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Solar-Guerilla auf dem Balkon

Mit Mini-Solaranlagen für den Balkon lässt sich unkompliziert Ökostrom für die Eigennutzung produzieren. Allerdings verstoßen die Systeme gegen immer noch geltende Elektrotechnik-Normen, Netzbetreiber und Energiekonzerne sperren sich gegen die Anlagen. Doch die Front der Ablehnung scheint zu bröckeln.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Blumenkübel, Wäscheständer, im Winter-Halbjahr der Bierkasten – das ist das Standard-Mobiliar für den Mietshaus-Balkon. Doch immer öfter kommen Solarpaneele hinzu, mit denen ihr Besitzer unkompliziert Ökostrom für die Eigennutzung produziert.

BildGeht nicht nur auf dem Dach, sondern in Miniform auch auf dem Balkon: Sonnenenergie ernten. (Foto: Bernd Sieker/​Flickr)

Mehr als 30.000 der Mini-Anlagen werden heute deutschlandweit betrieben, schätzen Experten. Doch es gibt ein Problem: Die Balkon-Systeme sind zwar nicht explizit verboten, verstoßen aber gegen geltende Elektrotechnik-Normen. Die sollen zwar geändert werden, doch das Verfahren zieht sich – und so wächst der Markt für die "Guerilla-Technik" auf dem Balkon vorerst weiter in einer Grauzone.

Solarstrom ist billig geworden. Hausbesitzer, die sich heute eine Photovoltaik-Anlage auf das Dach bauen lassen, können ihn für nur noch etwa zehn Cent pro Kilowattstunde "ernten". Strom aus der Steckdose hingegen kostet beim Energieunternehmen rund 30 Cent, also rund dreimal so viel.

Zwar hat der Bundestag gerade beschlossen, dass künftig auch Mieter in den Genuss von Solarenergie kommen können – falls der Vermieter eine Solaranlage aufs Dach seiner Immobilie bauen lässt und mit ihnen entsprechende Lieferverträge schließt. Wie gut dieses Konzept einschlägt, bleibt abzuwarten. Die Balkonanlagen hingegen sind vergleichsweise billig, meist einfach zu installieren und erfordern keinen Formularkrieg.

Angeboten werden die Mini-Systeme bereits seit einigen Jahren, vor allem im Internet. Die Anlagen bestehen meist aus ein bis fünf Paneelen und einem integrierten Wechselrichter, der aus dem in den Solarzellen produzierten Gleichstrom den im Netz üblichen Wechselstrom mit 230 Volt und 50 Hertz macht.

Die Anlagen können neben den Blumenkästen über die Balkonbrüstung gehängt oder, wenn vorhanden, auf eine sonnige Terrasse gestellt werden. Ans Stromnetz des Haushaltes werden sie über eine ganz normale Streckdose angeschlossen.

Der eigenproduzierte Strom fließt über die Elektrizitätsleitungen im Haushalt und ersetzt dort die entsprechende Menge "Normalstrom", der sonst vom Energieunternehmen kommt. Der Stromzähler läuft langsamer, die Stromrechnung sinkt. Die Spitzenleistung kleiner Balkonanlagen beträgt meist 200 bis 300 Watt, es gibt jedoch auch Systeme mit über 1.000 Watt.

Die kleineren Systeme liefern übers Jahr gesehen so viel Elektrizität wie eine Spülmaschine braucht, die dreimal pro Woche läuft. Strom, der nicht direkt im jeweiligen Haushalt verbraucht wird – zum Beispiel, wenn im Sommer mittags die Sonne knallt und außer für WLAN-Router oder den Standby von Elektrogeräten nichts verbraucht wird – fließt ins öffentliche Netz außerhalb der Wohnung.

Eigentlich bieten die Mini-Anlagen das Potenzial für einen neuen Solar-Boom. Laut den Herstellern amortisieren sie sich nach einigen Jahren und sparen dem Nutzer dann Geld.

Eine Standard-Minisolaranlage mit rund 300 Watt Spitzenleistung besteht aus einem bis zwei Solarmodulen und einem integrierten Mikro-Wechselrichter, der den Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt. Sie kostet je nach Qualität zwischen 400 und 800 Euro. Es gibt jedoch auch größere Anlagen mit mehr Modulen. Die Standard-Anlage liefert, je nach Süd-Ausrichtung und Neigungswinkel zur Sonne, 150 bis 250 Kilowattstunden Strom, wodurch sich rund 45 bis 75 Euro an Kosten für Elektrizität aus dem Netz einsparen lassen.

Dass der Boom noch auf sich warten lässt, liegt vor allem an der unklaren Rechtslage. Wer seinen Balkon zur Solarernte nutzt, verstößt gegen eine Sicherheitsnorm des Elektrotechnik-Verbandes VDE. "Nach dem Einstecken der Erzeugungsanlage" in eine normalen Steckdose könne es "zur Überlastung von Stromkreisen und dadurch zu Bränden kommen", warnt er. Die Sicherungen im Haushalt könnten die in die Steckdose rückgespeisten Elektrizität nicht erkennen und würden bei zu hoher Stromstärke dann eventuell nicht anspringen.

Besitzer von Mini-Anlagen, die diese bei ihrem Netzbetreibern anzeigen, bekommen daher oft Ärger. Diese lehnen die Systeme fast durchweg ab.

"Es besteht kein Risiko"

In der Solarbranche hält man die Warnungen für weit übertrieben. Der Lobbyverband Deutsche Gesellschaft für Sonnenergie (DGS) zum Beispiel argumentiert, in den Stromkreisen gebe es ausreichende Reserven, um die Kleinanlagen mit wenigen hundert Watt Leistung sicher aufzunehmen.

Die DGS verweist auf die Niederlande. Dort gebe es eine "Bagatellgrenze" von 500 Watt für die Einspeisung von Solarstrom. "200.000 Niederländer haben sich selbst kleine Anlagen installiert, ohne dass es zu Zwischenfällen gekommen wäre".

Ähnliche Regelungen gebe es auch in Österreich und der Schweiz. Es bestehe "kein Risiko", wenn Anlagen bis 600 Watt angeschlossen werden, kommentiert DGS-Gutachter Gutachter Udo Siegfriedt.

Nach fast zehn Jahren Debatte bewegen sich die Dinge auch hierzulande. Der VDE arbeitet zusammen mit Netzbetreibern, Anlagen-Herstellern, Verbänden und anderen Experten an neuen Normen, die festlegen, unter welchen Bedingungen die Mini-Anlagen Strom in das Netz im Haushalt einspeisen dürfen.

Eine Prognose, wann sie in Kraft treten, will man bei dem Verband allerdings nicht abgeben, nachdem jüngst ein bereits vorliegender Kompromiss wegen Einsprüchen Beteiligter wieder geplatzt ist. Diskutiert wird, für den Anschluss spezielle Steckdosen mit einem Fehlerstrom-Schutzschalter vorzuschreiben. Das freilich würde die Sache verkomplizieren und verteuern. Die müssten nämlich von Elektrikern installiert werden.

Dass die Mini-Anlagen nicht nur Spielerei sind, zeigt ein Projekt des Oldenburger Energieunternehmens EWE, das im Mai 2016 ein ganzes Mietshaus mit den Balkonmodulen ausgerüstet hat. Die Mieter das sanierten Gebäudes in Delmenhorst konnten im ersten Betriebsjahr immerhin fast 20 Prozent ihres Stromverbrauchs aus den Solarmodulen decken, berichtet Holger Laudeley, Geschäftsführer des Unternehmens Laudeley Betriebstechnik, das die Module geliefert und installiert hat. "Den Standby-Verbrauch der vielen heute üblichen Elektrogeräte kann man damit auf jeden Fall abdecken", sagt er.

Das EWE-Projekt soll zwei Jahre laufen, danach können die Mieter die Anlagen kaufen, die eine Lebensdauer von über 20 Jahre haben. "Daran, dass die EWE so etwas durchführt, sieht man, dass die Front der Ablehnung bröckelt", glaubt Laudeley. Die meisten anderen Energiefirmen sperrten sich aber immer noch gegen die Balkonanlagen, berichtet er. "Die kämpfen immer noch gegen die Energiewende von unten."

Das norddeutsche Unternehmen fährt in der Tat einen vergleichsweise offenen Kurs: "Unsere Kunden erwarten, dass wir ihnen die Möglichkeit bieten, ihren eigenen Strom zu erzeugen und zu nutzen." Projekte wie das in Delmenhorst lieferten wichtige Erkenntnisse, um das Energiesystem der Zukunft zu entwickeln, heißt es bei EWE.

BildBalkons mit Solarmodulen in Delmenhorst. In wenigen Jahren sollen sich die Anlagen amortisieren und dann Geld bringen. (Foto: Holger Laudeley)

"Wir gehen davon aus, dass Energie in Zukunft dezentraler wird, und deshalb wollen wir unsere Kunden zu Energiemanagern machen." Dass man sich das eigene Geschäft dadurch zerstört, glauben die EWE-Manager nicht. "Wir verkaufen natürlich erstmal weniger Strom." Aber dafür würden "neue zukunftsfähige Dienstleistungen für unsere Kunden" entwickelt.

Und der Oldenburger Konzern spricht sich sogar dafür aus, durch Einführung einer "Bagatellgrenze" die Nutzung der Mini-Anlagen künftig einfacher zu machen. O-Ton: "EWE hofft, dass die Bedenken von Normungsgremien und Netzbetreibern gegenüber Mini-PV-Anlagen bald abgebaut werden."

[Erklärung]  
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