Atomsteuer plagt den Atomkonzern EnBW
Arme Energie Baden-Württemberg: Nach dem Staatseinstieg kommt nun der Investitions-Ausstieg. Und dann kündigt auch noch Daimler seinen Stromliefervertrag.
Von Nick Reimer
"Ich muss mich bis zur Decke strecken". Mit diesen Worten hat EnBW-Vorstandschef Hans-Peter Villis am Dienstag in Karlsruhe die Geschäftszahlen für das Jahr 2010 vorgelegt. An die Decke strecken bedeutet milliardenschweres Sparprogramm: 300 Millionen Euro will EnBW im Geschäftsjahr 2011 sparen, weil der Weiterbetrieb der Atomreaktoren milliardenschwere Kosten verursacht. Einerseits kommen auf EnBW Nachrüst-Kosten, andererseits die Brennelemente-Steuer zu.

Soll demnächst ans Netz: Der erste Offshore-Windpark in der Ostsee, Baltic Sea (Fotos: EnBW)
Tatsächlich hatte sich das bereits im vergangenen Jahr angekündigt. Die Ratingagentur Fitch rechnete damit, dass die deutschen Atomkonzerne wegen der Laufzeitverlängerung mittelfristig unter Druck geraten. Wie Dow Jones unter Berufung auf das Analystenhaus berichtet, dürften Eon, RWE und vor allem die EnBW wegen der Laufzeitverlängerung unter Spardruck geraten, der nur durch zusätzliche Sparprogramme zu bewältigen ist. Da die Besteuerung der Brennelemente in den kommenden sechs Jahren dem Staat pro Jahr 2,3 Milliarden Euro einbringen soll, bestehe ein Kontrast zu den langfristigen Vorteilen der Laufzeitverlängerung um durchschnittlich zwölf Jahre, hieß es in einer Studie der Ratingagentur. Demnach reduzieren sich die Barmittelzuflüsse durch die Steuer, worunter laut Fitch am meisten EnBW zu leiden habe.
EnBW, die sich früher gern als Vorreiter bei den Ökoenergien unter Deutschlands "großen Vier" - Eon, Vattenfall und RWE sind die drei anderen - feierte, will ausgerechnet bei Investitionen in Ökoenergien sparen. In den Bereich würden 1,5 Milliarden Euro investiert, geplant waren aber ursprünglich 5,1 Milliarden Investitionen. Dazu wolle EnBW mit seinem niedersächsischen Partner EWE vor allem bei Windparks zusammenarbeiten.
EnBW-Chef Villis: "Der Neubau des Wasserkraftwerks Rheinfelden ist nahezu abgeschlossen, die EnBW wird in einigen Wochen den ersten kommerziellen Offshore-Windpark in Deutschland, EnBW Baltic 1, mit einer installierten Leistung von 48 Megawatt in Betrieb nehmen und wir haben in den vergangenen zwei Jahren unsere Kapazitäten im Bereich Onshore-Windparks mit rund 150 Megawatt fast verfünffacht. In diesem Jahr werden wir die ersten Früchte dieser Investitionen ernten." Dem geneigten Publikum sei erklärt: 48 Megawatt entsprechen 16 Windräder mit drei Megawatt Leistung. Oder acht Windräder der Offshore-Klasse von REpower.
Ausweiten will EnBW seine Investitionen hingegen in Tschechien. Dort hatte sich EnBW den Energiekonzern Prazska energetika a.s. (PRE) gekauft, den EnBW nun zum "integrierten Versorger weiter ausbauen" will - selbst erzeugte Wärme und Strom sollen Markenzeichen werden. Die EnBW hält seit September vergangenen Jahres 69,6 Prozent an der PRE. PRE ist mit rund 745.000 Kunden der drittgrößte Stromkonzern in Tschechien und hatte 2009 einen Umsatz von rund 800 Millionen Euro erzielt. Um für die Pläne entsprechend liquide zu sein, sollen Minderheitsbeteiligungen im Wert von 1,8 Milliarden Euro verkauft werden, wie der Vorstandschef ankündigte.
Ach ja, um Geschäftszahlen ging es ja auch noch. Wie Deutschlands drittgrößter Stromkonzern am Dienstag mitteilte, hat die Energie Baden-Württemberg AG im Geschäftsjahr 2010 ihren Absatz von Strom um 22,7 Prozent auf 146,9 Milliarden Kilowattstunden gesteigert. Das entspricht einem Umsatzplus von 12,5 Prozent auf 17,5 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis vor Ertragsteuern und Beteiligungsergebnis erhöhte sich um 7,7 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro (genau: 1.932,6 Millionen Euro). Das ist ein Konzernplus gegenüber 2009 von 12,4 Prozent.

Und als ob das nicht schon bitter genug wäre für die arme verstaatlichte EnBW: Daimler, Premium-Stromkunde von EnBW kündigte seinen Stromliefervertrag bei EnBW. Ein Sprecher bestätigte gegenüber der FAZ: Neuer Lieferant sei Enovos, ein Gemeinschaftsunternehmen der ehemaligen Saarferngas und zwei Luxemburger Versorger. Einen Grund für den Wechsel nannte Daimler nicht. Der Verlust des Prestigekunden trifft EnBW, wenige Wochen nachdem Ministerpräsident Mappus für gut 4,5 Milliarden Euro 49,9 Prozent der EnBW-Aktien vom französischen Konzern EDF zurückgekauft hatte.
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