Das neue Jahrzehnt der Stromzähler
Neues Jahr, neue Stromzähler! Elektronische Messgeräte sollen die Basis schaffen für zeitvariable Tarife. Davon können auch Haushalte davon profitieren, wenn üppiger Windstrom die Preise im Großhandel purzeln lässt
Aus Freiburg BERNWARD JANZING
Die Struktur der Stromtarife wird sich in den nächsten Jahren erheblich verändern: Die Versorger werden künftig Strompreise anbieten, die je nach Tageszeit oder aktueller Netzlast schwanken. Bislang bezahlen Haushaltskunden in der Regel einen fixen Kilowattstundenpreis rund um die Uhr - sofern sie nicht über einen Großverbraucher wie eine Wärmepumpe oder eine Elektroheizung verfügen.
Die Grundlage für die neuen Tarife sind elektronische Stromzähler, die seit Jahresbeginn vorgeschrieben sind. Sie müssen fortan in Neubauten und bei umfangreichen Modernisierungen von Gebäuden installiert werden. Nach Schätzungen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW wird dies jährlich etwa 400.000 Haushalte betreffen. Nach einer Studie der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Berg Insight wird die Wachstumsrate für die so genannten Smartmeter auf durchschnittlich 16,2 Prozent pro Jahr prognostiziert. 2014 sollen sich in Europa bereits 96,3 Millionen intelligente Stromzähler im Einsatz befinden, 2020 könnte das EU-Ziel, 80 Prozent aller Haushalte mit Smartmetern auszustatten, erreicht sein.
Die Betreiber des Zählers müssen aber auch anderen Kunden die Nachrüstung einer elektronischen Meßstelle anbieten. Das verlangt das deutsche Energiewirtschaftsgesetz.
Wenngleich noch nicht ganz klar ist, was die elektronischen Zähler in Zukunft alles können müssen, ist das Ziel der Aktion eindeutig: Die Geräte werden nicht mehr - wie bisherige Zähler - einfach den Verbrauch über das ganze Jahr aufsummieren, sondern sie werden auch erfassen, zu welcher Zeit der Kunde wieviel Energie verbraucht. Das ist Voraussetzung für Stromtarife, die sich am aktuellen Strommarkt orientieren.
Ökonomisch ist dieser Gedanke nur folgerichtig, weil Strom ein Gut mit schwankendem Zeitwert ist. Das wurde zuletzt am zweiten Weihnachtstag deutlich, als der Preis im Großhandel an der Leipziger Strombörse sogar deutlich ins Negative rutschte: Weil die Windkraftanlagen zeitweise mehr als 20.000 Megawatt einspeisten, zugleich aber auch unflexible Großkraftwerke noch am Netz waren (die Atomkraftwerke erzeugten in diesen Stunden zusammen 11.000 Megawatt, die Kohlekraftwerke 12.000 Megawatt), war Strom im Überfluss vorhanden. Gemäß der Marktlogik trieb dieser Überfluss die Preise auf Rekordtiefen.
Bisher können aber nur Großverbraucher von den Preisschwankungen
profitieren. Mit den neuartigen Stromzählern - umgangssprachlich oft
als "intelligente Zähler" bezeichnet - werden nun die technischen
Voraussetzungen dafür geschaffen, dass auch Privatkunden an den
Marktentwicklungen teilhaben können.
Nach dem Energiewirtschaftgesetz sind alle Stromversorger verpflichtet, ab Ende Dezember 2010 lastvariable oder tageszeitabhängige Tarife anzubieten. Zugleich wird den Lieferanten auch auferlegt, sofern der Kunde dies wünscht, den Verbrauch halbjährlich, vierteljährlich oder gar monatlich abzurechnen.
Attraktiv dürften die variablen Strompreise vor allem für jene Verbraucher sein, die ihre Stromnachfrage in großem Stil verlagern können. Besitzer von Elektrofahrzeugen zum Beispiel könnten diese immer dann betanken, wenn die Strompreise gerade niedrig sind. Großunternehmen praktizieren dieses sogenannte Demand Side Management, also die bewußte Steuerung der Stromnachfrage, längst. Die Hälfte des Stromverbrauchs in Deutschland entfällt jedoch auf Kleinverbraucher. Dass auch diese häufig bereit sind, einzelne Aktivitäten - etwa den Start ihrer Waschmaschine - tageszeitlich zu verlagern, haben in den vergangenen Jahren mehrere Pilotprojekte gezeigt.
(Fotos: pixelio.de, EnBW)
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