Trinkstationen gegen den Klimawandel

BildDas Berliner Projekt Kiezklima hat Bürger befragt, wie sie mit extremer Hitze in der Stadt umgehen. Herausgekommen sind überraschend gute Ideen für die Anpassung von Städten an den Klimawandel – und ein neuer Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Teil 9 unserer Serie: Deutschland passt sich an.

Aus Berlin Joachim Wille

BildGroßstädte sind Wärmeinseln – und das kann gefährlich sein. In Berlin zum Beispiel, Deutschlands größter Stadt, sterben pro Jahr 700 bis 800 Menschen zusätzlich während Hitzewellen. Vor allem ältere und kranke Menschen sind gefährdet. Und die Zahlen dürften steigen, denn Klimaforscher erwarten für den Raum Berlin-Brandenburg, dass sich die jährliche Zahl heißer Tage mit über 30 Grad Celsius in diesem Jahrhundert vervierfachen und die der Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, sogar verfünffachen wird. Nicht nur in Dachgeschoss-Wohnungen könnte es für die Bewohner dann sehr ungemütlich bis lebensgefährlich werden.

Sich an solche Veränderungen anzupassen ist besonders für Großstädte wichtig. In dem bundesweit einmaligen Forschungsprojekt "Kiezklima" wurde in den vergangenen drei Jahren untersucht, wie das Leben unter Klimawandel-Bedingungen verbessert werden kann – und zwar unter aktiver Mitwirkung der Bürger. Ausgewählt wurde dafür das "Brunnenviertel", ein fast reines Wohnquartier im Berliner Stadtteil Mitte, in dem rund 13.000 Menschen leben.

Fünf- und mehrstöckige Blöcke prägen den Kiez, viele Sozialwohnungen, die Bewohner haben zu zwei Dritteln einen Migrationshintergrund. "Hier im Brunnenviertel wird es im Sommer bis zu zehn Grad heißer als im Berliner Umland", sagt Eva Wiesemann von der privaten List-Stadtentwicklungsgesellschaft, die das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt zusammen mit sechs weiteren Partnern seit 2014 durchgeführt hat. List steht für "Lösungen im Stadtteil".

Klima-Rundgänge und Ideensuche

Die junge Nachhaltigkeitswissenschaftlerin hat die "Partizipation" breit angelegt. Sie war bei Festen im Kiez mit Infoständen präsent, um herauszubekommen, wo die Leute sich an warmen Tagen gerne aufhalten und wo es ihnen zu heiß ist. Sie hat "Klima-Rundgänge" angeboten, außerdem Workshops durchgeführt, in denen Ideen für Klimaanpassungsmaßnahmen im Brunnenviertel gesammelt und diskutiert wurden.

"Projekte zu der Frage, was man in den Städten tun kann, um die Folgen von Hitzewellen oder Starkregen-Ereignissen abzufedern, hat es bereits in mehreren Städten gegeben", erläutert Wiesemann, "aber die Partizipation spielte dabei oft nur eine Nebenrolle." Bei Kiezklima war das anders.

Wiesemann musste viel Aufklärungsarbeit leisten. "Wenn man die Leute fragt, ob sie etwas vom Klimawandel spüren, sagen sie meist: Nein", erzählt sie. Doch wenn die Fragen konkret wurden, wenn die List-Mitarbeiterin zum Beispiel wissen wollte, wie die Bewohner in den Hitzeperioden zurechtkommen, sei das ganz anders gewesen. Sehr heiß sei es gewesen, hätten sie berichtet, man könne sich nicht gut konzentrieren, und viele Menschen fänden in den heißen Nächten kaum Schlaf.

Die Forscherin hat daraus Schlüsse für ihr Projekt gezogen. "Es bringt nichts, abstrakt über Klimaanpassung zu sprechen. Man muss über ganz konkrete Dinge reden." Über Bäume als Schattenspender zum Beispiel, über begrünte Fassaden, die die Luft filtern und Sauerstoff spenden, über Nachbarschaftsgärten, die versiegelte Flächen ersetzen können.

Wohnhof bekommt Sonnensegel

Eine ganze Reihe Ideen sind in dem Kiezklima-Projekt gesammelt worden. Einige davon wurden schon in die Tat umgesetzt. So wurden in einem der Innenhöfe der Wohnblöcke der kooperierenden Berliner Wohnungsbaugesellschaft Degewo Hochbeete angelegt, in denen Mieter Gemüse und Gartenkräuter anbauen.

Zusammen mit dem Quartiersmanagement wurde dazu ein eigenes Projekt aufgelegt: "Brunnengärten – Grünräume nachbarschaftlich stärken". Es wird durch einen eignen Träger, die Gruppe F Landschaftsarchitekten, betreut.

Außerdem konnte Wiesemann Geschäfte im Viertel dafür gewinnen, ein Netz von "Trinkstationen" aufzubauen, an denen man kostenlos ein Glas kaltes Wasser bekommen kann. Und seit Anfang des Sommers gibt es einen öffentlichen Trinkbrunnen auf dem Vinetaplatz mitten im Quartier, ein zweiter steht am Bahnhof Gesundbrunnen.

BildDie Nachbarn haben sich durch das Projekt "Brunnengärten" ganz neu kennengelernt. (Fotos: gruppe F Landschaftsarchitekten)

Daneben haben aber auch schon erste Umbauten begonnen, mit denen das Klima im Kiez an heißen Tagen heruntergekühlt werden soll. In einem der Innenhöfe werden kleinere Maßnahmen vorgenommen, doch bald geht es ans erste größere Projekt: In einem weiteren Hof, der von Kindern viel genutzt wird, sich im Sommer aber sehr aufheizt, soll ein großes, beranktes Sonnensegel aus Metall entstehen, das Schatten spendet. Außerdem sollen dort trockenheitsresistente Bäume nachgepflanzt werden.


Vorbild für Klimaanpassung

"Kiezklima" arbeitet seit 2014 an einer Beteiligung der Bürger für den Aus- und Umbau des Berliner Brunnenviertels. Das Projekt erhebt Klimadaten, schlägt Anpassungsmaßnahmen etwa für Hitzewellen vor und bezieht die Anwohner in die Planungen ein. Das Viertel im Zentrum der Hauptstadt ist so zu einem "Modellgebiet für Klimaanpassungsmaßnahmen" geworden. Dazu gehören auch die "Brunnengärten". Im vergangenen Jahr zeichnete das Umweltbundesamt das Projekt mit dem "Blauen Kompass" aus. In diesem Jahr ist es für den ZeitzeicheN-Preis für lokale Nachhaltigkeitsinitiativen nominiert, noch bis zum 3. Oktober läuft dazu ein Online-Voting.
 

BildBereits erschienen in unserer
Serie zur Klimaanpassung in Deutschland

Teil 1: Das kommt auf Deutschland zu
Teil 2: Klima- und Energiefonds verschlimmbessert
Teil 3: Die kleinen Kommunen hinken hinterher
Teil 4: Stürme lassen Hamburger Pegel steigen
Teil 5: Der Regenwurm hilft bei Starkregen
Teil 6: Stadtumbau geht nur mit Eigentümern
Teil 7: Höhere Deiche, mehr Hirse und Merlot
Teil 8: Bundesrepublik plant Hitzeschutz
Teil 9: Trinkstationen gegen den Klimawandel

[Erklärung]  
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