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Neues Bauen: der Solarstadl

Früher war ein bayrisches "Stadl" eine Scheune für die Lagerung von Heu. Heute ist es ein Dach ohne Haus, das nur noch der Ernte von Sonnenstrom und irgendeiner Form von pseudo-landwirtschaflicher Nutzung dient. Das Bayrische Landwirtschaftsministerium übersieht die "Schwarzbauten".

Aus München Georg Etscheit

Mit Josef Rosner durchs Niederbayerische zu fahren, ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Nicht, dass Rosner ein unfreundlicher Zeitgenosse wäre. Im Gegenteil: Rosner ist Architekt, Biobauer, grüner Lokalpolitiker, Schreiner und Künstler, ein Tausendsassa. 2008 hatte sich der Mitfünfziger aus Osterhofen nahe Straubing im tiefschwarzen Landkreis Deggendorf für die Ökopartei als Landratskandidat aufstellen lassen und immerhin 15 Prozent geholt.


Ein Dach auf Stelzen, das alles überragt. (Foto: Josef Rosner)

Rosner baut am liebsten ökologisch korrekte Holzhäuser im Niedrigenergiestandard. Doch die meisten Menschen in seiner Heimat bevorzugen Fertighäuser aus dem Katalog. Zur Zeit ist gerade eine Art pseudo-toskanischer Landhausstil "en vogue". Wenn er wieder einer solchen terracottafarbenen Billig-Bude mit neckischem Säulenportikus angesichtig wird, entfährt ihm ein bitteres Lachen. "Die Leute hier auf dem Land lieben diese Häuser, denn sie signalisieren städtischen Wohlstand." Die traditionellen schlicht-weißen Vierseithöfe sieht man kaum noch.

Noch mehr hat es Rosner eine Bauform angetan, die sich derzeit in Niederbayern fast epidemisch ausbreitet. Es sind Gebäude, die eigentlich nur aus einem Dach bestehen. Man findet sie oft an Ortsrändern, aber auch mitten in der Landschaft. Sie sind so groß, dass sie alle dörflichen Dimensionen sprengen. Das wichtigste Merkmal dieser Gebäude sind Pultdächer, die sich oft bis ganz zum Boden ziehen. Und zwar nur auf einer Seite. "Volahiku", spottet Rosner. "Vorne lang, hinten kurz". Manchmal sind sie mit Holzplanken oder Wellblech eingehaust, manchmal schweben die Dächer nur auf dünnen, nackten Stelzen. Die lange Seite ist stets exakt nach Süden ausgerichtet und mit glitzernden Solarpaneelen bedeckt.


Groß wie ein Fußballfeld: Dieses "Stadl" misst 96 mal 62 Meter und ragt an seiner hohen Seite 22 Meter in den Himmel. (Foto: BayernViewer)

Man könnte Bauwerke dieser Art als "Solarstadl" bezeichnen. Ein "Stadl" ist eine Scheune, ein früher meist aus Holz gefertigter Lagerraum, in denen man Heu oder Getreide bunkerte oder allerlei landwirtschaftliches Gerät. Solarstadl haben ihre Funktion als Lagerraum weitgehend eingebüßt. Ihr wichtigster oder sogar einziger Zweck ist es, möglichst viel Sonnenstrom zu ernten und über das Erneuerbare-Energien-Gesetz möglichst hohe Förderbeträge abzuschöpfen.

Schlaue Bauern und die "Überförderung" erneuerbarer Energie

Der Boom der Solarstadl hat eingesetzt, als die Bundesregierung die Förderung großer Fotovoltaikparks auf Ackerland radikal zusammenstrich. Solche Parks waren in den vergangenen Jahren im sonnenreichen Niederbayern zahlreich aus dem Boden geschossen, was nicht nur Landschaftsschützer auf die Barrikaden brachte, sondern auch Gegner einer angeblichen "Überförderung" erneuerbarer Energien. Seit nur noch Dachanlagen wirklich rentabel sind, haben sich die schlauen Bauern etwas anderes einfallen lassen. Sie bauen einfach Dächer ohne Häuser. Und zwar überall dort, wo Platz an der Sonne ist. "Absolut obergrauslich", meint Rosner.

Eigentlich darf im "Außenbereich" also auf offener Flur abseits von Dörfern oder Städten, in Bayern grundsätzlich nicht gebaut werden. Auf diese Weise sollte einmal die Zersiedelung ländlicher Räume verhindert werden. Einzige Ausnahme sind Bauwerke, die der landwirtschaftlichen Produktion dienen. Auf diese baurechtliche Privilegierung berufen sich die Bauern, wenn sie ihre Solarstadl in die Landschaft klotzen.

"Die brauchen da drin nur eine rostige Heuspinne abstellen, schon sind sie aus dem Schneider", sagt Martin Wölzmüller vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. "Das müssen sie erst einmal wegprozessieren." Kontrollen seitens der zuständigen Landwirtschaftsämter gebe es kaum.


Landwirtschaftlich genutzte Gebäude bilden im Baurecht eine Ausnahme. (Foto: Josef Rosner)

Im Bayerischen Landwirtschaftsministerium ist der offensichtliche Missbrauch der Privilegierung bekannt. Aber die Behörde will der Energiewende - und dem Bauernglück - nicht im Wege stehen und drückt schon mal ein Auge zu. Wenn man es genau nimmt, dürfte es sich bei vielen Solarstadln wohl um Schwarzbauten handeln. Dass schon mal ein solches Gebäude auf behördliche Anordnung hätte abgerissen werden müssen, ist im Ministerium nicht bekannt. "Das ist doch alles außer Kontrolle", echauffiert sich Egon Johannes Greipl, Bayerns oberster Denkmalschützer. "Eigentlich hätte die Privilegierung landwirtschaftlicher Betriebsgebäude im Zuge der Energiewende längst angepasst werden müssen." Irgendwann werde man das, was heute als grünes Patentrezept gepriesen werde, bitter bereuen. "So wie die autogerechten Städte, die Kanalisierung der Flüsse und die Flurbereinigung."

"Hier ist einer meiner Lieblingsstadl", sagt Rosner und steuert ein nagelneues, etwa 75 Meter langes und an der "kurzen" Seite gut zehn Meter hohes Gebäude an. Nach Süden hin reicht das Dach mit den Solarzellen ganz bis zum Boden. "Das ist der Klassiker", sagt Rosner. "Solche riesigen Scheunen brauchen die Bauern hier eigentlich nicht."


Ökostrom versus Zersiedelung der Landschaft? (Foto: H.-G. Oed / BMU)

Rosner hat immer seine Kamera dabei, um die prägnantesten Beispiele zu dokumentieren. Natürlich kann er als Grüner nicht gegen die Nutzung von Ökoenergien stänkern, trotzdem sind ihm die massiven Veränderungen seiner Heimat nicht geheuer. Es sind ja nicht nur die hässlichen Solarstadl. Auch auf historischen Häusern sind Solarzellen keine Zierde.

Dazu kommen die vielen Biogasanlagen mit den dazugehörigen eintönigen Maisfeldern, die einst bäuerlich geprägte Kulturlandschaften in semi-industrialisierte Mischgebiete verwandeln. Und jetzt will auch Bayern mit der Windkraft loslegen. Manchmal kommt man schon auf den ketzerischen Gedanken, dass so ein kleines Atomkraftwerk alle 200 Kilometer zumindest optisch-ästhetisch gar nicht so schlimm ist. Solange es nicht explodiert.

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