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Zu Hause: Ein Kraftwerk

Es sind nur kleine Aggregate, die im Keller verschwinden sollen. Die Hamburger Firma Lichtblick verspricht sich von ihnen aber eine Revolution der deutschen Energieversorgung: "Zuhause-Kraftwerke", die mit dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Heizenergie in Wohnhäusern liefern. Schaltet man viele kleine Einheiten zusammen, könnten sie sogar den umfangreichen Netzausbau überflüssig machen.

Aus Hamburg Nick Reimer

"Heizung gestört? Kein Problem: TankTrans hilft sofort". Dieser Hinweis klebt an der Kellertür. Aber das ist längst Geschichte: Im Keller der Kirchgemeinde Hamm in Hamburg hat die Zukunft begonnen. Dort, wo früher die Gastherme arbeitet, steht jetzt ein Kraftwerk. "Sollte es Probleme geben, meldet das ein Signal an die Zentrale", sagt Gero Lücking. Der Vorstand des Ökostrom-Anbieters Lichtblick steht im Hamburger Kirchenkeller vor einem grauen Kasten, dem sogenannten "ZuhauseKraftwerk". Neuerdings handeln die Hamburger nicht nur mit klimafreundlichem Strom – sie produzieren ihn auch selbst.


"Spielraum verschaffen die Warmwasser-Tanks", sagt Gero Lücking - hier im Keller der Kirchgemeinde in Hamburg. (Fotos: Reimer)

Und Lichtblick will mit den Zuhause-Kraftwerken mal eben die Stromversorgung revolutionieren. "Dahinter steckt die Idee des Schwarms", sagt Lücking: In jedem der 19 Millionen Gebäude in Deutschland ein eigenes Kraftwerk im Keller und die Eons und Co. wären arbeitslos. "Die Zukunft der Energieversorgung ist dezentral", sagt Lücking – und die soll hier in Hamburg den Anfang nehmen.

Sechs Wärmetanks stehen im Hamburger Kirchenkeller, jeder kann 1.000 Liter warmes Wasser speichern. Daneben thronen zwei jener Kraftwerke, die Lücking als "die Zukunft" bezeichnet: Doppelkraftwerke, die auf dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeiten und sowohl Strom als auch Warmwasser erzeugen.

Doppelkraftwerke machen sich den Wärmeabfall zu Nutze

Jedes der beiden Doppelkraftwerke hat eine Strom-Produktions-Leistung von 19 Kilowatt, die Wärmeleistung liegt bei 34 Megawatt. "Unser Interesse ist natürlich, so viel Strom wie möglich zu produzieren - und zwar immer dann, wenn der Markt ihn benötigt", sagt Lücking. Die Interessen der Mieter oder Besitzer aber gehen vor. Wie viel Strom Lichtblick erzeugen kann, hängt allerdings vom Wärmebedarf im Gebäude ab. Dank der Wärmespeicher muss das Kraftwerk aber nicht genau dann anspringen, wenn warmes Wasser oder eine warme Wohnung gebraucht wird. Wichtig ist, dass die Wärme vorgehalten wird. Nur Strom oder nur Wärme können Doppelkraftwerke nicht produzieren – sie liefern immer beides. Bei Lichblick geht der Strom direkt ins Netz, die Wärme wird gespeichert - und kann dann später abgerufen werden. Das Prinzip der Doppelkraftwerke sorgt für einen extrem hohen Wirkungsgrad: 90 Prozent der eingesetzten Energie werden nutzbar gemacht, in einem normalen Kohlekraftwerk sind es gerade einmal 35 Prozent. Was dort als Wärmeabfall – verniedlichend als "Abwärme" bezeichnet – über die Kühltürme in die Umwelt geblasen wird, machen sich Doppelkraftwerke zunutze.

Zwar werden die Zuhause-Kraftwerke mit Erdgas angetrieben – also einem fossilen Energieträger. "Wegen des extrem hohen Wirkungsgrades bescheinigen die Umweltverbände der Kraft-Wärme-Kopplung aber Ökostrom-Charakter", sagt Lücking. Das ist ein bisschen übertrieben – natürlich wird durch ein Zuhause-Kraftwerk mehr Kohlendioxid für die gleiche Energiemenge frei als wenn ein Wohngebäude durch Solarthermie beheizt werden würde. Perspektivisch können Zuhausekraftwerke aber auch mit Biogas betrieben werden. Lichtblick bietet bereits einen Biogas-Tarif an.


Beheizt vom Zuhause-Kraftwerk: Gemeindegebäude der Hamburger Kirchgemeinde Hamm.

Der eigentliche Clou der Zuhause-Kraftwerke ist aber, dass sie Netzschwankungen ausgleichen können – ein entscheidender Vorteil für die Energiewende. "Bläst der Wind einmal nicht oder ist der Himmel wolkenverhangen, muss Strom aus anderen Quellen kommen", sagt Lücking. Da sei es erstens besser, fossile und flexibel steuerbare Doppelkraftwerke mit 90 Prozent Wirkungsgrad einzusetzen. "Zweitens sind unsere Kraftwerke binnen 60 Sekunden auf Nennleistung", also quasi sofort einsatzbereit. Das sei wesentlich für die Versorgungssicherheit. "Netzschwankungen müssen schnell ausgeglichen werden", sagt Lücking. Moderne Gaskraftwerke brauchen aber eine Stunde, um angefahren zu werden, Kohlekraftwerke vier Stunden, Atomkraftwerke fast einen ganzen Tag. Viel zu lange also, um kurzfristige Lastschwankungen auszugleichen.

Lücking steht also im Keller einer Hamburger Kirchgemeinde vor zwei Kraftwerken mit einer Leistungsfähigkeit von 19 Kilowattstunden. Und das soll die Energiezukunft sein? Die beiden kleinen Aggregate eine Revolution? "Moment", sagt der Lichtblick-Vorstand, "neue Lösungen brauchen neues Denken". Natürlich sind die zwei Blockheizkraftwerke im Kirchenkeller nur zwei von vielleicht zehntausend oder Millionen Puzzlesteinen. "Jeder Keller in Hamburg auf ein Zuhause-Kraftwerk umgerüstet – wir könnten ganz Norddeutschland mit Strom versorgen".

"Gegen diesen Kraftwerksneubau wird nie eine Bürgerinitiative demonstrieren"

Gesteuert werden die Kellerkraftwerke von der Hamburger Lichtblickzentrale. Zusammengeschaltet haben die ersten 300 Anlagen mittlerweile eine Leistungsfähigkeit von 6 Megawatt – so viel wie ein großes Windrad. Aktuell kommen wöchentlich zehn neue Kraftwerke hinzu, Lichtblick will 2014 bereits 400 Megawatt Leistung am Netz haben – vergleichbar mit einem Kohlekraftwerksblock. "Das Schöne an unserem Kraftwerk ist, dagegen wird nie eine Bürgerinitiative demonstrieren", sagt Lücking. Es ist ja unsichtbar im Keller.

Aber warum sollten die Leute Lichtblick ihren Keller zur Verfügung stellen? "Das ist von Vorteil", sagt Jürgen Janßen, Küster und Hausmeister der Kirchgemeinde Hamm. Als die energetische Sanierung des Gemeindehauses anstand, habe der Architekt Zuhausekraftwerke empfohlen. Die Argumente hätten den Kirchenvorstand überzeugt. "Wir brauchten eine neue Heizung, allein die Gastherme hätte 7.500 Euro gekostet. Lichtblick hat uns das Zuhause-Kraftwerk für 5.000 Euro angeboten", sagt der Küster, habe sämtliche Arbeiten kostenfrei übernommen, die Gemeinde habe sich nicht einmal um irgendetwas kümmern müssen. Janßen: "Und das Schöne ist, pro erzeugter Kilowattstunde Strom verdienen wir einen Cent. Lichtblick zahlt uns sogar noch Miete für die Anlage".


"Sehr zufrieden" - Küster Jürgen Janßen.

Eine eher symbolische: 5 Euro gibt es pro Zuhause-Kraftwerk im Monat. Immerhin bietet Lichtblick ein Rundum-Wohlfühl-Paket: Wartung, Störungsdienst, Erneuerung – alles wird vom Ökostromhändler gezahlt. Dafür bleibt die Anlage im Besitz von Lichtblick – trotz der 5.000 Euro, die die Kirchgemeinde für die Installation gezahlt hat. "Das ist unser Geschäftsmodell", sagt Lücking. Als Anlagenbesitzer kann Lichtblick jederzeit dem Zuhause-Kraftwerk sagen: "Produzier-jetzt-Strom". Dann produziert die Anlage auch die Wärme für die Mieter oder Besitzer – sozusagen als Nebenprodukt. Und der Mieter oder Besitzer zahlt einen Wärmetarif, der an den ortsüblichen Gastarif angelehnt ist.

Aufgebaut ist das Zuhause-Kraftwerk aus drei Modulen: Ganz unten – der größte Teil – ist das Kraftwerk, darüber die Hydraulik – also die Pumpen, die die Wärme auch so umwälzen, dass sie bei dem Mieter als wohlig warme Zimmertemperatur oder Duschwasser ankommen. Entscheidend für Lichtblick ist aber das dritte Modul – die elektronische Steuereinrichtung. Lücking bezeichnet sie als "Kommunikationszentrale".

Punktgenaues Signal aus der Schaltzentrale

Diese Kommunikationszentrale ist auch der Schlüssel zur Lichtblick-Geschäftsidee. Der Strompreis richtet sich an der Handelsbörse nach Angebot und Nachfrage. Bläst viel Wind, ist das Netz mit Windstrom voll – der Preis geht in den Keller. Ist Flaute, klettert der Handels-Preis – exakt jener Moment, in dem Lichtblick seine Zuhause-Kraftwerke ans Netz schaltet. Statt 5 Cent verdient Lichtblick dann beispielsweise 8 Cent je Kilowattstunde, zudem werden Doppelkraftwerke mit dem so genannten KWK-Bonus gefördert – 5,11 Cent je Kilowattstunde. 

Von Lichtblick selbst entwickelt, werden die Zuhausekraftwerke von VW in Salzgitter gebaut. Volkswagens Anspruch ist, die effizientesten Motoren der Welt zu bauen. "Die verwendeten 2,0 l Gasmotoren haben sich millionenfach in unseren Modellen Touran und Caddy bewährt", erklärteVW-Vorstandsmitglied Werner Neubauer. Es sei egal, ob diese nun in Autos oder Kleinkraftwerken zu Einsatz kommen. Zwar laufen die Kraftwerke schon in Serie vom Band. "Wir bauen das Geschäftsfeld jetzt schrittweise aus, so dass VW wie geplant die Produktion erhöhen kann", sagt Lücking. 10.000 Anlagen im Jahr seien durchaus denkbar.

Damit diese Zahl spätestens 2014 erreicht wird, hat Lichtblick 150 neue Mitarbeiter eingestellt und in den letzten zwei Jahren 20 Millionen Euro investiert. "Interessant wird ein Zuhausekraftwerk ab einem Wärmebedarf von 40.000 Kilowattstunden pro Jahr", heißt es in der Kundenberatung – also beispielsweise für ein gut gedämmtes Vier- oder schlecht gedämmtes Zweifamilienhaus. Größere Häuser wie die Kirchgemeinde in Hamburg-Hamm stellen sich eben zwei Geräte in den Keller.

Lichblick investiert ein Vielfaches für das Kraftwerk – und dafür produziert es lediglich stundenweise Strom. "Das rechnet sich aber trotzdem", sagt Lücking. Die Anlage amortisiere sich innerhalb der Vertragslaufzeit von 10 Jahren, für Kraftwerksprojekte traumhaft schnell. Ein Vorteil sei zudem der Planungsvorteil. Lücking: "Ein Kohle- oder Gaskraftwerk braucht mindestens 3 Jahre Planungszeit. Unser Kraftwerk steht in sechs Wochen".


Technik mit VW-Logo: Das ist das ZuhauseKraftwerk von Lichtblick.

Das alles klingt irgendwie nach einem Märchen aus der Energiewirtschaft. Herr Lücking, wo ist denn der Haken an der Sache? Verschmitzt lächelt der Lichtblick-Vorstand ein bisschen. "Ich sehe keinen", sagt Lücking. Die Verbindungen des Kraftwerks zum Gebäude seien flexibel über Schlauchleitungen gehalten, damit keine Schwingungen auf das Haus übertragen werden – und so auch keinen Schaden oder Lärm verursacht wird. "Wir könnten uns sogar den ganzen Netzausbau in großem Stile sparen", sagt Lücking. Einfach ein Zuhause-Kraftwerksprogramm in Baden-Württemberg auflegen – und schon wäre Windstrom aus dem Norden überflüssig, um den Strombedarf nach dem Abschalten der Atomkraftwerke zu sichern.

Und dann sagt Lücking: "Geld verdienen wollen wir natürlich auch".

 

Anmerkung der Redaktion: Gero Lücking ist Mitherausgeber von klimaretter.info.

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