Eons grünes Gewissen
Rödsand 2, Eons sechster und größter Offshore-Windpark, ist am Netz. Zur Eröffnung lud der Atomkonzern Pressevertreter nach Dänemark ein und fuhr sie bei Sonnenaufgang in den Windpark. Schön war das. Die Schleife durfte Dänemarks Klimaministerin durchschnitten. Die Journalisten verfolgten das Event live vor den Leinwänden.Aus Rödby Johanna Treblin
"Wir haben alle Scheren in Süddänemark ausprobiert, um sicherzugehen, dass die Ministerin auch tatsächlich die schärfste Schere bekommt". Tore Harritshöj ist Chef von Eon-Dänemark. Und neuerdings auch Scheren-Experte. Die Wahl fiel schließlich auf eine kleine Schere, vom Aussehen her eher Typ Kinderbastelschere.

Dänemarks Klimaministerin Lykke Friis eröffnete den Windpark Rödsand 2. (Fotos: J. Treblin)
Aber Lykke Friis ist ja auch eine zierlich Person: Am Dienstag eröffnete sie offiziell den neuen Windpark des deutschen Energieunternehmens Eon vor der dänischen Insel Lolland. Gut für ihren Magen, schlecht für die Energieversorgung wehte kaum Wind, der Wellengang war ruhig, der Katamaran, der die Ministerin zum Windpark in der Ostsee brachte, wackelte kaum. Um eines der 90 Windräder war eine rote Schleife gebunden - die zerschnitt die Ministerin.
Der fehlende Wind sorgte auch dafür, dass sich keines der Windräder drehte. Eon beunruhigte das nicht. Der Windpark mit einer Kapazität von 207 Megawatt – der bisher größte der sechs Eon-Windparks – wurde drei Monate früher fertiggestellt als geplant. Seit drei Monaten speist der Windpark Rödsand 2 nun schon Strom ins dänische Netz und verdrängt mit jeder eingespeisten Kilowattstunde eine Kilowattstunde Kohlekraft. Zwei Prozent der dänischen Energie erzeugt Rödsand 2 - bis 2012 will das Land zehn Prozent aus Windkraft produzieren. Diese Zahlen "treiben einem vor Freude das Wasser in die Augen", sagt Mark Porter, Eons Regionaldirektor für die nordischen Länder, auf der Eröffnungsfeier an Land.
Die Ministerin Lykke Friis sieht das deutlich rationaler: "Windparks wie Rödsand 2 sind nicht nur gut fürs Klima und für Dänemarks Versorgungssicherheit. Die Windräder haben in den vergangenen zwei Jahren auch viele Jobs in Dänemark geschaffen." Rödsand 2 ist der zwölfte Offshore-Windpark Dänemarks – in keinem Land gibt es mehr, man sei also Weltmeister, sozusagen.
Doch dann übermannt es auch Frau Ministerin. Dankbar sei sie Eon für diesen Park, sagt Lykke Friis und forderte auf zu einem "großen Hurra" für das Unternehmen. Die anwesenden Mitarbeiter von Eon und den anderen am Windparkt beteiligten Firmen, darunter Siemens, rufen also Hurra auf dänisch: "Ha, ha, ha, Haaaaaa!"
25 bis 50 Prozent Erneuerbare
Für Rödsand 2 ist Eons grünes Gewissen zuständig: die Abteilung "Climate and Renewables". Die geht streng nach Fünfjahresplan vor, von 2007 bis 2012 sollen insgesamt acht Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert werden - 25 Prozent der Eon-Gesamtinvestitionen, erklärt Vorstandsmitglied Jörgen Kildahl. "In den kommenden Jahren sollen es mehr werden", 50 Prozent kann sich Vorstandsmitglied Kildahl vorstellen.
Die Zahlen sind allerdings ganz schön hoch gegriffen: Der Hauptteil dieser Investitionen fließt in große Wasserkraftprojekte. Für eine von Greenpeace herausgegebene Studie rechnete das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) diese Form der Energieversorgung aus den Angaben heraus. Übrig blieb gerade mal ein Zehntel: In Bezug auf die Gesamtkapazität aller Anlagen investierte Eon dem IÖW zufolge lediglich 2,5 Prozent in erneuerbaren Energien.
Und die Atomkraft? "Auch Kernkraft ist klimafreundlich – und wir brauchen sie als eine Brücke", gibt Jonas Abrahamsson, CEO von Eon-Nordic, altbekannte Argumente wieder.

Windpark Rödsand 2 im Morgengrauen - die Eröffnung des Parks feierte Eon groß.
Zur Eröffnung von Rödsand 2 hatte Eon schon einen Tag zuvor eingeladen. Ein Großteil der Show spielt sich auf einem Schloss am Südzipfel Dänemarks ab. Die Wahl auf das Schloss sei aus der Not geboren, heißt es: In der Gegend gebe es keine andere Möglichkeit, ein so großes Event wie eine Windparkeröffnung zu veranstalten.
Im Schloss wohnt der Baron zwar noch persönlich. Ab und zu vermietet er aber Zimmer und seine Veranstaltungsräume in den ehemaligen Stallungen.
Empfangen werden die Journalisten zunächst in der Bibliothek des Barons. Antiquarische Bücher stehen in Glasvitrinen. Ohrensessel werden zur Ablage von Handtaschen und Jacken genutzt. Das Abendmahl ist mehrgängig, an jedem Tisch sitzen Eon-Mitarbeiter, um den Journalisten Rede und Antwort zu stehen.
Lachen über die deutsche Atompolitik
Über die deutsche Atompolitik der vergangenen Monate wird gelacht, das Erneuerbare-Energien-Gesetz – ob in Deutschland, Spanien oder einem anderen Land – als unsicher eingeschätzt, weshalb Eon sich auf die Einspeisevergütung auch nicht verlasse und auf keinen Fall als investitionsentscheidend ansehe.
Immer wieder ist von der Atomkraft als "Brücke" die Rede, von Wind, der nicht weht, von Sonne, die nicht scheint. Eon würde nie in Photovoltaik in Deutschland investieren, sagen die Eon-Mitarbeiter, man geht zum Brandy über.
Ein Journalist ist überzeugt davon, dass die Berichte des Weltklimarats IPCC nicht stimmen und die darin benannten Rahmenbedingungen überprüft werden sollten. Ein anderer Gast teilt mit, dass seit 2004 die globalen Temperaturen nicht gestiegen seien. Das wisse die Öffentlichkeit nur nicht, weil die Klimatologen das für sich behalten würden. Verschwörungstheorien bei der Eröffnung eines Windparks.
Und schließlich der Höhepunkt: Am nächsten Morgen geht es noch vor sieben Uhr Richtung Hafen. Sicherheitscheck, Rettungswesten, Helme. Der Kapitän fährt in den Sonnenaufgang hinein Richtung Windpark. Die Journalisten schießen Fotos, der Techniker, der mit an Bord ist, bekommt strahlende Augen: "Jeder Sockel 2.000 Kilogramm". Ein paar Stunden später wird hier Lykke Friis eine große rote Schleife durchschneiden.
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