Deutschland ist wieder Klimasünder
Deutschlands Treibhausgas-Emissionen stiegen 2010 wieder rasant an, der Energieverbrauch lag vier Prozent über dem Vorjahr. Durch den Wirtschaftsaufschwung trug vor allem der Energiehunger der Industrie zur Negativ-Bilanz bei. Und die zeigt: Es gelingt einfach nicht, Wachstum vom Energiehunger abzukoppeln.
Von Sarah Messina und Nick Reimer
2010 ist der Energieverbrauch in Deutschland um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Schuld daran sind neben dem kalten Winter auch das Wirtschaftswachstum nach dem Einbruch in Folge der Finanzmarktkrise von 2008. Dies geht aus vorläufigen Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW hervor, die am Montag zum Start der Hannover Messe vorgestellt wurden.

Mit der Industrieproduktion steigt auch der Energieverbrauch - und der ist mit Treibhausgas-Emissionen verbunden. (Foto: RaBoe/Wikipedia)
"Infolge der Konjunkturbelebung ist der Energiebedarf der Industrie gestiegen", sagte die Vorsitzende der BDEW-Geschäftsführung Hildegard Müller. Bedeutet: Der Industrie gelingt es nach wie vor nicht, den Energiebedarf vom Wachstum abzukoppeln - obwohl sie das doch seit Jahren verspricht.
Nach wie vor sei die Industrie in Deutschland der größte Energieverbraucher, so Müller, der Anteil am Netto-Stromverbrauch lag 2010 demnach bei 46 Prozent. Während der Erdgasabsatz gegenüber dem Vorjahr um 4,5 Prozent von 330 Milliarden Kilowattstunden auf 345 Milliarden Kilowattstunden stieg, wuchs der Stromverbrauch der Industrie um 6,9 Prozent von 227 Milliarden Kilowattstunden auf 243 Milliarden Kilowattstunden.
Insgesamt stieg der Verbrauch von Erdgas um 4,2 Prozent auf 942 Milliarden Kilowattstunden, nach der Industrie folgen die privaten Haushalte und dann der Dienstleistungssektor als größte Verbrauchergruppen. Der Stromverbrauch stieg 2010 gegenüber dem Vorjahr um 3,8 Prozent auf 530 Milliarden Kilowattstunden.
Wirtschaftswachstum, Energieverbrauch und Treibhausgas-Emissionen sind weiterhin miteinander verknüpft
Dass mit dem Anstieg des Energieverbrauchs 2010 auch die Treibhausgas-Emissionen wieder anstiegen, hatten bereits Zahlen des Umweltbundesamts zum deutschen Emissionshandel gezeigt: Die im Zertifikatehandel erfassten Energie- und Industrieanlagen emittierten demnach 2010 rund sechs Prozent mehr Kohlendioxid als noch im Vorjahr. Die Zahlen zeigen: Vier Prozent mehr Energieverbrauch gegenüber sechs Prozent mehr Treibhausgas-Emissionen: Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Klimaschuld geht anders.

Eine der 13 Messen der Hannover Messe: Die "Leitmesse Wind". (Foto: Hannover Messe)
2010 haben sich sowohl Wirtschaft als auch Emissionen wieder auf Wachstumskurs begeben: Für den größten absoluten Emissionsanstieg waren demnach vor allem Anlagen zur Energieerzeugung verantwortlich. Insgesamt habe der CO2-Ausstoß aber in nahezu allen Industriebranchen wieder zugenommen und lag mit rund 1.630 erfassten Enerige- und Industrie-Anlagen bei 454 Millionen Tonnen Kohlendioxid, so das Amt. Gemäß Emissionshandelsgesetz müssen die gehandelten Verschmutzungsrechte unter denen der vorigen Handelsperiode liegen, die 2008 endete. Das ist nach Datenlage knapp der Fall.
Allerdings betreffen diese Zahlen nur die vom Emissionhandel betroffenen Anlagen und lassen deshalb mithin noch keine Rückschlüsse auf das deutsche Kyoto-Ziel zu. Zu den Emissionen aus der Industrie kommen die der privaten Haushalte, die zweitgrößte Treibhausgas-Quelle in Deutschland, die aus dem Verkehr sowie aus den Sektoren Landwirtschaft und Verwaltung.
Erneuerbaren-Anteil an der Stromversorgung auf 17 Prozent gestiegenDass die Entkoppelung von Treibhausgas-Emissionen und wirtschaftlichem Wachstum noch nicht funktioniert, verdeutlichen auch die erneuerbare Energien. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums ist der Anteil der Erneuerbaren an der deutschen Stromversorgung im vergangenen Jahr auf rund 17 Prozent angestiegen - was einen zusätzlich dämpfenden Effekt haben müsste. Anders ausgedrückt: Ohne den Anteil der Erneuerbaren wären die Emissionsmengen noch deutlicher gegenüber dem Wirtschaftswachstum explodiert.
Am gesamten deutschen Endenergieverbrauch von Strom, Wärme und Kraftstoffen hatten Wind, Agro-Sprit.und Co. den Daten zu Folge einen Anteil von etwa elf Prozent. Das ist zwar nur ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahreswert - 2009 lag er bei 10,4 Prozent - aber dennoch bemerkenswert, weil der Energieverbrauch durch Wirtschaftsaufschwung und kalte Witterung deutlich über dem Vorjahresniveau lag. Regenerative Kraftwerke sorgten 2010 so für Emissions-Ersparnisse von rund rund 120 Millionen Tonnen Kohlendioxid.
Die Hannover Messe ist die weltweit größte Industriemesse und findet vom 4. bis 8. April mit dem diesjährigen Schwerpunkt "Smart Efficiency" statt. Rund 6.500 Unternehmen aus 65 Ländern präsentieren auf 13 Leitmessen unter einem Dach ihre Innovationen zu Kraftwerks-, Industrie- und Energietechnologien.Guter Journalismus kostet
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