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Heizen mit Teelichtern

Die Idee ist naheliegend, aber erst seit 25 Jahren werden Passivhäuser wirklich gebaut. Aus dem Süden Chinas "importiert", funktionieren die Häuser ohne eine herkömmliche Heizung. An diesem Wochenende können zum "Tag des Passivhauses" bundesweit solche Bauten besichtigt werden. 

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

BildChina gab den Denkanstoß. Der schwedische Physiker Bo Adamson hatte 1987 auf einer Forschungsreise im Süden des Riesenlandes Konzepte entwickelt, um den Komfort in den Wohnhäusern zu verbessern, die aufgrund staatlicher Vorschriften keine Heizung haben durften. Es zeigte sich: Gut gedämmte Häuser machen das Wohnen im Winter angenehmer, und auch die große Hitze im Sommer wird so besser erträglich.

Adamson erkannte: Die im Haus ohnehin entstehende Wärme – durch die Körper der Menschen und Aktivitäten wie Kochen – reicht aus, um das Gebäude zu heizen, wenn es so gebaut wird, dass die Energie nicht in die Umgebung entweicht. Adamson nannte die optimierten Häuser "Passive Houses". 

Die Idee, das auch im deutlich kälteren mitteleuropäischen Klima zu testen, kam ein paar Jahre später. Nach einem Gespräch mit Adamson konzipierte der Darmstädter Physiker Wolfgang Feist das erste "Passivhaus". Das wurde 1990/91 als Reihenhauszeile im Darmstädter Ortsteil Kranichstein gebaut. Feist selbst zog samt Familie ein.

Dieses Experimentalhaus war ein konsequent weiterentwickeltes Niedrigenergiehaus und besaß fünf Merkmale: besonders gute Wärmedämmung, Dreifachwärmeschutzverglasung mit wärmegedämmten Fensterrahmen, eine wärmebrückenfreie Konstruktion, eine luftdichte Gebäudehülle sowie eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.

Superfenster und Superdämmung

Hauptkennzeichen der Passivhäuser sind Superdämmung und Superfenster, die wenig Wärme nach draußen lassen, sowie die automatische Lüftungsanlage. Die dicken Wände werden entweder komplett aus gut isolierenden Steinen gebaut oder bestehen aus einer tragenden Konstruktion – etwa Steine, Stahlbeton oder Holzständer plus eine bis zu 35 Zentimeter starke Dämmung. Die kann wiederum aus verschiedensten Materialien bestehen, so Steinwolle, Styropor, Zellulose und Holzdämmplatten.

In den Häusern muss keine herkömmliche Heizung installiert werden, denn der Wärmebedarf ist deutlich geringer als in konventionellen Gebäuden. Ein 30-Quadratmeter-Zimmer könnte theoretisch mit zehn Teelichtern beheizt werden – selbst im Winter.

BildKeine Hexerei: So funktioniert ein Passivhaus. (Grafik: Passivhaus-Institut)

Die Lüftungsanlage kann auch zum Heizen benutzt werden. Dafür wird zuströmende Luft, die durch die Abwärme bereits vorgewärmt wurde, weiter erwärmt, meist mit Strom, Erdgas, Fernwärme oder Pellets. Der Luftwechsel wird so eingestellt, dass eine gute Luftqualität herrscht, jedoch Durchzug vermieden wird, wie man sie von herkömmlichen Klimaanlagen kennt. Zusätzliche Heizkörper sind möglich, installiert werden sie auf jeden Fall im Bad. Im Sommer kann die Lüftungsanlage abgestellt werden, dann wird wie herkömmlich per Fenster gelüftet.

Die Energiebilanz kann sich sehen lassen, das zeigten Studien an mehreren Hundert Passivhäusern. Die Häuser benötigen bei üblicher Nutzung für die Heizung nicht mehr als umgerechnet 1,5 Liter Öl pro Quadratmeter, ein Zehntel des Schnitts im Wohnungsbestand. Entsprechend niedrig sind Heizkosten und CO2-Ausstoß. Auch ein Neubau, der nach Wärmeschutzverordnung errichtet wird, verbraucht deutlich mehr – nämlich umgerechnet fünf bis acht Liter Öl.

Ein ganzer Nullemissions-Stadtteil

Seit dem Bau des ersten Passivhauses vor gut 25 Jahren hat sich am Grundprinzip nichts geändert. Komponenten wie die dreifach verglasten Fenster, die am Anfang noch als exotisch galten, sind allerdings deutlich billiger geworden. Eine aktuelle Baukostenstudie des Hamburger Senats zu 4.780 öffentlich geförderten Wohnungen aus den letzten Jahren zeigt, dass die "Passiven" im Schnitt sogar etwas billiger waren als Häuser, die nur die gesetzlichen Mindestvorschriften zur Energieeinsparung einhalten – 2.451 statt 2.604 Euro pro Quadratmeter.

Laut dem Darmstädter Passivhaus-Institut, von Feist 1996 gegründet, gibt es inzwischen weltweit rund 65.000 Wohneinheiten im Passivhausstandard. Längst werden auch Wohnblocks und Bürohäuser so konzipiert. Beispiele aus Frankfurt am Main, Ravensburg und Heidelberg zeigen, dass ebenso Kitas, Museen und Baumärkte in Passivbauweise möglich sind. Und im Frankfurter Stadtteil Höchst wird nun sogar die weltweit erste Passivhausklinik errichtet.

In Heidelberg wird derweil weiter an der weltgrößten Passivhaussiedlung gebaut – mit insgesamt 3.000 Wohnungen auf dem Areal eines früheren Güter- und Rangierbahnhofs. Beschlossen hatte die Stadt das Projekt 2007, inzwischen ist die Bebauung weit fortgeschritten. Derzeit wohnen über 2.600 Menschen hier, 6.000 sollen es werden. Viele junge Familien zieht es in die Bahnstadt, ebenso Studenten.

BildÄußerst energieeffizient: Passivhäuser, hier in Heidelberg, im Bild ganz oben als Hochhaus in Freiburg. (Fotos: Passivhaus-Institut, Freiburger Stadtbau)

Die Zufriedenheit, auch mit der Passivbauweise, ist laut einer Studie hoch. Zwei Kitas und zwei Studenten-Wohnheime existieren bereits, eine dritte Kita wird gerade gebaut, zusammen mit einer Grundschule, einem Bürgerzentrum sowie einer Sporthalle. Läden, Cafés, Restaurants, ein Kino sowie einen Baumarkt gibt es schon – alle in Passivhausbauweise. Der Energieverbrauch liegt wie erwartet niedrig, den Restbedarf deckt ein Holzkraftwerk, dessen Abwärme per Nahwärmenetz in die Häuser geliefert wird. Die Heidelberger Bahnstadt ist damit auch ein Nullemissions-Stadtteil.

Beim "Tag des Passivhauses" an diesem Wochenende können überall in Deutschland und Österreich mehr als 3.800 Passivhäuser besichtigt werden

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