Emissionsstatistiken ohne Konsum
Der Konsum importierter Waren in Industrieländer trägt maßgeblich zur schlechten Klimabilanz der Entwicklungsländern bei. Im Berichts-System des Kyoto-Protokolls fehlen diese Emissionen, zeigt eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Von Johanna Treblin
Das T-Shirt aus Bangladesh, die Tulpen aus Kenia und die Jeans aus Indien. Was die Deutschen kaufen, wird häufig andernorts hergestellt. Der Konsum importierter Waren wird in den nationalen Emissionsstatistiken der Industrieländer jedoch nicht erfasst, stattdessen trägt er maßgeblich zur schlechten Klimabilanz in Entwicklungsländern bei. Das hat einen weiteren Nebeneffekt: Im Kyoto-Protokoll gehen diese Emissionen einfach unter. Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hat dazu nun neue Zahlen vorgelegt.

Was in China produziert wird, wird zum Großteil ins Ausland exportiert. Auf den Kohlendioxidemissionen bleiben die Chinesen aber sitzen. (Foto: Reimer)
Die positive Nachricht: Von 1990 bis 2008 sanken die Kohlendioxidemissionen in den Industrieländern. Die negative Nachricht: Im gleichen Zeitraum verursachte der Konsum der Industrieländer in den produzierenden Entwicklungsländern ein Fünffaches dieser eingesparten Emissionen. Insgesamt stiegen die Emissionen von Handelsgütern und Dienstleistungen von 1990 bis 2008 um sechs Prozent. Während sie mit 4,3 Gigatonnen Kohlendioxid im Jahr 1990 noch bei 20 Prozent der globalen Emissionen lagen, lagen sie 2008 bereits bei 7,8 Gigatonnen und 26 Prozent der globalen Emissionen. In Industrieländern stiegen darüber hinaus der PIK-Studie zufolge die konsumbasierten Emissionen teilweise schneller als die Emissionen auf dem eigenen Landesgebiet.
Im Kyoto-Protokoll haben sich zwar die historisch gesehen für den Klimawandel verantwortlichen Industrieländer, nicht aber Entwicklungsländer konkrete Reduktionsziele gesetzt. Damit soll den armen Ländern das notwendige Wirtschaftswachstum im Kampf gegen die Armut ermöglicht werden. "Wir begrenzen Emissionen bei uns, verursachen aber zugleich mehr CO2-Ausstoß in Regionen ohne Klimaschutzziele", sagte Studienautor Jan Christoph Minx von der TU Berlin. Nur durch das Auslagern von Emissionen könnten die Industrieländer bislang ihre Klimaschutzziele mit vergleichsweise geringen Anstrengungen und trotz wachsenden Konsums erreichen, so Minx.

Und woher konmmt Ihr T-Shirt? Die meisten Textilien werden nicht in Deutschland hergestellt. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Für die Studie wurden Emissionsverlagerungen in 95 Ländern und 57 Wirtschaftsbranchen über 19 Jahre hinweg untersucht. Den Autoren der Studie zufolge, die ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichten, zeigen die Erkenntnisse große Schwächen im internationalen System zur Berichterstattung auf. Die Industrieländer sollten auch über die durch internationalen Handel verursachten Emissionen berichten, fordern die Wissenschaftler. "Das bedeutet nicht, dass man auf regionale Regeln zur Emissionsvermeidung genauso gut verzichten könnte, sondern dass im Gegenteil deren Ausweitung nötig ist", sagte PIK-Studienautor Ottmar Edenhofer. "Jetzt brauchen wir Pfade zu einem globalen Abkommen."
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