"Wir sparen 90 Prozent der Energiekosten"
Herr Willenbacher, am Wochenende feiert Juwi eine Erweiterung des Unternehmenssitzes – nach Ihren Angaben dem energieeffizientesten Bürogebäude der Welt. Müssen Sie da im Winter überhaupt noch heizen?
Ja, wir müssen noch heizen – aber sehr, sehr wenig. Es gibt zwar noch keine Fenster, die überhaupt keine Wärme mehr durchlassen. Aber wir haben die bestisolierten Fenster eingebaut, die derzeit zu haben sind. Und wir haben unsere Bürogebäude nach Passivhausstandard gedämmt.
Was unterscheidet das Gebäude von anderen Bürohäusern?
Die energieeffiziente Bauweise. Bei heutigen Standardhäusern wird ja bereits in der Bauphase viel Energie verbraucht, etwa durch die Produktion von Stahl und Zement für das Grundgerüst oder den Beton. Bei unserem Bürokomplex wurden dagegen durch die Verwendung von einheimischem Holz drastisch Energie und Emissionen gespart – Holz bindet bekanntlich Kohlendioxid, während bei der Zement- oder Stahlproduktion große Mengen freigesetzt werden. Natürlich, Holzhäuser gibt es viele, aber es gibt nur wenige Holz-Bürogebäude, und schon gar nicht in dieser Größe und mit dieser Energieeffizienz.
Durch die extrem gute Isolierung sparen wir einen Großteil der Energie zum Heizen und Kühlen. Darüber hinaus haben wir auf sehr viele Kleinigkeiten geachtet: Beispielsweise gibt es keine eigenen Mitarbeiterkühlschränke, weil diese erfahrungsgemäß wenig genutzt werden und häufig sowieso nur abgelaufene Lebensmittel darin liegen.
Hat sich Ihre Investition denn gelohnt?
Selbstverständlich. Wir sparen etwa 90 Prozent der Energiekosten, das sind mehrere hunderttausend Euro pro Jahr. Die Mehrkosten im Vergleich zu konventioneller Bauweise waren im Vergleich dazu minimal - gerade mit Blick auf die steigenden Energiepreise.
Neben den wirtschaftlichen Vorteilen ist für uns natürlich auch sehr wichtig, ein Zeichen zu setzen. Wenn wir Windkraftanlagen planen, wird uns mitunter vorgehalten, es sei doch viel sinnvoller, Energie einzusparen. Diese Menschen kann ich zu uns einladen und ihnen sagen: Wir sparen bereits Energie - und Sie können gerne mitmachen!
Mit modernster Wärmedämmung, Holzbauweise und Solarzellen hat die Juwi AG ihren Firmensitz im rheinland-pfälzischen Wörrstadt nach eigenen Angaben zum energieeffizientesten Bürogebäude der Welt gemacht (Fotos: Juwi)
Wenn sich Ihr Bürohaus wirtschaftlich rechnet, warum bauen nicht alle so energieeffizient?
Die meisten sind es nicht gewohnt, betriebswirtschaftlich zu denken. In der Regel wird gebaut, was in der Anschaffung günstiger ist. Man muss aber die Gesamtkosten eines Gebäudes über einen längeren Zeitraum betrachten. Das war bislang eher unüblich, weil Energie noch vergleichsweise erschwinglich war. Doch das wird sich künftig sicher ändern, die Energiepreise werden ja weiter steigen.
Sie haben eben Windkraft-Kritiker erwähnt: Ist mangelnde Akzeptanz von Windrädern in Deutschland ein großes Problem?
Ich habe eine gewisse Wellenbewegung der Akzeptanz festgestellt. Als wir unsere ersten Windräder gebaut haben, war die Begeisterung groß darüber, dass man Strom auch anders erzeugen kann. Als die Zahl der Anlagen zunahm, mehrten sich skeptische Meinungen. 2004 machte der Spiegel mit dem Aufmacher "Der Windmühlen-Wahn" Stimmung – das hat die Debatte wirklich angeheizt.
Derartiges erleben wir heute nicht mehr. Zwar gibt es vor allem lokal mitunter noch Widerstände, aber viele Kommunen freuen sich, wenn wir bei ihnen einen Windpark planen - denn sie profitieren von Gewerbesteuern und lokaler Wertschöpfung.
Sie haben mehrere Ackerflächen-Solarprojekte auf Eis gelegt, weil die wegen der Kappung der Solarförderung durch die Bundesregierung derzeit nicht wirtschaftlich sind. Wie bedrohlich sind die Pläne für die Solarindustrie insgesamt?
Dass die Fördersätze gekürzt werden, war an sich keine große Überraschung. Allerdings halten wir es für fatal, dass im Zuge dessen die Förderung für Solaranlagen auf Ackerflächen komplett gestrichen werden soll. Denn Anlagen auf Ackerflächen sind die günstigsten Solaranlagen! Die Einspeisetarife liegen rund ein Drittel unter denen von Dachanlagen. Ackeranlagen helfen also, Solarstrom konkurrenzfähig zu machen. Ob eine Ackeranlage an einem bestimmten Standort sinnvoll ist, kann am besten dezentral durch die örtlichen Genehmigungsbehörden entschieden werden – Ackerflächenprojekte sollte man nicht generell per Gesetz ausschließen.
Man muss insgesamt eine Balance hinbekommen: Die Fördersätze sollten nicht übertrieben hoch sein, sie müssen aber weiterhin Investitionen in Solaranlagen ermöglichen. Deutschland hat eine wichtige Vorreiterfunktion. Solarenergie ist die Energieform, die weltweit am besten dezentral eingesetzt werden kann - gerade auch in Entwicklungsländern. Der Klimawandel wird ja die Menschen dort am härtesten treffen. Die Solarenergie kann ihnen helfen, aus der Armutsspirale herauszukommen.
Wie stehen Sie zum Projekt Desertec?
Ich habe nichts gegen die Technik an sich. Solare Großkraftwerke in der Wüste sind sinnvoll, beispielsweise für Ballungsräume in Afrika. Ich halte aber nichts davon, dass der Strom über weite Strecken transportiert werden soll, um bei uns eine angebliche Stromlücke zu schließen. Wir begeben uns damit erneut in die Abhängigkeit der großen Energiekonzerne. Die Konzerne können ihr Monopol festigen, der Strom muss über weite Strecken transportiert werden - beides macht den Strom teuer.
Seit 1. Juli sind Sie Mitherausgeber von Klimaretter.info. Was hat Sie dazu bewogen?
Klimaretter.info und Juwi haben bei den grundsätzlichen Zielen vieles gemeinsam. Wir sind natürlich ein Wirtschaftsunternehmen, das Gewinne erzielen muss. Aber uns ist es mindestens genauso wichtig, dass künftige Generationen eine lebenswerte Zukunft haben. Dabei ist die öffentliche Debatte sehr, sehr wichtig –mit der Unterstützung von Klimaretter.info können wir einen Beitrag dazu leisten, dass die Themen Klimawandel und Energiewende ins Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung getragen werden.
Das Interview führten Hanno Böck und Johanna Treblin
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