Zehn Atomkraftwerke wegsparen
Unternehmensinitiative Energieeffizienz Deneff zeigt, dass allein durch Energiesparmaßnahmen mehr als die Hälfte der deutschen AKW abgeschaltet werden könnten. Die Investitionskosten soll der Staat vorschießen.
Aus Berlin Felix Werdermann
Es ist wirtschaftlich, sicher und umweltfreundlich: Durch Stromsparen ließen sich in Deutschland bis zum Jahr 2020 um die zehn Atomkraftwerke überflüssig machen. Das zeigt eine Untersuchung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie im Auftrag der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff). Im Wärmebereich könnte demnach sogar nochmal doppelt so viel Energie gespart werden.

Zehn von 17 Atomkraftwerken könnten eingespart werden, wenn mehr in Energieeffizienz investiert würde. (Foto: Sorodorin/Wikipedia)
Nach dem Atomunfall in Japan wird in Deutschland über einen schnelleren Atomausstieg diskutiert. Da rechnet sich auch die vor kurzem gegründete Energieeffizienz-Lobby Deneff Chancen aus: Gestern legte sie einen Vorschlag für ein Zehn-Punkte-Sofortprogramm vor, mit dem der Atomausstieg schnell und wirtschaftlich zu machen sei. In dem Branchenverband Deneff sind Unternehmen zusammengeschlossen, die etwa Gebäude sanieren oder energiesparende Geräte vermarkten – sie profitieren also von Energieeffizienz-Maßnahmen.
Mit dem Sofortprogramm sollen bis 2020 insgesamt 68,3 Terawattstunden Strom pro Jahr eingespart werden, so könnten neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Durch bereits beschlossene Sparmaßnahmen würden es noch 13 Terawattstunden weniger, das entspricht der Produktion von zwei weiteren Reaktoren. Die restlichen Atomanlagen sollen durch Gaskraftwerke ersetzt werden, dadurch würde mehr Kohlendioxid ausgestoßen. Diese zusätzlichen Emissionen könnten jedoch durch Einsparungen im Wärmebereich ausgeglichen werden: Dort könnte der Energieverbrauch der Berechnung zufolge um insgesamt 155 Terawattstunden gesenkt werden.
Die Vorteile eines solchen Einsparprogramms liegen auf der Hand: "Energieeffizienz ist die sauberste, billigste und sicherste Energiequelle", sagt Carsten Müller, Vorstandsvorsitzender der Deneff. Einsparungen produzieren weder Treibhausgase noch Atommüll, lohnen sich meist wirtschaftlich, und lassen sich innerhalb kurzer Zeit umsetzen. Außerdem muss Deutschland weniger Strom importieren – oder kann mehr exportieren. Seit Jahren liefern deutsche Kraftwerke Strom ins Ausland; deswegen sind auch keine Lichter ausgegangen, als vor kurzem die ältesten Atomkraftwerke abgeschaltet wurden.

Hier gibt es viel Einsparpotential. (Foto: A3500 Fotoreport Roger Hensel)
Der Abbau dieser Überkapazitäten spielt auch in den meisten Atomausstiegsszenarien eine Rolle – zusammen mit dem Ausbau der regenerativen Energien. "Wir vermissen im Moment noch etwas, dass der Bereich Energieeffizienz genauso forciert vorangetrieben wird", sagt Deneff-Vorsitzender Müller. Gefragt sei eine "sinnvolle Kombination aus erneuerbaren Energien und Energieeffizienz".
Das Problem an den Effizienz-Maßnahmen: Oft soll der Staat Geld hinzuschießen. Die größten Stromeinsparungen werden im Sofortprogramm durch einen Energieeffizienzfonds erreicht, aus dem energiesparende Geräte wie Pumpen oder Motoren gefördert werden sollen. Dafür seien 562 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln nötig. Im Wärmebereich soll der Staat sogar mit fünf Milliarden Euro finanzielle Anreize setzen. Insgesamt würde das Deneff-Sofortprogramm den Steuerzahler knapp sieben Milliarden Euro pro Jahr kosten. Privatpersonen und Unternehmen würden beinahe fünf Milliarden Euro mehr investieren als sonst, somit lägen die Gesamtkosten bei fast zwölf Milliarden Euro. An Energiekosten würden jedoch 19,3 Milliarden Euro eingespart, also mehr als das Eineinhalbfache.
In der Vergangenheit seien ähnliche Vorschläge je nach Haushaltslage nicht oder nur teilweise umgesetzt worden, erklärt Stefan Thomas vom Wuppertal Institut. Entsprechende Förderprogramme seien "immer abhängig vom Bundeshaushalt gewesen und das ist fatal." Anders bei der Förderung von erneuerbarem Strom: Dort zahlt nicht der Staat, sondern die Energiewirtschaft. Die Zuschüsse für Strom aus Wind, Sonne oder Wasser werden auf die Unternehmen umgelegt – und die wiederum geben die Kosten an die Kunden weiter. Die Förderung ist so langfristig gesichert, das begünstigt Investitionen. Stefan Thomas wünscht sich das auch für die Energieeffizienz. Sie brauche ebenfalls "stabile Rahmenbedingungen".
Lesen Sie auch das klimaretter.info-Interview mit Christian Noll, dem Geschäftsführenden Vorstand der Deneff.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 23 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Ein Bündnis aus NABU, Mieterbund, IG BAU und DENEFF fordert von der Bundesregierung konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des Energieverbrauchs
Schwerpunkt des "Aktionsprogramms Energieeffizienz und erneuerbare Energien" liegt auf Gebäudesanierung und Windkraft
Die neue Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) will für eine bessere Nutzung der Energie eintreten. Klimaretter.info sprach mit ihrem geschäftsführenden Vorstand Christian Noll darüber, warum Energieeffzienz "für alle ein Gewinn" ist.
Statt jetzt endlich mit verbindlichen Vorgaben in die Effizienztechnologie einzusteigen, hat die Regierung de facto jedwede Effizienzvorgaben aufgegeben, sagt Martin Bornholdt, Geschäftsführer der "Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz" im Interview mit klimaretter.info. Das Management der Energiewende durch die gelb-schwarze Regierung sei dilettantisch.
Schwarz-gelbes Energiekonzept: Nicht nur bei den Akw-Laufzeiten unterlag Norbert Röttgen gegen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle - eine ganze Reihe konkreter und sinnvoller Klimaschutzvorschläge von Fachleuten des Umweltministeriums blieb beim regierungsinternen Tauziehen auf der Strecke.
BDEW will bis 2020 aus Atomenergie aussteigen - RWE oder Eon ziehen nicht mit
Erdgas kann eine Brücke ins erneuerbare Zeitalter sein, sagen Greenpeace und Wuppertal Institut in einer neuen Studie. In den kommenden zehn Jahren müssten dafür bis zu 20 neue Anlagen mit einer Leistung von je 400 bis 600 Megawatt gebaut werden. Insgesamt soll der Erdgasbedarf aber erheblich sinken. Das Problem, wenn im Stromsektor verstärkt auf Gas gesetzt werden soll: Gas wird immer teurer. Aus Berlin Johanna Treblin
In den kommenden zehn Jahren könnten im Gebäudesektor bis zu 18 Millionen Tonnen Treibhausgase zusätzlich eingespart werden
Umweltbundesamt: Auch Mangel an Fachpersonal behindert Energieeinsparungen
BDI fordert Kopplung der EU-Ziele an die wirtschaftliche Konjunktur
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau bearbeitet zur Zeit keine Anträge für Zuschüsse zur Gebäudesanierung
Für erneuerbare Energien und Energieeffizienz gibt es gut 40 Prozent weniger Geld
Die Bundesregierung solle endlich Schritte für eine wirksame Steigerung der Energieeffizienz einleiten, so das Expertengremium
Nach dem Scheitern des Gesetzes zur energetischen Gebäudesanierung im Bundesrat will Schwarz-gelb den Vermittlungsausschuss umgehen



