Blick in die Bio-Kristallkugel

Die EU-Kommission will mit einer Neuauflage der Erneuerbare-Energien-Richtlinie die Ökobilanz von konventionellen Biokraftstoffen neu berechnen. Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) und der Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie (OVID) laufen jedoch Sturm gegen den Vorstoß aus Brüssel, nachdem andere Verbände die Initiative eher begrüßt hatten. Der Vorschlag der EU-Kommission sieht unter anderem vor, bei der Berechnung der Ökobilanz für heimische Agrarrohstoffe, wie zum Beispiel europäischen Raps, einen Malus anzurechnen und damit – so der VDB – für die Regenwaldrodungen in Mithaftung zu nehmen. 

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Zerstörter Regenwald auf Sumatra: Dafür soll nach dem Willen der EU-Kommission indirekt auch der europäische Biokraftstoff-Anbau haften. (Foto: Robin Wood)

Demnach führt ein Hektar Rohstoffanbau für Biokraftstoffe zwangsläufig global zur Verschiebung von einem Hektar Nahrungsmittelproduktion, weil dafür bereits bestehendes Ackerland genutzt würde. Um gleichzeitig die Nachfrage nach Lebensmitteln zu bedienen, müsse die landwirtschaftliche Fläche weltweit um den für den Anbau von Biokraftstoffen genutzten Hektar Ackerfläche ausgeweitet werden. Dadurch komme es zu Regenwaldrodungen und folglich zu zusätzlichen Treibhausgasemissionen. Entscheide sich Brüssel für die Anwendung dieser auf sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen (ILUC) basierenden Theorie, wäre die CO2-Bilanz von Rapsöl zu schlecht, um nach 2017 als Biokraftstoff in der EU eingesetzt werden zu können, so der VDB.

"Die Berechnungen, auf denen diese Kritik an Biokraftstoffen basiert, sind nicht faktengestützt und sollten nicht als Basis für die europäische Gesetzgebung dienen", sagt Matthias Finkbeiner von der Technischen Universität Berlin, der die von der EU-Kommission gegen Biokraftstoffe ins Feld geführte ILUC-Theorie untersucht hat. Eine Berufung auf solche Modellrechnungen hält Finkbeiner für nicht zulässig und führte dazu eine am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie ins Feld.

Der Experte für Ökobilanzen spricht dabei von Willkür und "gewaltigen Unsicherheiten". Die berechneten ILUC-Werte für Biokraftstoffe würden stark schwanken und seien davon abhängig, welche Annahmen getroffen werden. Diese könnten jedoch nicht in der Realität überprüft werden. Finkbeiner: "Ein und derselbe Biokraftstoff weist in der Welt von ILUC deshalb größere Differenzen in der Ökobilanz auf als die Werte einer Erbse im Vergleich zu denen eines Rindersteaks."

Unlogisch ist für den Experten auch, warum laut EU-Kommission ausschließlich Biokraftstoffe für eine ILUC-Bilanz herangezogen werden sollen. "ILUC für alle oder für keinen, muss die Devise lauten", sagte Finkbeiner, der auch beim Häuserbau oder dem Anlegen eines Golfplatzes indirekte Treibhausgasemissionen berücksichtigt haben will. Vor allem aber bewege sich die noch in den Kinderschuhen steckende ILUC-Berechnung ausschließlich in der Dimension einer Hypothese. "Indirekte Landnutzungsänderungen lassen sich weder beobachten noch messen", glaubt Finkbeiner. "Da kann man auch in die Kristallkugel schauen." Als Alternative wirbt er dafür, "erprobte Methoden der Ökobilanzierung" zu nutzen.

Die Präsidenten von VDB und OVID, Detlef Evers und Wilhelm Thywissen, sehen die Studie als Bestätigung ihrer Kritik an der geplanten politischen Kehrtwende. "Die EU will ein Gesetz, das einen nachhaltig arbeitenden Wirtschaftszweig real in den Ruin treibt, auf Methoden stützen, die von der Wissenschaft als irreal belächelt werden", erklärte Thywissen. Ohne die Nachfrage nach Biokraftstoffen würden die deutschen Rapsölmühlen so ihren wichtigsten Absatzmarkt verlieren.

Beide Verbände sind sich einig, dass die geplante EU-Politik "den europäischen Rapsanbau ins Abseits befördert, aber keinen einzigen Baum im Regenwald rettet". Sie argumentieren, dass nur fünf bis acht Prozent des weltweit gewonnenen Palmöls für Biokraftstoffe verwendet würden. "Wir lehnen ILUC-Faktoren als CO2-Malus in jeglicher Form ab, denn sie sind wissenschaftlich unseriös", betonte VDB-Chef Evers und widersprach damit Forderungen aus der Wissenschaft nach der Berücksichtigung von ILUC in der EU-Gesetzgebung. "Der EU-Kommission fehlt der Mut, wirksame Maßnahmen gegen Rodungen in den allseits bekannten Problemländern zu ergreifen", kritisierte Evers. Die beste Prophylaxe gegen Landnutzungsänderungen seien "grundsätzlich nachhaltige Produktivitätssteigerungen".

klimaretter.info/red

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