Boff will Wachstumsideologie überwinden
Der katholische Theologe und Philosophieprofessor Leonardo Boff ist überzeugt: Nicht Treibhausgas-Zertifikate, sondern ein neues, ethisch begründetes Verständnis für die Natur bietet den Ausweg aus dem Teufelskreis von Wachstumsideologie und Umweltzerstörung.
Aus Mexiko-Stadt Daniela Pastrana (IPS)
"Entweder wir retten uns oder wir gehen zu Grunde. Eine Arche wird es diesmal nicht geben", warnt der katholische Theologe und Philosophieprofessor Leonardo Boff im IPS-Interview. 2001 wurde der Brasilianer für sein Engagement für Menschenrechte und Umweltschutz mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Nun fordert er ein neues, ethisch begründetes Verständnis für die Natur. Nur ein solches biete den Ausweg aus dem Teufelskreis von Wachstumsideologie und Umweltzerstörung. Den Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten lehnt Boff ab.

Leonardo Boff kritisiert Wachstumsideologie. (Foto: leonardoboff.com)
Die Ergebnisse der jüngsten UN-Klimakonferenz im mexikanischen Cancún sieht der Philosophieprofessor skeptisch, aber nicht hoffnungslos: "Bei aller spürbaren Enttäuschung konnte man sich doch in drei Punkten einigen: Auf die Zusagen, dafür zu sorgen, dass die Erderwärmung um nicht mehr als zwei Grad ansteigt, und darauf, den vom Klimawandel am schwersten betroffenen Ländern mit einem 30 Milliarden US-Dollar starken Klimafonds bis 2012 zu helfen. Außerdem soll mit REDD-plus ein Fonds für den Waldschutz eingerichtet werden."
Auf die drei Punkte einigten sich 193 der 194 an der UN-Versammlung teilnehmenden Staaten. Einzig Bolivien stimmte gegen das Abkommen von Cancún und will nun gegen die Beschlüsse klagen. "In Bolivien wird die Erde als Gottheit, 'Pacha Mama', verehrt, als Leben spendender Organismus, den man behütet und nicht etwa ausbeutet, indem man durch den Handel mit Kohlendioxid-Emissionen das Recht auf Umweltverschmutzung erwirbt", sagt der weltweit angesehene 72-jährige Aktivist.
"Für die mächtigen Gesellschaften ist die Erde ein nützliches Produktionsmittel, ein unbegrenzter Schatz von Ressourcen. Weil sie knapp werden, geht man inzwischen zwar nachhaltig mit ihnen um, doch es fehlt der Respekt vor den Lebewesen und deren Recht und Würde", kritisiert Boff. "Davon war weder in Cancún noch auf den vorherigen Klimakonferenzen die Rede."
Mehr Wachstum, mehr zerstörte Natur
Dieser Ansatz zum Umgang mit der Natur sei unverzichtbar, betont er. Das auf Wachstum fixierte System könne die Klimaprobleme nicht lösen, die es selbst geschaffen habe. "Das System selbst bedroht das Leben. Wenn es in jedem Land jedes Jahr auch nur ein wenig Wachstum gibt, bedeutet das mehr Umweltschäden und eine ansteigende Erderwärmung."
Boff warnt davor, dass die Erde in den kommenden Jahren immer unbewohnbarer wird. "Das ist ein Teufelskreis." Betroffen seien vor allem die Menschen in Afrika und Südostasien. "Wenn wir diese Entwicklung nicht anhalten, wird es in fünf, sechs Jahren weltweit bis zu 100 Millionen Klimaflüchtlinge geben, die die Politik vor schwere Probleme stellen."

Wald und Wasserfälle an der argentinisch-brasilianischen Grenze. Die große Artenvielfalt Lateinamerikas soll helfen, das Klima-Problem zu lesen. (Foto: J. Treblin)
Lateinamerika bietet große Chancen
Der Theologe setzt große Hoffnungen in Lateinamerika, Teil der Lösung des Klima-Problems zu werden. Mit seinen weltweit größten Regenwäldern und Süßwasserressourcen, seiner unvergleichlichen Artenvielfalt und seinen riesigen Agrarflächen könne der Subkontinent einen besonders positiven Beitrag leisten, stellte er fest. Leider fehle einem großen Teil der Bevölkerung bisher das dazu erforderliche Umweltbewusstsein. Zudem wachse die Gefahr, dass sich Großkonzerne in den riesigen unbewohnten Gebieten breitmachten. "Hier werden Allgemeingüter privatisiert und dem individuellen Nutzen zur Verfügung gestellt", kritisiert der Theologe.
In Argentinien, Brasilien, Chile und Venezuela begreife man allmählich die Spielregeln dieses neuen Kapitalismus: "Lebensgrundlagen konzentrieren, um die Zukunft des Systems zu sichern." Zwar gebe es finanzielle und technische Möglichkeiten, um gegenzusteuern, doch dazu fehlten der politische Wille und ein Gefühl für Natur und menschliches Leid.
Boff appelliert an die kollektive Pflicht zur Humanität, die von der Marktwirtschaft nicht zu erwarten sei. "Wir suchen nach Balance und Ausgewogenheit. Geld ist dabei nicht das Problem. Jeder oder jede ist gefordert, nach Kräften einen eigenen Beitrag zu leisten", betont er.
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 22 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





"Plant for the Planet" auf der Klimakonferenz: Wie ein 13jähriger Schüler aus Deutschland den 193 Umweltministern auf der Klimakonferenz in Canún einen Spaten in die Hand drückt. Aus Cancún Daniel Boese
Die Trockenheit im vergangenen Jahr hat dem Regenwald in Brasilien stark zugesetzt. Forscher befürchten, der Wald könnte von einer Kohlenstoffsenke zur Kohlendioxidschleuder werden.
Regenwald-Abholzung hat sich vor allem im Bundesstaat Mato Grosso in den letzten Monaten vervielfacht
Brasilien führt in Sachen Klimaschutz auch in diesem Jahr, Deutschland hält sich auf Platz sieben. Auf dem Klimagipfel in Cancún haben Germanwatch und CAN Europe den Klimaschutz-Index vorgestellt.
Die Klimajugend YOUNGO hat im Vorfeld der Klimaverhandlungen in Cancún eigene Textvorschläge eingereicht. Der Dominikanischen Republik ist es zu verdanken, dass diese nun in offiziellen Verhandlungstext eingegangen sind.
Mit einem Gesetz will Evo Morales in Bolivien der Natur mehr Rechte zugestehen, auf internationaler Ebene fordert er ein Tribunal, um die Umweltzerstörung vor Gericht bringen zu können.
Die USA erlassen Brasilien in den kommenden fünf Jahren insgesamt fast 21 Millionen Dollar an Schulden, teilt das brasilianische Umweltministerium mit. Das südamerikanische Land muss das Geld stattdessen in Waldschutzprogramme stecken
Die Dürre im vergangenen Sommer hat dem Amazonasregenwald schwer zugesetzt. Forscher fürchten, dass der Wald schon bald an einen Kipppunkt anlangen könnte
Japan weigert sich, bei einer Fortführung des Kyoto-Protokolls mitzumachen. Umgekehrt wollen die Industrieländer, dass sich die Entwicklungsländer auf verbindliche Klimaziele verpflichten. Zum Erstaunen von Klimadiplomaten jedoch vermochte bislang kein Thema die Klimaverhandlungen aufzuhalten.
Das brasilianische Abgeordnetenhaus hat das umstrittene brasilianische Waldgesetz abgesegnet und damit dem Raubbau den Weg geebnet. Doch der Streit um die Gesetzesreform geht weiter. Präsidentin Dilma Rousseff dürfte gegen Teile der verabschiedeten Novelle ihr Veto einlegen. Zumindest zum Schein.
Der steigende Meeresspiegel bedroht Inselstaaten wie die Malediven oder Kiribati besonders Klimaretter.info sprach darüber mit Anote Tong, Präsident von Kiribati. Interview von Lena Hörnlein
In Cancún wurde eine solide Basis für die Arbeit der nächsten Jahre geschaffen, sagt Bruno Oberle, Direktor des Schweizer Bundesamts für Umwelt im Gespräch mit klimaretter.info: Mehr als ein erster Schritt in die richtige Richtung sei das jedoch nicht. Interview von Christian Mihatsch
Biodiversitätskonferenz in Nagoya: Bundesumweltminsterium stockt Gelder für Tropenschutz auf. Röttgen: Waldschutz wichtig für Artenvielfalt und Klima
Tag 11 auf dem Klimagipfel in Mexiko: Es gibt einen Lösungsvorschlag für die Reduktionsverpflichtung aller Länder. Denn ohne das Festschreiben neuer Reduktionsziele wird es keinen Beschluss von Cancún geben.


