet. Ein immer größerer Flächenverbrauch, auch in anderen Ländern, aus denen die Futtermittel für die hiesige Tierproduktion importiert werden.

Dazu kommt eine EU-Agrarpolitik, von der noch immer vor allem Großagrarunternehmen profitieren. Und eine Landwirtschaftspolitik in Deutschland, die mit Nachdruck auf wachsenden Export setzt – also noch mehr Tiere, noch mehr Dünger, noch mehr Fleisch. Die Forderung der Atlas-Autoren, den Fleischkonsum und die Anzahl der Nutztiere deutlich zu reduzieren, brachte es gestern sogar bis in die Tagesschau.

Umwelt- und klimafreundlich ist die derzeitige Praxis in der Landwirtschaft nicht, macht der Fleischatlas klar. Ingesamt ist der Sektor für acht Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich und damit nach Energie und Verkehr der drittgrößte Verursacher von Klimagasen. Mehr als die Hälfte davon ist auf die Tierhaltung zurückzuführen.

Dabei werden in dieser Bilanz noch gar nicht die Emissionen mitgerechnet, die durch den Abbau von Humus in landwirtschaftlich genutzten Moorböden und durch den Anbau importierter Futtermittel in anderen Ländern entstehen. Darüber hinaus sind die Emissionen des Sektors seit Jahren nicht mehr gesunken. Von einer Agrarwende, die mehr Klimaschutz bringen würde, ist Deutschland weit entfernt.

Bauernverband sieht nur Erfolge

Der Deutsche Bauernverband zeichnet ein ganz anderes Bild. Er sieht die Landwirtschaft nicht in der Bringschuld, nun endlich auch einen Beitrag für mehr Klimaschutz zu leisten. Im Gegenteil.

"Land- und Forstwirte haben bereits erfolgreich zum Klimaschutz beigetragen", sagt Eberhard Hartelt, der Umweltbeauftragte des Bauernverbands. Seit 1990 seien die Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft um 16 Prozent gesunken. Und dies sei gelungen, betont Hartelt, obwohl gleichzeitig die Erträge gesteigert wurden.

Andere Sektoren stehen aus Sicht der Bauernverbands viel schlechter da. Etwa der Verkehrssektor. Der verharre nach wie vor auf der Emissionshöhe von 1990, merkt der DBV an. Er selber helfe indes anderen Sektoren beim Klimaschutz, namentlich durch den Anbau von Energiepflanzen. Dadurch habe die Landwirtschaft "ihre Klimaleistungen deutlich ausgedehnt".

Mit der Klimastrategie 2.0 soll das bisherige Konzept nun "ausgebaut und weiterentwickelt" werden, gibt der DBV an. Auf freiwilliger Basis verpflichte sich der Verband, die Agrar-Emissionen bis 2030 um 30 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Bis 2025 sollen 25 Prozent Reduktion geschafft sein.

So stand es auch schon in der bisherigen Klimastrategie von 2010. Eine Weiterentwicklung im Sinne einer Verschärfung der Ziele ist nicht erkennbar. Tatsächlich gibt es sogar eine gegenteilige Tendenz.

Klimaziel wird aufgeschoben

Denn 2010 war für das Reduktionsziel von 25 Prozent noch als Zielmarke das Jahr 2020 vorgesehen. Diese Marke ist nun "einer kritischen Überprüfung der Ziele aus der Klimastrategie 2010" zum Opfer gefallen. Sie hat laut DBV ergeben, dass "eine Streckung der Zeiträume erforderlich" ist. Aus 2020 wird 2025.

Trotzdem spricht der Bauernverband davon, er halte "grundsätzlich" an seinen Klimaschutzzielen fest – auch wenn man die Emissionssenkung um ein Viertel nun erst fünf Jahre später schaffen will. Zur Begründung verweist der Verband darauf, dass seine Klimaziele "ambitioniert" seien.

Schaut man sich die Zahlen jedoch etwas genauer an, sehen die "Klimaleistungen der Landwirtschaft", derer sich der Bauernverband rühmt, weniger glanzvoll aus.

Die 16 Prozent Einsparung im Vergleich zum Basisjahr 1990, auf die der DBV verweist, ist nämlich keine Errungenschaft jüngeren Datums. Sie war bereits im Jahr 2010 erreicht, als der Verband erstmals eine Klimastrategie entwarf. Und sie war auch schon unmittelbar nach 1990 erreicht, also zu dem Zeitpunkt, von dem ab gezählt wird.

Denn der Rückgang der landwirtschaftlichen Emissionen beruht vor allem auf dem Niedergang der Viehwirtschaft in den neuen Bundesländern, die nach der Wende ihren Markt in Osteuropa verloren hatten. Vereinfacht gesagt: Plötzlich gab es viel weniger Tiere, die Emissionen verursachten – also genau das, was der DBV heute als mögliche Klimaschutz-Maßnahme weit von sich weist.

In diesem Punkt geht es dem Agrarsektor genauso wie Deutschland insgesamt. Der Rückgang der deutschen CO2-Emissionen seit 1990 liegt bei rund 27 Prozent. Zu verdanken ist dies in erster Linie dem Zusammenbruch der Ost-Industrie nach der Wende. Ein weiterer Faktor war die Finanzkrise ab 2008. Auch in deren Folge sanken die Emissionen.

Abgesehen von solchen "Sondereffekten" hat nur der Ausbau der erneuerbaren Energien messbare Effekte in Deutschland gebracht. Zudem steigen die Emissionen seit einigen Jahren wieder an. In Deutschland insgesamt und auch im Agrarsektor (siehe Grafik).

BildDie Entwicklung der Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft von 1990 bis 2015 (Grafik vergrößern): Seit einem deutlichen Rückgang Anfang der 1990er stagnieren die Emissionen auf hohem Niveau. Zuletzt stiegen sie sogar wieder. (Grafik: UBA)

Auch die Klimaziele des Bauernverbands sehen bei näherer Betrachtung wenig beeindruckend aus. Selbst das 30-Prozent-Reduktionsziel für 2030 nimmt sich bescheiden aus, vergleicht man es mit dem Klimaziel der Bundesregierung: minus 55 Prozent.

Allerdings ist derzeit unklar, was die Klimaziele Deutschlands überhaupt wert sind. Das Ziel für 2020, die Emissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, haben die Groko-Sondierer gerade gekippt. Es soll nun möglichst Anfang der 20er Jahre erreicht werden. Zeiträume strecken, das kann nicht nur der Bauernverband.

[Erklärung]  
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