Keine Energiewende bei den Riesen

Bei Eon, RWE, Vattenfall und EnBW spielen erneuerbare Energien kaum eine Rolle. Gerade einmal 0,5 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen kommen in Deutschland von den vier großen Energiekonzernen

Aus Berlin Sarah Messina

Selbst bei Kohle- und Atomkonzernen gehört die Rede von den erneuerbaren Energien und der Energiewende mittlerweile zum "guten Ton". Wer den Umstieg auf regenerative Energien tatsächlich umsetzt, scheint dagegen eine ganz andere Frage. Die vier großen Stromkonzerne sind es in Deutschland bislang jedenfalls nicht, geht aus einer Studie des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace hervor, die am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde. Gerade einmal 0,5 Prozent des Stroms aus Wind, Sonne & Co. stammt demnach von Eon, RWE, Vattenfall oder EnBW. Der Großteil der Energieversorgung aus erneuerbaren Energien wird nicht von den "Riesen", sondern von Regionalversorgern, Stadtwerken, Bürgerwindparks oder Privathaushalten getragen.

Untersucht wurden in der Studie Zahlen zum Jahr 2009 - erneuerbare Energien hatten in diesem Jahr in der Europäischen Union einen Anteil von 19,9 und in Deutschland von 16,4 Prozent an der Gesamtstromerzeugung. Das müsste sich eigentlich auch in den Strombilanzen der vier großen Energiekonzerne niederschlagen, könnte an meinen. Fehlanzeige: Der Anteil des Stroms aus regenerativen Quellen lag  2009 bei RWE demnach bei gerade einmal 3,5 Prozent. Eon kommt auf 7,9 Prozent, die EnBW auf 11,2 Prozent und der schwedische Energiekonzern Vattenfall auf immerhin 21,8 Prozent.

Alte Wasserkraftwerke und Investitionen im Ausland

Rechnet man die längst abgeschriebenen alten Wasserkraftwerke heraus und rückt damit tatsächliche Investitionen in "neue" erneuerbare Energien in den Vordergrund, sieht die Bilanz noch trauriger aus: RWE schafft es in dieser Rechnung genauso wie Eon auf müde 1,7 Prozent, Vattenfall auf kaum bessere 1,8 und die EnBW auf einen noch schlapperen 0,4 Prozent Erneuerbaren-Anteil. Der EU-Schnitt liegt dagegen ohne Wasserkraft bei 8,3 Prozent.


RWE-Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf: Die Energieriesen machen bislang nur Zwergenschritte für die Energiewende. (Foto: Paul Langrock)

In Deutschland kommt der Anteil der erneuerbaren Energien ohne Wasserkraft auf 13,1 Prozent. Betrachtet man nur die hierzulande gebauten neuen Anlagen zur Energieerzeugung aus Erneuerbaren liegt die Eon-Bilanz bei einem Prozent, RWE bei 0,5 Prozent, Vattenfall - vor allem in Skandinavien windstark - bei 1,2 Prozent und EnBW - die ohnehin wenige Auslandsgeschäfte betreibt - weiterhin bei 0,4 Prozent. "Die Energiekonzerne verweigern sich in Deutschland der Energiewende", ist deshalb auch der trockene Kommentar des Greenpeace-Klimaexperten Karsten Smid zur IÖW-Studie.

Zwei Jahre später sind die Energieriesen kaum einen Schritt weitergekommen

Bereits vor zwei Jahren hatte das IÖW mit einer umfassenden Studie zu den Investitionen der vier großen Energiekonzerne in erneuerbare Energien erstmals Zahlen vorgelegt, die zeigen, dass sich hinter den grünen Werbeoffensiven und Fernsehspots der vier großen Energieversorger bislang eher wenig Tatendrang versteckt. RWE schickte etwa vor der Bundestagswahl und daran hängenden Entscheidungen über den Atomausstieg einen putzigen "Energieriesen" ins Rennen um die Verbrauchergunst: Der baute in einem Werbe-Trickfilmchen nach Shrek-Manier fröhlich Windräder und Unterwasserturbinen in die Landschaft oder zupfte Hochspannungsleitungen zurecht. 

Mit der RWE-Realität hatte das wenig zu tun, zeigte bereits die erste IÖW-Studie zum Stand 2007: Schon damals lag der Anteil erneuerbarer Energien des Konzerns abzüglich alter Wasserkraftanlagen am Strommix bei gerade einmal 0,4 Prozent. Insgesamt rangierten die Energiekonzerne bei 0,1 bis 1,7 Prozent und damit nahezu genauso schlecht wie auch ganze zwei Jahre später noch: Eine signifikante Steigerung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien habe in den letzten Jahren nicht stattgefunden, attestieren IÖW und Greenpeace in der aktuellen Folgestudie. 


Anlagen zur Energieerzeugung aus Wind, Sonne & Co. werden von den Konzernen entweder noch links liegen gelassen - oder anderswo gebaut. (Foto: Paul Langrock)

Heute ist es keine anstehende Bundestagswahl, sondern die Atomkatastrohe im japanischen Fukushima, die die Energiedebatte antreibt. Die Bundesregierung hat eine "beschleunigte Energiewende" angekündigt und will ihr Energiekonzept vom vergangenen Herbst "korrigieren". Währenddessen bleiben die vier Stromriesen "nicht nur heute deutlich hinter den politischen Zielvorgaben für die Energiewende zurück", sagt Studienautor Bernd Hirschl vom IÖW. Für die kommenden Jahre wolle etwa Eon 13 Prozent und RWE 20 Prozent der Gesamtinvestitionen in den Ausbau erneuerbarer Energien stecken: "Das ist viel zu wenig, um bis 2020 die im Energiekozept angepeilten 35 Prozent Erneuerbaren-Anteils am Strommix zu erreichen", kritisiert Hirschl.

Mehr denn je ständen die großen Energiekonzerne heute vor "grundsätzlichen Systementscheidungen", sagt Greenpeace-Experte Smid. "RWE, Eon, Vattenfall und EnBW müssen mit ins Boot der Energiewende kommen", fordert Smid. Gerade für den Bau von Offshore-Windparks brauche es finanzstarke Großunternehmen, die in Zukunftstechnologien investieren. Frei nach dem Motto des "Energieriesen" von RWE, der im Abspann verspricht: "Es kann so leicht sein, Großes zu bewegen - wenn man ein Riese ist".
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