Bahnchef Grube zieht Bilanz
Die Bahn weitet ihr Auslandsgeschäft aus, macht Schulden und fährt dennoch Gewinne ein. Bahnchef Rüdiger Grube zog positive Bilanz und fand Worte für Fukushima, das Atom-Moratorium und Stuttgart 21.
Aus Berlin Johanna Treblin
Trotz Winterchaos und den Protesten um Stuttgart 21 hat die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr sowohl Umsatz als auch Gewinn gesteigert. Auch die Kundenzahlen sind gestiegen. Für die Forderung der EU-Kommission im Weißbuch Verkehr, mehr Personen- und Güterverkehr auf die Schiene umzuleiten, sieht Bahnchef Rüdiger Grube das Unternehmen bestens gerüstet. Auch im Ausland läuft alles spitze, so der Tenor bei der Vorstellung des Geschäftsberichts für 2010 am Donnerstag in Berlin. Demgegenüber fordert das Bündnis Bahn für Alle: "Wir brauchen keine betriebswirtschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Bilanz der Bahn."

Der ICE ist das Flaggschiff der Deutschen Bahn - die sich vor allem mit ihrer Logistik-Sparte immer mehr im Ausland tummelt. Bündnis "Bahn für Alle": Konzentration aufs Kerngeschäft. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
1,9 Milliarden Euro betrug der Gewinn (EBIT bereinigt) der Deutschen Bahn im vergangenen Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das eine Steigerung von 10,7 Prozent. Der Nettogewinn (Jahresergebnis) lag mit knapp 1,1 Milliarden Euro um 27,5 Prozent über dem Ergebnis des Jahres 2009. Der Umsatz des Konzerns erhöhte sich im gleichen Zeitraum um 5,1 Milliarden Euro auf 34,4 Milliarden Euro und stieg damit um 17,3 Prozent.
Bahn fährt Bus
Mit dem Kauf des Verkehrsunternehmens Arriva, das hauptsächlich in Großbritannien Busse und Bahnen unterhält, hat sich die Deutsche Bahn weiter verschuldet: Waren es 2009 noch 15 Milliarden Euro gewesen, wuchs der Fehlbetrag 2010 auf 16,9 Milliarden – eine Steigerung um 12,8 Prozent. "Die DB ist mit dem Kauf von Arriva im August letzten Jahres ihrem strategischen Ziel, eines der erfolgreichsten Mobilitäts- und Logistikunternehmen weltweit zu werden, einen großen Schritt nähergekommen", sagte Bahnchef Grube am Donnerstag in Berlin.
Die Deutsche Bahn ist damit nun in 13 europäischen Ländern vertreten. Mit ihrer Logistik-Sparte ist die Bahn auch international aktiv, unter anderem mit 350 Mitarbeitern in Japan. Grube nutzte den Hinweis darauf auch dazu, um seinen "Freunden in Japan" von der dortigen Bahngesellschaft sein Beileid wegen des "verheerenden Erdbebens" auszudrücken.
Nach dem darauf folgenden Atom-Unglück in Fukushima hatte die deutsche Regierung ein Moratorium angekündigt: Bis Juni wurden sechs Atomkraftwerke vom Netz genommen, zwei weitere standen bereits still. Unter das Moratorium fällt auch das Atomkraftwerk Neckarwestheim I, das nach Bahnangaben acht Prozent des Strombedarfs der DB deckt. "Ohne die Laufzeitverlängerung wäre das Kraftwerk bereits 2010 vom Netz gegangen", so Grube, und daher sei die Bahn auf den Ausfalls des AKW vorbereitet gewesen.
Grube sprach sich dennoch für den Ausbau des Kohlekraftwerks Datteln 4 aus, um "langfristig Versorgungsengpässe vermeiden" zu können. Der Bau des Eon-Kraftwerks ruht seit einem Jahr, weil ein Gericht den Bebauungsplan als unwirksam erklärt hat. Die Bahn will Hauptabnehmer des Kraftwerks werden. Umweltschützer kritisieren den Strommix der Deutschen Bahn, die 25 Prozent aus Atomkraft bezieht, 45 Prozent aus Kohle, neun aus Erdgas und lediglich rund 20 Prozent aus erneuerbaren Energien.
Trotz Baustopp: Stuttgart 21 soll weitergehen
Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 27. März, aus denen Winfried Kretschmann als erster Grüner Ministerpräsident der Bundesrepublik hervorgegangen ist, hatte die Bahn am Dienstag einen Baustopp für Stuttgart 21 erlassen. Das bestätigte Grube am Donnerstag. Aber: "Wir stehen weiter positiv zum Bahnprojekt Stuttgart-Ulm." Mit Hochdruck werde am Stresstest gearbeitet, der mit dem Schlichterspruch Heiner Geißlers vereinbart worden sei. Der Schlichterspruch habe verdeutlicht, wie "wichtig eine leistungsfähige Infrastruktur für Verkehrswachstum auf der Schiene" sei. Das Verfahren habe auch gezeigt, dass die Bahn bei künftigen Projekten "ein größeres Maß an Transparenz" berücksichtigen müsse. Die Bevölkerung sowie "kommunale Gremien" sollen frühzeitiger einbezogen werden.

Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. (Foto: Robin Wood)
Einen Alternativen Geschäftsbericht für die Deutsche Bahn legte am Donnerstagmorgen das Bündnis Bahn für Alle vor. Demzufolge hat die Bahn vor allem in den Bereichen DB Regio und DB Netze deshalb Gewinne eingefahren, weil der Staat Milliarden an Steuergeldern in diese Bereiche stecke. "Die Gewinne, die das Unternehmen mit DB Regio erzielt, müssen re-investiert werden", forderte der Grüne Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter bei der Vorstellung des Berichts. "Luftfracht in den USA und Busse in Großbritannien – das sind keine öffentlichen Aufgaben für eine Deutsche Bahn."
"Wir brauchen keine betriebswirtschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Bilanz der Bahn", sagte Sabine Leidig, verkehrspolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion. Kritik übte das Bündnis auch am Bahnprojekt Stuttgart 21. Durch die Halbierung der Bahngleise habe man als Fahrgast kaum noch Zeit zum Umsteigen. Bisher seien rund 50 An- und Abfahrten pro Stunde geplant. "Es gehen auch 100, wenn man gar nicht mehr hält", sagte Karl-Dieter Bodack, Mitglied des Bündnisses und selbst 27 Jahre lang Mitarbeiter der Bahn.
Das Bündnis fordert einen höheren Anteil des Bahnstroms an tatsächlichen erneuerbaren Energien. Bisher kommt der regenerativen Strom der Deutsche Bahn hauptsächlich von alten Wasserkraftwerken. Strom und Wind spielen kaum eine Rolle, kritisiert "Bahn für Alle". Das Bekenntnis zu Atomstrom lasse sich unter anderem durch die Zusammensetzung des Bahn-Aufsichtsrats erklären, so der Bericht: Dort sitzen mit Christoph Dänzer-Vanotti ein Mitglied des Vorstands von Eon und mit Jürgen Großmann der Chef von RWE. Eon und RWE sind nicht nur zwei der größten Atomkonzerne Deutschlands, sondern auch auf Platz 1 und 3 der größten Energiekonzerne weltweit.
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