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Klimaneutral bis 2045, aber mit Kernkraft

Schon 2045 will Finnland klimaneutral sein. Auf dem Plan stehen der Ausbau der Erneuerbaren und die Kreislaufökonomie. Die Atomkraft will das Land allerdings als "Brückentechnologie" für eine nicht näher definierte Zeit behalten.

Aus Helsinki Jörg Staude

Wenn es darum geht, für eine ehrgeizige Klimapolitik zu werben, ist der finnische Umweltminister Kimmo Tiilikainen schwer zu übertreffen. Angesichts der beiden großen Probleme in der Welt – "Klimawandel und Mangel an Ressourcen" – habe Finnland neue Verpflichtungen übernommen, um den Pariser Weltklimavertrag zu erfüllen, erklärte Tiilikainen kürzlich gegenüber deutschen Medienvertretern in Helsinki, als es um den nahenden Klimagipfel COP 23 ging.

BildKimmo Tiilikainen von der bäuerlich-liberalen Zentrumspartei ist seit Mai 2015 Umweltminister Finnlands. (Foto: Dierk Jensen)

Dazu habe man, so der Minister, die nationalen Klimaziele neu gefasst und wolle bis 2030 den Anteil der Erneuerbaren am gesamten Energieverbrauch des Landes auf 50 Prozent erhöhen, im selben Zeitraum aus der Kohle aussteigen und dem Einsatz von Öl beim Heizen, im Verkehr und beim Fliegen halbieren.

Bei den Emissionen in den Bereichen, die nicht vom EU-Emissionshandel erfasst werden, nimmt sich Finnland eine Reduktion von 39 Prozent von 2005 bis 2030 vor – eine der "höchsten numerischen" Absenkungen unter allen EU-Staaten, wie Tiilikainen betont. Alles in allem habe Finnland das Ziel, schon 2045 ein klimaneutrales Land zu sein – fünf Jahre früher als viele andere Länder.

Ehrgeiz darin, ein ökologisches Vorbildland zu werden, kann man den Finnen nicht absprechen. Im Juni dieses Jahres waren sie Gastgeber beim ersten "World Circular Economy Forum". Der erste weltweite Gipfel für Kreislaufwirtschaft brachte 1.500 Experten aus mehr als hundert Ländern zusammen.

Finnland setzt auf Biomasse

Für Umweltminister Tiilikainen stehen der globale Mangel an Ressourcen und eine auf "Bioökonomie" aufbauende Kreislaufwirtschaft dabei in engem Zusammenhang. Ein gutes Beispiel ist für ihn der Umgang mit Nitraten.

Es gehe nicht nur darum, durch Abwasserreinigung die Einträge von Nitraten in die Ostsee zu verringern, sondern am Ende gelte es, den Stickstoff für den Einsatz in der Landwirtschaft zurückzugewinnen. Was den Finnen da vorschwebt, zeigt exemplarisch die Mitte Oktober im mittelfinnischen Äänekoski eingeweihte "Bioraffinerie".

In dem skandinavischen Land gibt es inzwischen – wie in Deutschland – eine intensive Debatte um die Verantwortung der Konsumenten selbst, zum Beispiel für die Lebensmittelverschwendung. 300 bis 400 Millionen Kilogramm Essbares sollen die knapp 5,6 Millionen Finnen jedes Jahr in die Mülltonne "entsorgen".

Auf Nachfrage wird eingestanden, dass auch in dem nordischen Land niemand genau weiß, ob die meisten Verluste schon auf dem Feld entstehen oder bei der Verarbeitung in der Industrie oder erst, wenn der Handel oder die Kunden eigentlich noch essbare Produkte wegwerfen.

So oder so – Finnland scheint fest entschlossen, den Holzreichtum des Landes nicht nur in eine prosperiende Biogaswirtschaft und Bioökonomie zu verwandeln. Dem Minister schwebt auch vor, wachsende Wälder über sogenannte LULUCF-Gutschriften ökonomisch nutzbar zu machen.

"Energie ist nicht nur Stromerzeugung"

Nicht so gern spricht Umweltminister Tiilikainen über die finnischen Atomkraftwerke. Nach jahrelangen Verzögerungen soll Olkiluoto 3, der fünfte finnische Reaktor, erbaut von einem französisch-deutschen Konsortium aus Areva und Siemens, als neue Generation europäischer Druckwasserreaktoren im Mai 2019 ins Stromgeschäft einsteigen.

Langfristig gesehen, räumt Tiilikainen gegenüber klimaretter.info ein, halte er Atomkraft nicht für den besten Weg, Energie zu erzeugen. Finnland sehe Atomkraft als "Transition", eine Art Übergangs- oder Brückentechnologie zu einer hundertprozentig erneuerbaren Energieversorgung.

Auch spielt der Minister die Bedeutung des Atomstroms für das Land herunter. Strom habe, rechnet er vor, ohnehin nur einen Anteil von 30 Prozent am gesamten Energieverbrauch Finnlands – und davon komme wiederum nur ein Drittel aus den AKW.

Er verstehe es, dass in der Debatte über Klimapolitik am meisten auf die Stromerzeugung geschaut werde. Die sei jedoch nur ein Teil des Problems, ein bedeutendes zwar, aber eben nur ein Teil. Werde Atomkraft mit größtmöglicher Sicherheit eingesetzt, müsse man sie nicht verteufeln.

Autos mit Biogas-Antrieb

Die größte Herausforderung bei der Transformation des fossilen System besteht für Tiilikainen darin, in seinem Land Wärme und Verkehr auf erneuerbare Grundlage zu stellen. Den schnellsten Weg, die Emissionen im Verkehr zu senken, stelle für Finnland der Einsatz alternativer Kraftstoffe dar. Wegen der boomenden Biogasbranche sollte das mit gasbetriebenen Autos auch klappen.

Elektroautos führen in Finnland bislang nicht einmal ein Nischendasein. Im nächsten Jahr werde die Regierung aber ein Förderprogramm zum Kauf von E-Autos beschließen und ein weiteres zum Aufbau von Ladestationen, kündigt der Umweltminister an.

BildAm Inarisee: Nur 14 Prozent der finnischen Landfläche sind nicht bewaldet. Kein anderes Land in Europa verfügt über eine solche Rohstoffbasis. (Foto: P. Taus/​Flickr)

Fragt man finnische Experten, ob es im Sinne von Nachhaltigkeit und Bioökonomie ist, wenn E-Mobile mit Atomstrom im Strommix angetrieben werden, bekommt man eher ausweichende Antworten. Gegenüber dem deutschen Problem, dass Unmengen von Kohlestrom die Ökobilanz der E-Auto vermiesen, hat das Fahren mit Atomstrom, auch wenn das niemand gern zugibt, aus finnischer Sicht einen unschätzbaren Vorteil: Dieser gilt als CO2-frei.

[Erklärung]  
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