"Abzocke" bei der Sanierung

Die Immobilienwirtschaft beklagt sich: Sie könne nicht so viel sanieren, wie sie eigentlich will. Denn die Hersteller von Dämmstoffen, Wärmepumpen und Co nutzten die große Nachfrage für überhöhte Preise aus. Die Branche verwahrt sich gegen den "dreisten Vorwurf". Aber auch die Bundesregierung will die Kosten der Energiesanierung senken und eine Kommission einsetzen.

Von Eva Mahnke

Um den Gebäudebestand in Deutschland klimafreundlich zu machen, muss erst mal viel Geld fließen. Die energetische Sanierung rechnet sich zwar am Ende, weil die Heizkosten sinken. Zunächst kostet sie aber sehr viel. Zu viel, sagt der Bundesverband deutscher Wohungs- und Immobilienunternehmen (GdW). Die hohen Kosten würden den dringend benötigten Klimaschutz bei den Gebäuden ausbremsen. GdW-Chef Axel Gedaschko wirft den Herstellern von Dämmstoffen, Wärmepumpen, Brennwertkesseln und Isolierglasfenstern im Prinzip Abzocke vor.

Bild
Vor allem die Kosten (Grafik vergrößern) für Rohrdämmung sind in den letzten Jahren nach oben geschossen: seit 2000 um 65 Prozent. Aber auch die Preise für Wärmepumpen, Heizkessel und Isofenster haben kräftig angezogen. (Grafik: Schrader/GDW)

Seit 2000 seien die Preise für diese "Bauleistungen der energetischen Sanierung" erheblich gestiegen, zum Teil um mehr als die Hälfte, bei der Rohrdämmung gar um 65 Prozent, sagt Gedaschko.

Zum Vergleich: Die Inflation lag im selben Zeitraum nur bei 23 Prozent. "Uns laufen die Preise schlichtweg davon", sagt Gedaschko. "Die Hersteller von Baumaterialien nutzen die Nachfragesituation aus. Anders ist diese Preisentwicklung aus unserer Sicht nicht zu erklären." Wären die Preise nicht so hoch, könnte die Immobilienwirtschaft wesentlich mehr im Bereich der energetischen Sanierung tun, so Gedaschko. Zudem verteuere die energetische Sanierung den Wohnraum. Gedaschko sagt: "Wir sanieren uns systematisch den günstigen Wohnraum in Deutschland weg."

"Das ist dreiste Desinformation"

Die Dämmstoffbranche ist empört. "Bei der Behauptung von Herrn Gedaschko handelt es sich um eine dreiste Desinformation, die wahrscheinlich von der Diskussion um die Mietpreisbremse ablenken soll", heißt es beim Gesamtverband Dämmstoffindustrie (GDI). Gegen die Mietpreisbremse wettert der Immobilienverband seit Monaten.

Selbst wenn ein Haus auf Passivhausniveau saniert werde, machten die Kosten für die energetische Sanierung nur einen kleinen Teil der gesamten Sanierungskosten aus, wehrt sich der GDI gegen Gedaschkos Vorwurf. "Eine Erhöhung der Dämmstoffpreise wirkt sich daher auf die Gesamtkosten einer Baumaßnahme nur in sehr geringem Maße aus."

Einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zufolge hängt dies allerdings stark davon ab, was der Hausbesitzer richten lässt: Während etwa bei der Dämmung der Fassaden nur knapp die Hälfte der Kosten ohnehin für die Fassadenrenovierung angefallen wären, werden die Kosten für die Erneuerung eines Daches durch die gleichzeitige Dämmung nur begrenzt erhöht.

Vor allem die Handwerkerpreise steigen

Der Dämmstoffverband wie auch der Bundesverband Wärmepumpe weisen zudem darauf hin, dass es nicht in erster Linie die Produktkosten sind, die die Preise nach oben treiben. "Bei den Installationskosten gehen auch wir von einer deutlichen Preissteigerung aus, denn die Auftragsbücher sind übervoll und das Handwerk findet nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter, wie diverse Ausbildungsinitiativen von Handwerkerverbänden zeigen", sagt Sanna Börgel, Sprecherin des Bundesverbands Wärmepumpe. Wegen der hohen Nachfrage würden dadurch die Installationskosten für sämtliche Heiztechnologien steigen. "Die Verantwortung für das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage allein der Industrie in die Schuhe zu schieben, halte ich für unglücklich", so Börgel.

Fakt ist: Die Preise für die "Bauleistungen", auf die Gedaschko seinen Vorwurf stützt, umfassen sowohl die Produktkosten als auch die Handwerkerleistungen. Ob tatsächlich die Hersteller die Kostentreiber sind, geht aus den Zahlen des Immobilienverbands nicht hervor. Auch Gedaschko muss auf Nachfrage zugeben, diese Zahlen nicht zu kennen. Zwar sind in Deutschland die Materialkosten der gesamten Baubranche in den vergangenen 13 Jahren etwas stärker angestiegen als die Arbeitskosten. Allerdings lange nicht so gravierend, wie die Einzelbeispiele des Immobilienverbandes zur energetischen Sanierung zeigen. Zudem betreffen die Preissteigerungen längst nicht alle Maßnahmen zur energetischen Sanierung. So sind die Preise für Wärmedämmverbundsysteme zum Beispiel nur um knapp 15 Prozent gestiegen.

Bundesregierung sieht Handlungsbedarf

Allerdings hat auch die Bundesregierung offensichtlich ein Problem mit den Preisen. Als Partner in dem am 10. Juli gestarteten "Bündnis für bezahlbares Wohnen" will sie deshalb sogar eine eigene Kommission mit dem Thema betrauen: die sogenannte Baukostensenkungskommission. Im Koalitionsvertrag heißt es dazu: "Mit einer Baukostensenkungskommission überprüfen wir preistreibende und überdimensionierte Standards und Kosten von Materialien und Verfahren, vor allem der energetischen Sanierung."

Was hat die Bundesregierung hier genau im Auge? Mit den "preistreibenden und überdimensionierten Standards" seien die DIN-Normen im Bauwesen gemeint, etwa für den Stahlbau, den Bau von Mauerwerken oder die Statik, erläutert Ministeriumssprecher Andreas Kübler gegenüber klimaretter.info. Die sehr wissenschaftlich gefassten Normen sollen praxistauglicher werden. Das soll helfen, Kosten zu sparen.

Zumindest laut Koalitionsvertrag  werden für die Kommission aber die Kosten der energetischen Sanierung im Mittelpunkt stehen. Aber wie kann die Bundesregierung überhaupt Einfluss auf die Preise für Baukosten nehmen? Durch "mehr Markt, zum Beispiel durch verstärkten Wettbewerb mit anderen europäischen Anbietern", heißt es dazu aus dem Bauministerium. Laut ökonomischer Lehre führen mehr Anbieter zu einer stärkeren Konkurrenz auf dem Markt, die die Preise sinken lässt. Zumindest der Markt für Dämmstoffe hat nach Angaben des Gesamtverbandes Dämmstoffindustrie nur wenige Marktteilnehmer – weshalb dieser auch Angaben zur Preisentwicklung der Dämmstoffe aus kartellrechtlichen Gründen nicht erheben darf.

Bild
40 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland entfallen auf den Gebäudesektor: ein großes Potenzial für mehr Klimaschutz. (Foto: Schulze von Glaßer)

Außerdem soll sich die geplante Baukostensenkungskommission dafür einsetzen, dass das Baugeschehen "verstetigt" wird. Die Anbieter von Dämmstoffen, Wärmepumpen und Co sollen sich "längerfristig verlässlich auf eine stetige Nachfrage einstellen können und nicht kurzfristig zu 'guten' Zeiten das wirtschaftlich realisieren müssen, was in 'schlechten' Zeiten am Markt nicht realisierbar ist", kündigt Ministeriumssprecher Kübler an.

Damit könnte er auf das Debakel um die steuerliche Absetzbarkeit energetischer Sanierungsmaßnahmen anspielen. Mehr als ein Jahr lang hatten sich Bund und Länder über die Aufteilung der Kosten hierfür gestritten – was Hauseigentümer, große wie kleine, natürlich abwarten ließ. Die alte Bundesregierung hatte das Thema am Ende aufgrund des Widerstands der Länder fallen lassen; die neue Bundesregierung will das heiße Eisen vorerst nicht anfassen. Die unklaren politischen Rahmenbedingungen verunsichern die Branche.

Wer genau in der 25-köpfigen Kommission sitzen wird, ist zurzeit noch offen. Der Bundesverband deutscher Wohungs- und Immobilienunternehmen wird eigenen Angaben zufolge vertreten sein. "Wir wünschen uns, dass sich die Kommission die Gründe für die Preissteigerungen genau ansieht", sagt GdW-Chef Gedaschko. "Möglicherweise kommt sie dann zu dem Schluss, eine Sektoruntersuchung durch das Kartellamt anzuregen."

 Mit Sektoruntersuchungen prüft das Bundeskartellamt die Wettbewerbsbedingungen in einem Markt. Bis es dazu kommt, muss allerdings viel passieren. "Solche Preisentwicklungen allein liefern noch keinen hinreichenden Anfangsverdacht dafür, ob das Wettbewerbsrecht verletzt wird ", sagt Kay Weidner vom Bundeskartellamt.

 In jedem Fall aber soll die Kommission Gedaschko zufolge dazu beitragen, allen Akteuren bewusst zu machen, welche Kosten bestimmte Maßnahmen – etwa zum Klimaschutz – in der Wohnungswirtschaft und Immobilienbranche verursachen.

Grüne: Alle preistreibenden Faktoren einbeziehen

Die Grünen begrüßen zwar grundsätzlich die neue Kommission, kritisieren aber ihren engen Blickwinkel. "Wichtig ist, dass alle relevanten preistreibenden Faktoren, wie Zinsniveau, hohe Grundstückspreise, Immobilienspekulation oder steigende Rohstoffpreise, in die Arbeit der Kommission einbezogen werden", fordert der bau- und wohnungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Chris Kühn. Die Fraktion hat die Bundesregierung erst vor Kurzem mit einer Kleinen Anfrage um Aufklärung über die geplanten Aufgaben der Kommission gebeten – und eine sehr holzschnittartige Antwort erhalten. Auf ihn mache die Bundesregierung momentan eher den Eindruck, dass sie nur über die politisch unliebsamen Rahmenbedingungen wie Klimaschutz- und Gesundheitsstandards diskutieren möchte, sagt Kühn. Der Politiker warnt deshalb: "Sicherheits-, Gesundheits- und Klimaschutzstandards dürfen nicht durch die Hintertür ausgehöhlt werden."

Und die hohen Preise für die energetische Sanierung? Darin sieht Kühn kein grundsätzliches Problem. "Wir befinden uns gerade in einer Phase des Baubooms und es ist deshalb vollkommen normal, dass die Preise für Baumaterial aufgrund der hohen Nachfrage ansteigen." Allerdings geht auch Kühn davon aus, dass die Politik durch die richtigen Rahmenbedingungen für mehr Wettbewerb bei den Baustoffen sorgen kann. "Mehr Wettbewerb steigert nicht nur die Innovationskraft, sondern lässt auch die Preise sinken."

Bild
Mit der Dämmung eines Gebäudes kann man dessen Energiebedarf erheblich senken. Was gut fürs Klima ist, muss aber auch bezahlbar sein. (Foto: Eva Mahnke)

Außerdem plädiert der Grünen-Politiker für mehr Technologieoffenheit in der Energieeinsparverordnung, was dazu führen soll, dass mehr ökologische und nachhaltige Baustoffe eingesetzt werden. "Da die zunehmende Ressourcenknappheit weltweit die Preise ansteigen lässt, muss insbesondere das ressourcenschonende Bauen und Modernisieren gefördert werden." Zusätzlich fordert Kühn, die KfW-Förderprogramme für energetische Sanierungsmaßnahmen aufzustocken und an das heutige Preisniveau anzupassen.

Redaktioneller Hinweis: Der GDI-Vorstandsvorsitzende Klaus Franz ist Mitherausgeber von klimaretter.info

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen