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Wachstum, Wachstum, Wachstum

Rekord: Die Wirtschaftsleistung stieg in Deutschland 2010 gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent an. Auch in anderen Teilen der Welt taucht die Wirtschaft aus der Krise auf. Und läuft unbeirrt auf die nächste zu.

Von Nick Reimer

Erinnern Sie sich noch an 1990? An die deutsche Währungsunion, den neuen Kühlschrank, das erste Auto? Seinerzeit sorgte die deutsche Wiedervereinigung für ein wahres Konsumfeuer: Die Ostdeutschen kurbelten mit ihrer Gier nach Westprodukten die westdeutsche Wirtschaft an.


Noch ein Wirtschaftswunder: Die Nachkriegszeit und ihr Auto, der Käfer. (Foto: Ulrich Häßler/Deutsches Bundesarchiv)

20 Jahre später wiederholt sich das: Preisbereinigt ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2010 gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent gestiegen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Ein solch derart großes Wirtschaftswachstum hat es in Deutschland letztmalig im Jahr der Wiedervereinigung gegeben. "Das Ergebnis hat uns auch überrascht", erklärte sogar Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes. Schließlich war das BIP im Jahr 2009 noch um 4,7 Prozent gesunken, was dem Jahr die Bezeichnung "Krisenjahr" einbrachte.  

Bemerkenswert, so die Statistiker, war im Jahr 2010, dass Wachstumsimpulse nicht nur vom Außenhandel, sondern auch aus dem Inland kamen: Insbesondere in Ausrüstungen wurde mit einem Plus von 9,4 Prozent deutlich mehr investiert als im Vorjahr. Die Wirtschaftsleistung des Jahres 2010 sei von rund 40,5 Millionen Erwerbstätigen erbracht worden, so der Oberstatistiker Egeler. "So viele Beschäftigte gab es in Deutschland noch nie." In Zahlen ausgedrückt: 2010 standen 212.000 Menschen mehr in Lohn und Brot als noch 2009.

Die Exporte stiegen preisbereinigt um 14,2 Prozent, die Importe etwas weniger stark um 13 Prozent. Die Differenz zwischen Exporten und Importen – der Außenbeitrag – steuerte im Jahr 2010 einen positiven Wachstumsbeitrag von 1,1 Prozentpunkten. Und dann schreiben die Statistiker: "Die Konsumausgaben konnten im Jahr 2010 ebenfalls gesteigert werden: Preisbereinigt stiegen die privaten Konsumausgaben um 0,5 Prozent, die staatlichen sogar um 2,2 Prozent."

Das BIP steigt, die Wirtschaft erholt sich - aber längst wachsen wir über unsere Verhältnisse hinaus

Der verhohlene Jubel allerdings scheint kaum angebracht: Längst ist Wachstum kein ausschließlich positiv besetzer Begriff mehr, längst wachsen wir weit über unsere Verhältnisse hinaus. Bei einer Gesamtbevölkerung von demnächst sieben Milliarden Menschen stehen etwa jedem Erdenbewohner rund 1,7 Hektar produktive Fläche zur nachhaltigen Deckung seiner Bedürfnisse zur Verfügung, um nur ein Beispiel zu nennen. Tatsächlich aber verbraucht jeder Deutschen derzeit bereits 5 Hektar. Dokumentiert werden die natürlichen Grenzen von Wachstum und Ressourcenverbrauch am sogenannten "World Overshoot Day", jenem Tag, der die ökologische Überschuldung des Planeten markiert.  

Den ersten World Overshoot Day erlebte die Menschheit 1987 am 19. Dezember. An jenem Tag war alles verbraucht, was eine sich selbst erhaltende Natur binnen zwölf Monaten liefern kann: Wasser, Brennmaterial, Bauholz, Getreide, Fische oder Platz, um Müll zu entsorgen – auch die aus Schornsteinen und Auspuffen in die Atmosphäre geblasenen Treibhausgase. 1995 fiel der Tag schon auf den 21. November, 2006 bereits auf den 9. Oktober.

"Wir verhalten uns so, als ob wir zwei Planeten zur Verfügung hätten und zerstören damit langfristig unsere Lebensgrundlage", sagt auch WWF-Experte Christoph Heinrich. "Wir leben eindeutig über unsere Verhältnisse und es ist höchste Zeit, sich von der bisherigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft zu einer nachhaltigen Lebensweise zu entwickeln."

Dank der schwachen Weltwirtschaft hatte sich die fortschreitende ökologische Überschuldung 2009 etwas abgebremst: Der World Overshoot Day fiel dennoch bereits auf den 25. September. Wie gut sich die Wirtschaft erholt hat, kann man auch am World Overshoot Day 2010 erkennen: Schon vom 21. August an lebte die Menschheit im vergangenen Jahr "auf Pump".

 

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