DUH: Wärmewende nur ohne Fossile

Im Jahr 2050 soll der gesamte Gebäudebestand klimaneutral sein. Das geht am besten mit einem technologieoffenen Ansatz, sagt die Deutsche Energieagentur. Das ist nur ein Deckmantel, um die fossilen Technologien länger im Markt zu halten, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe.

Aus Berlin Friederike Meier

Wenn es bald wieder kälter wird, schlägt das mächtig auf die Klimabilanz. Denn noch immer heizen die meisten Deutschen mit Öl oder Gas – und wie es aussieht, wird sich das so schnell nicht ändern. Obwohl die Bundesregierung für 2050 einen nahezu klimaneutralen Gebäudesektor anstrebt, ist der Anteil verkaufter Heizungen, die erneuerbare Energien nutzen, im Gebäudebestand seit 2009 von 37 Prozent auf unter 23 Prozent gesunken.

BildDie Dämmung von Gebäuden ist ein wichtiger Faktor bei der Wärmewende. (Foto: Engoman23/Wikimedia Commons)

Auch ein konkretes Datum, ab dem fossile Heizsysteme nicht mehr eingebaut werden sollen, ist nicht in Sicht: Ursprünglich stand im Klimaschutzplan 2050, dass "spätestens mit dem Jahr 2030" auf die Neuinstallation fossiler Heizsysteme verzichtet werden soll. Diese Formulierung wurde aber gestrichen.

Wenn es nach der Deutschen Energieagentur (Dena) geht, ist dieser Ausstieg aber auch gar nicht nötig. Die Lösung: synthetische Brennstoffe, die aus dem Ausland importiert werden sollen. Power-to-Gas und Power-to-Liquid – die Verwendung von überschüssigem Ökostrom für die Herstellung von Methan oder Flüssigbrennstoffen – heißen hier die Zauberworte bei der Dena.

Unter dem Titel "Szenarien für eine marktwirtschaftliche Klima- und Ressourcenschutzpolitik 2050 im Gebäudesektor" hat das halbstaatliche Unternehmen zusammen mit der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (Geea) und Branchenverbänden in einer Studie untersucht, mit welchen Mitteln das Klimaziel für den Gebäudesektor erreicht werden kann. Die Dena-Studie betrachtetet drei Szenarien.

Dena: Ohne synthetische Brennstoffe keine Klimaneutralität

Im Referenzszenario gehen alle Entwicklungen so weiter wie bisher. Hier wird das Klimaziel denn auch verfehlt.

Im "Elektrifizierungsszenario" werden alle Prozesse so weit wie möglich elektrifiziert. Das heißt, es soll vor allem mit Elektrowärmepumpen geheizt werden, die Wärme aus Luft oder Wasser aufnehmen und durch thermodynamische Prozesse "aufkonzentrieren". Der Strombedarf würde dadurch steigen, die Auslastung der Gas- und Ölinfrastruktur abnehmen.

In einem Technologiemix-Szenario würde neben elektrischen Wärmepumpen auch noch bis 2050 mit Öl und Gas geheizt werden, allerdings sollen diese Rohstoffe synthetisch sein.

"Im Elektrifizierungs-Szenario gibt es eine starke Senkung des Öl- und Gasverbrauchs bis 2020, bis 2050 werden Öl und Gas ganz verschwinden. Im Technologiemix-Szenario sinken Öl- und Gasverbrauch auch, es gibt sie aber auch 2050 noch", erläuterte Harald Hecking, Chef der Kölner Beratungsfirma EWI Energy Research and Scenarios, die an der Dena-Studie mitwirkte, bei der Vorstellung am gestrigen Dienstag in Berlin. Ohne synthetische Brennstoffe könnten aber beide Szenarien die Klimaziele nicht erreichen, so Hecking. "Die Technologiemix-Szenarien erreichen die Klimaziele am günstigsten."

DUH: "Technologieneutralität" ist nur vorgeschoben

Dass die Dena-Szenarien die Klimaziele überhaupt erreichen, bezweifelt die Umweltorganisation Deutsche Umwelthilfe (DUH). Sie kritisiert, dass unter dem Deckmantel der Technologieneutralität fossile Technologien möglichst lange im Markt gehalten würden. "Die Dena scheint nicht zu verstehen, dass in einem klimaneutralen Gebäudebereich kein Platz mehr für fossile Heizungen ist", sagt DUH-Chef Sascha Müller-Kraenner.

Geht es nach der Umwelthilfe, dürfen ab 2030 keine Öl- und Gaskessel mehr verbaut werden und die Wärmeversorgung wird bis 2050 fast vollständig auf Wärmepumpen und dekarbonisierte Wärmenetze umgestellt. "Die Anteile von synthetischem Gas in privaten oder öffentlichen Gebäuden werden dann minimal sein", stellt Müller-Kraenner klar. 

Die DUH bemängelt, dass synthetische Brennstoffe mit hohem Energieaufwand hergestellt werden und einen schlechten Wirkungsgrad gegenüber der direkten Nutzung von Strom haben. Es gebe bisher keine glaubwürdige Antwort auf die Frage, wo der viele Ökostrom für die synthetischen Brenn- und Kraftstoffe herkommen soll. Die DUH hält sie deshalb nur dort für sinnvoll, wo Strom nicht direkt genutzt werden kann, etwa im Schiffs- und Flugverkehr.

DUH und Mieterbund fordern mieterfreundliche Wärmewende

Mit Blick auf die heute beginnenden Sondierungsgespräche zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen schlägt die Umwelthilfe in einem am Montag veröffentlichten "Sechs-Punkte-Sofortprogramm für sozialverträglichen Klimaschutz im Gebäude" verschiedene Maßnahmen vor, um den Gebäudesektor nicht nur klimafreundlicher zu machen, sondern gleichzeitig auch die Rechte der Mieter zu wahren.

Die Organisation reagiert dabei auf Kritik, die die Dämmung von Gebäuden für steigende Mieten in den Städten verantwortlich macht: "Steigende Mieten, gerade in Städten und Ballungsräumen, sind vor allem auf das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage zurückzuführen", sagt DUH-Vizechefin Barbara Metz. Eine Absenkung der Energieeffizienz-Anforderungen führe also nicht zu mehr bezahlbarem Wohnraum. Langfristig profitierten Hauseigentümer und Mieter von niedrigeren Energieverbräuchen und Heizkosten.

Um zu erreichen, dass mehr Gebäude energetisch saniert werden, und gleichzeitig die Mieter zu schützen, schlägt die DUH zusammen mit dem Deutschen Mieterbund vor, die Modernisierungsumlage anzupassen. Vermieter sind zurzeit berechtigt, elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Jahresmiete draufzuschlagen. Diese Umlage soll auf sechs Prozent gesenkt werden, fordern nun DUH und Mieterbund. Das Geld, das den Vermietern dadurch entgeht, soll durch Fördermittel ausgeglichen werden.

BildWoher wird in Zukunft die Wärme kommen? Die meisten Gebäude, die heute neu gebaut werden, haben eine – fossile – Gasheizung. (Foto: CA-TV/Flickr)

Außerdem sollen Modernisierungskosten von der Steuer abgesetzt werden können. Ob es diese Maßnahme allerdings in den Koalitionsvertrag schafft, ist zweifelhaft. Ein ähnlicher Vorschlag hatte auch die vergangene Legislaturperiode nicht überlebt: Bund und Länder hatten sich im Jahr 2015 schon auf einen Steuerbonus für Gebäudesanierer geeinigt, als der bayerische Minsterpräsident Seehofer die Entscheidung kippte.

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