Kiribati kauft Land für Klimaflüchtlinge

FotoAnote Tong, der Präsident des Inselstaates Kiribati im Pazifik, hat auf den Fidschi-Inseln Land erworben. Dorthin sollen mehrere Tausend Kiribatier ziehen, wenn ihre Heimat wegen des Klimawandels im Meer untergeht. Doch der Plan sorgt für Verunsicherung und Streit. Teil 19 der klimaretter.info-Serie: Strategien gegen den Anstieg des Meeresspiegels.

Aus Naviavia (Fidschi) Christopher Pala (IPS)

Naviavia ist ein kleines, abgelegenes Dorf auf der zweitgrößten Fidschi-Insel Vanua Levu. Die Bewohner kamen im 19. Jahrhundert von den Salomonen hierher, um auf den Kokosnussplantagen zu arbeiten. Mit der Abgeschiedenheit könnte es jedoch bald vorbei sein. Denn genau hier soll eine Großsiedlung für Klimaflüchtlinge aus dem Nachbarland Kiribati entstehen.

Bild
Eparama Kelo aus Naviavia kann sich nicht vorstellen, dass bis zu 20.000 Klimaflüchtlinge aus Kiribati auf seiner Insel angesiedelt werden sollen. (Foto: Christopher Pala/IPS)

Deshalb fühlen sich die 270 Einwohner von Naviavia jetzt verraten – von der Anglikanischen Kirche. Die hatte ihnen 1947 angeboten, für unbegrenzte Zeit auf den 23 Quadratkilometern zu leben, die der Kirche vererbt worden waren. Voraussetzung für das Bleiberecht war die Bereitschaft, den anglikanischen Glauben annehmen, der auf den Fidschi-Inseln sonst kaum verbreitet ist.

Doch Ende Mai hat die Kirchenleitung den größten Teil von "Natoavatu Estate" – so der klangvolle Name des Gebiets – an den Inselstaat Kiribati verkauft. Für landwirtschaftliche Zwecke steht den Menschen von Naviavia jetzt nicht einmal mehr die Hälfte der bisher rund drei Quadratkilometer Land zur Verfügung. "Das reicht hinten und vorne nicht", protestiert der Dorfvorsteher Sade Marika.

Eingefädelt hat das Geschäft kein Geringerer als Anote Tong, der Staatspräsident von Kiribati. "Wir brauchen Ausweichmöglichkeiten, wenn unser Land wegen des Klimawandels im Meer versinkt", begründet der Präsident des Nachbarlandes den außergewöhnlichen Grundstückskauf. Kiribati besteht aus 33 Atollen, die zum Teil nur wenige Meter über dem Meersspiegel liegen. 103.000 Einwohner hat der kleine Pazifikstaat. "Wir hoffen nicht, dass wir alle auf diesem kleinen Stück Land unterkommen müssen", wird Tong in den Medien zitiert.

Internationaler Mahner

Seit Jahren weist Tong auf Klimakonferenzen und in Interviews darauf hin, dass der steigende Meeresspiegel im Zuge des Klimawandels der Bevölkerung von Kiribati schon jetzt hohe Opfer abverlange. Die Küstengebiete erodierten, Gebäude und Ernten würden vernichtet. Ein Dorf habe man evakuieren müssen und eine Insel sei bereits untergegangen.

Tong sitzt im Vorstand der globalen Naturschutzorganisation Conservation International (CI), die seine Besorgnis teilt. Die Auswirkungen des Meeresanstiegs seien in Kiribati schon deutlich spürbar, heißt es auch auf der CI-Website. Die Bevölkerung stehe an vorderster Klimafront.

Auch auf Tarawa, der übervölkerten Hauptinsel von Kiribati, hat Tong in vielen seiner Reden auf die Gefahr hingewiesen, die der Klimawandel für die Atolle bedeute. Stets ließ er seine Landsleute wissen, dass er alles Erdenkliche unternehmen werde, damit sein Land von den Industriestaaten für den von ihnen verursachten Klimawandel angemessen entschädigt wird. Kiribati verfügt nur über ein Durchschnittseinkommen von 1.600 US-Dollar im Jahr und bezieht unter allen Pazifikstaaten die höchste Pro-Kopf-Auslandshilfe. 

In diesem Jahr hat die Regierung sogar einen Gesangswettbewerb um den besten Klima-Song organisiert. Gewonnen hat ein Lied mit dem Refrain "Das wütende Meer wird uns alle töten", das oft im staatlichen Radio gespielt wird.

Tong hat es im Ausland zu großer Anerkennung und einiger Popularität gebracht. In seinem Heimatland Kiribati sorgen seine Warnungen dagegen für Verunsicherung oder auch für Spott. "Viele haben hier Angst vor dem Klimawandel", sagt die 20-jährige Studentin Tealoy Pupu, während sie Palmblätter zum Trocknen auslegt. "Wir wissen einfach nicht, was wir davon halten sollen."

Wissenschaftler warnen

Tongs Amtsvorgänger Teburoro Tito hat sämtliche wissenschaftlichen Abhandlungen über die Folgen des Klimawandels für die Atolle gelesen. Er hält den Landkauf für unsinnig. "Die Forscher sagen, unsere Korallenriffe sind gesund und können mit dem Meeresspiegelanstieg Schritt halten. Deshalb gibt es keine Notwendigkeit, Land auf den Fidschi-Inseln oder sonst irgendwo zu kaufen", sagt Tito und fügt verärgert hinzu: "Wie können wir um ausländische Hilfe bitten, wenn wir unser Geld für so unsinnige Dinge ausgeben?"

Auch Paul Kench, ein Geomorphologe an der University of Auckland, findet die Sorgen überzogen. "Wir wissen, dass die gesamte Riffstruktur um zehn bis 15 Millimeter im Jahr wachsen kann – schneller als der erwartete Meeresanstieg", sagt der Atoll-Experte. "Solange das so ist und der Nachschub an Sand gesichert bleibt, brauchen wir keine Angst zu haben."

Bild
Aufnahme aus der Raumstation ISS: Tarawa, das Hauptatoll von Kiribati. Das Klimaphänomen El Niño führte hier 2005 zu einem starken Anstieg des Meeresspiegels. (Foto: NASA)

Glaubt man Kench und anderen Wissenschaftlern, hat sich der Anstieg des Ozeans noch auf keinem Pazifikatoll wirklich bemerkbar gemacht. Filmaufnahmen von Wellen, die über Häusern zusammenbrechen, vermittelten den falschen Eindruck, dass es ständig zu Überschwemmungen komme, sagen die Forscher. Für solche Phänomene seien menschliche Eingriffe verantwortlich, etwa der Bau von Deichen und Fahrdämmen zwischen den Inseln.

Hoher Grundstückspreis

8,7 Millionen Dollar hat Anote Tong für das Land auf Vanua Levu bezahlt. Das sei das Drei- bis Siebenfache von dem, was bisher für Grundstücke auf der Fidschi-Insel bezahlt wurde, sagt Ex-Präsident Tito. Er hält den Landkauf für eine Publicity-Aktion, die zeigen soll, wie ernst sein Amtsnachfolger den Klimawandel nimmt. "Schon jetzt ist klar, dass die Regierung gar nicht weiß, was sie mit dem Neuerwerb anfangen soll."

Als Tong den Kauf ankündigte, hatte der Landesvater erklärt, dass sich ein Komitee mit der Frage nach der Verwendung des Grundstücks auf der Fidschi-Insel befassen werde. In einer späteren Mitteilung sprach die Regierung von einem "Meilenstein" für die Entwicklung des Landes. Die Entwicklungspläne sehen demnach den Bau einer Fischdosenfabrik, die Haltung von Rindern und Geflügel und den Anbau von Obst und Gemüse vor.

Tetawa Tatai, ein früherer Gesundheitsminister und Abgeordneter, kritisiert vor allem das Verhalten der Anglikanischen Kirche. "Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass eine der vertrauenswürdigsten Institutionen der Welt eines der ärmsten und isoliertesten Länder so übers Ohr haut."

In einem Interview in Fidschis Hauptstadt Suva wies Winston Halapua, Erzbischof der Anglikanischen Kirche Polynesiens, den Vorwurf zurück, seine Kirche habe die Unerfahrenheit eines Käufers, der im Sinne der weltweit ersten Klimaflüchtlinge handelte, ausgenutzt. Das Gegenteil sei der Fall. "Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, denn Kiribati fällt in meinen Zuständigkeitsbereich", sagte der Bischof. "Wir waren für jedes Angebot offen. Und ein Angebot wurde gemacht."

Begrenzte Aufnahmemöglichkeiten

Doch Koroi Salacieli, der anglikanische Verwalter in Naviavia, hat wenig Gutes über die Kirchenoberen zu berichten. Diese hätten ihm verschwiegen, wie viele Menschen aus Kiribati in das Dorf ziehen könnten. Mit anderen Dorfbewohnern und Experten ist sich Salacieli einig: Das verkaufte Gebiet, das zu zwei Dritteln mit Wald bedeckt ist, kann höchstens einige hundert Zuzügler verkraften.

Die Klimaflüchtlinge aus Kiribati bräuchten auf jeden Fall Wohnstätten und Kenntnisse der fidschianischen Agrarwirtschaft. Denn hier werden die Äcker mit Ochsen gepflügt. In Kiribati dagegen gibt es keine nennenswerte Landwirtschaft, die Menschen ernähren sich hauptsächlich von importiertem Reis, Dosenfleisch und frischem Fisch.

Bild
Für Anote Tong, Staatspräsident von Kiribati, ist der Landkauf eine weitsichtige Präventionsmaßnahme angesichts des Klimawandels. (Foto: Christopher Pala/IPS)

Die Dorfbewohner in Naviavia kennen weder die genauen Pläne von Anote Tong noch die Theorien der Atollforscher. Der pensionierte Lehrer Eparama Kelo hat in einer fidschianischen Zeitung gelesen, dass 18.000 bis 20.000 Kiribatier auf seiner Insel angesiedelt werden sollen. Kelo ist ratlos: "Was sollen wir bloß tun, wenn die alle kommen?"
  

Bild
Bislang in der Serie erschienen:

Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
Teil 7: Die Niederlande - Holland lässt die Häuser schwimmen
Teil 8: Shanghai - Die Last des Wirtschaftsbooms
Teil 9: Deutschland - Was die Schafe lehren
Teil 10: Grönland - sonnig, mild, 18 Grad Celsius
Teil 11: USA - Die ungehörte Botschaft der der Chesapeake Bay
Teil 12: Thailand - Flutwelle rollt auf Bangkok zu
Teil 13: Forschung - Der Meeresspiegel steigt schneller
Teil 14: Nigeria - Wasser im Traum und unter dem Bett
Teil 15: USA - Der große Meersspiegelhumbug
Teil 16: Bangkok - Kreuzkur für ein Sensibelchen
Teil 17: Mauritius - Lernen gegen den Klimawandel
Teil 18: Bangladesch - Beton für zehn Prozent
Teil 19: St. Petersburg sucht eine Strategie

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen