Milliardengeschenk für die Stromversorger
Bis zu 71 Milliarden Euro werden Europas Stromkonzerne bis 2012 zusätzlich einnehmen - ohne irgend etwas zu tun. "Schuld" ist der Handel mit Verschmutzungs- Rechten, den so genannten Kohlendioxid-Zertifikaten: Die werden den Unternehmen kostenlos zugeteilt und trotzdem in den Strompreis eingerechnet. Die Zeche zahlen die Verbraucher, für den Klimaschutz wird eine Chance vertan
Aus Berlin SARAH MESSINA
Die kostenlose Zuteilung der Zertifikate im Emissionshandel entwickelt sich für die europäischen Stromversorger zum Milliardengeschäft. Auch in der zweiten Phase des EU-Emissionshandels bis 2012 streichen die Energiekonzerne Zusatzgewinne ein, weil sie die Kosten für die Verschmutzungszertifikate an ihre Kunden weiterreichen, obwohl sie den Großteil der Emissionsrechte kostenlos erhalten.
Eine Studie des WWF zeigt: Allein in Deutschland erzielen die Stromversorger so zusätzliche Gewinne in Höhe zwischen 14 und 34 Milliarden Euro in der zweiten Handelsperiode. "Es ist nicht hinnehmbar, dass die Verbraucher die Zeche für eine klimaschädliche Energieproduktion zahlen, während sich die Energiekonzerne eine goldene Nase verdienen", ärgert sich Juliette de Grandpré vom WWF Deutschland. "Nur wenn möglichst schnell alle Emissionszertifikate versteigert werden, können die Klimaschutzziele der Europäischen Union erreicht werden", so die Expertin.
Die WWF-Studie, durchgeführt von Point Carbon - der weltweit führenden Informationsplattform zu Kohlenstoffmärkten - analysiert die Mitnahmeeffekte in Deutschland, Großbritannien, Italien, Polen und Spanien. Der Report zeigt, dass die Gesamterlöse der Stromversorger in den untersuchten Ländern bis 2012 bis zu 71 Milliarden Euro umfassen können. Das entspricht in etwa dem doppelten Bruttoinlandsprodukt von Slowenien.
Kein Wunder, dass die Gewinne in Deutschland am größten sind, denn dort treffen alle drei Voraussetzungen zu. In der ersten Phase des Emissionshandels 2003 bis 2007 wurden die Zertifikate an die deutschen Stromkonzerne verschenkt - trotzdem erhöhten die Unternehmen den Strompreis mit der Begründung, das neue System treibe die Kosten in die Höhe. Ab 2008 sollen jährlich 9 Prozent der Verschmutzungsrechte versteigert werden. Nach Schätzungen des Umwelt-ministeriums wird das die Stromerzeuger etwa 400 Millionen Euro pro Jahr kosten. Diese Einnahmen sollen in Klimaprojekte in Deutschland und in Drittländern fließen.

Zertifikatehandel: Ein gigantisches Umverteilungsprogramm - aus der Tasche der Verbraucher in die Kassen der Aktionäre
Mehrere Politiker warnten die Konzerne davor, die Strompreise in der zweiten Phase des Emissionshandels erneut zu erhöhen. Die Kosten seien bereits "eingepreist", sagte SPD-Bundestagsfraktionsvize Ulrich Kelber. Die Unternehmen hätten bereits Milliardenbeiträge von den Verbrauchern eingestrichen. Würden die Preise nun weiter erhöht, wäre dies eindeutig "Missbrauch der Marktmacht" und könne zur Zerschlagung der Energiekonzerne führen. Kaum anzunehmen, dass sich die Konzerne durch die starken Worte beeindrucken lassen.
Zu hoffen ist aber, dass die Politiker immerhin in ihren Zukunftsplänen standhaft bleiben. Ab 2013 nämlich sollen die Energieunternehmen für alle Verschmutzungsrechte bezahlen. Erst dann würde das System sauberen Strom finanziell begünstigen und den Anreiz schaffen, mehr Strom aus erneuerbaren Quellen zu produzieren.
Der Einsatz von Kohle zur Stromerzeugung führt jährlich zu mehr als einer Milliarde Tonne Kohlendioxid-Emissionen in Europa. Das sind rund 20 Prozent des derzeitigen europäischen Ausstoßes an Treibhausgasen. Der WWF fordert deshalb, dass ab 2013 alle Sektoren - vor allem aber der Stromsektor - die gesamten Zertifikate in Auktionen ersteigern müssen. Nur so könne das eigentliche Ziel des Emissionshandels, nämlich die Umstellung auf eine nachhaltige und sparsame Energieproduktion, erreicht werden. "Preissteigerungen sind durch die Auktion nicht zu erwarten", erklärt Juliette de Grandpré. "Die Studie zeigt, dass die Preise für die CO2-Zertifikate bereits im Strompreis enthalten sind."
Der WWF fordert darüber hinaus, dass die Einnahmen aus der Auktion der Emissionszertifikate vollständig in Klimaschutzinstrumente in Europa und den Entwicklungsländern eingesetzt werden müssen. Nur so wird ein nachhaltiger Wandel zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft sichergestellt.
Hier finden Sie die Studie.
FOTOS: WWF/ Reimer
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