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"Die Wirtschaft muss schrumpfen"

alexis2009-03-28Die Debatte um Wachstumskritik fand bislang vor allem in Frankreich statt – nun gewinnt sie auch in Deutschland zunehmend Aufmerksamkeit. Vergangene Woche stellte die ehemalige BUND-Vorsitzende Angelika Zahrnt ein Buch zur "Postwachstums­gesellschaft" vor. Nächstes Jahr plant Attac einen wachstumskritischen Kongress. Klimaretter.info sprach darüber mit Alexis Passadakis vom Attac-Koordinierungskreis.

klimaretter.info: Herr Passadakis, in vielen Ländern entsteht zur Zeit eine Bewegung, die sich als "Degrowth" oder "Décroissance" bezeichnet. Was meint der Begriff?

Alexis Passadakis: Angesichts der sich zuspitzenden sozialen und ökologischen Krisen wird immer deutlicher, dass Wirtschaftswachstum keine Lösung sein kann, um diesen Krisen zu begegnen. Wirtschaftswachstum ist untrennbar mit hohem Ressourcenverbrauch verbunden. Eine Entkopplung in dem Maße, wie sie nötig ist, um die Klimakrise abzubremsen, ist nicht denkbar. "Degrowth" ist daher die Forderung nach einer Politik, die gezielt Wirtschaftswachstum verhindert und letztendlich auf eine schrumpfende Ökonomie hinausläuft.

Diese Wachstumsrücknahme soll aber ökologisch und sozial vonstatten gehen und nicht – wie in den vergangenen Jahren teilweise der Fall – krisenhaft mit den damit verbundenen fatalen sozialen Folgen. Ziel der Idee der Postwachstumsökonomie ist, Bedingungen dafür zu schaffen, dass weltweit alle Menschen ihre sozialen Rechte wahrnehmen können, nicht nur die Mittelschichten und die Reichen.

Bislang ist die Debatte vor allem in Frankreich und anderen südeuropäischen Ländern präsent. Warum ist Wachstumskritik in Deutschland bislang kein großes Thema gewesen?

In Deutschland ist die Umweltbewegung nach wie vor stark von Naturschutzgedanken geprägt und befasst sich wenig mit wirtschaftlichen Fragen. Auch soziale Fragen sind in den Umweltverbänden kaum ein Thema. Das hängt zum einen mit ihren Traditionen zusammen, zum anderen sicher auch mit der Entwicklung der grünen Partei in Deutschland, deren Wirtschaftspolitik stark liberal geprägt ist. Dennoch gewinnt auch hierzulande die Debatte gerade an Schwung und ist in vielen Institutionen ein hochaktuelles Thema.

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Mit dem Wirtschaftswachstum steigt der Ölverbrauch – hier Teersandabbau. (Foto: Falk Beyer)

Wie kann man sich denn ein Wirtschaftsunternehmen in einer schrumpfenden Ökonomie vorstellen?

Unternehmen, wie wir sie kennen, sind in einer schrumpfenden Ökonomie kaum vorstellbar sind. "Klassische" Wirtschaftsunternehmen investieren, um Profit zu erwirtschaften. Dieser wird reinvestiert und hat zum Ziel sich zu vermehren, zu wachsen. Bei der Suche nach Denkanstößen sollte man sich eher in den Konzepten der solidarische Ökonomie umschauen oder bei der aktuell an vielen Stellen geführten Diskussionen um die Bewirtschaftung von Gemeingütern ("Commons").

Was würde eine Wachstumsrücknahme für Arbeitsplätze bedeuten?

Das ist natürlich eine der zentralen Fragen. In einigen Bereichen, etwa den erneuerbaren Energien oder der Landwirtschaft, wird die Arbeitsintensität künftig vermutlich zunehmen. Gesamtwirtschaftlich aber wird die Arbeitsproduktivität sicherlich weiter steigen – und der Effekt ist, dass mit immer weniger Arbeit immer mehr Güter produziert werden können. Zentrales Element einer schrumpfenden Ökonomie muss deshalb eine drastische Arbeitszeitverkürzung sein.

Das britische Institut "New Economics Foundation" geht davon aus, dass eine Arbeitszeitverkürzung auf 21 Stunden pro Woche sinnvoll wäre. Eine solche Forderung führt aber zu einem scharfen Machtkampf – Unternehmen wie auch die öffentliche Hand als Arbeitgeber haben keinerlei Interesse an kürzeren Arbeitszeiten.

Der Bundestag wird in Kürze auf Initiative der Grünen und der SPD eine Enquete-Kommission zu qualitativem Wachstum einrichten. Ist die Wachstumskritik damit in der Politik angekommen?

Dies ist eine gute Initiative; aber es besteht die Gefahr, dass man dort um den heißen Brei herumredet und die zentralen Fragen umgeht. Abzuwarten bleibt auch, ob die Kommission tatsächlich Wirtschaftswachstum in Frage stellt. Bisher tun viele Wachstumskritiker so, als würden schon geringe Korrekturen genügen, etwa alternative Wachstumsindikatoren, und ansonsten könne man so weitermachen wie bisher. Eine Postwachstumsökonomie aber bedeutet mehr: den Ausstieg aus einer Wirtschaft, die Profite zugunsten Privater realisiert.

Eigentlich ist ja völlig klar, dass die Ökonomie langfristig schrumpfen wird – nicht nur aufgrund der Krise des Finanzmarktkapitalismus, sondern auch wegen Peak Oil, also dem Überschreiten des weltweiten Fördermaximum von Erdöl. Praktisch der gesamte Wirtschaftskreislauf hängt bislang vom Rohstoff Öl ab – und der wird immer teurer. Es ist letztlich nicht die Frage, ob die Wirtschaft schrumpft, sondern lediglich, wie man dies gestaltet.

Diesen März fand in Barcelona die zweite internationale Degrowth-Konferenz statt, Attac plant 2011 ebenfalls einen Kongress zum Thema in Berlin. Was ist da zu erwarten?

Bisher trägt das Projekt von Attac und einer Reihe von Partnerorganisationen den Arbeitstitel "Jenseits der Wachstumsgesellschaft" – zentral wird es dabei um Fragen sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung in einem Prozess der Wachstumsrücknahme gehen. Vieles befindet sich noch in einer frühen Planungsphase und Details sind noch nicht klar.

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Zweite internationale Degrowth-Konferenz in Barcelona. (Foto: degrowth.eu)

Wir gehen davon aus, dass sich die Diskussion um das Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren verbreitern wird – und es wichtig ist, diese Debatte mitzugestalten. Es besteht durchaus die Gefahr, dass die Wachstumskritik von unerwarteter Seite vereinnahmt wird. So greift neuerdings etwa der neoliberale Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel gemeinsam mit dem ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf das Thema auf und begründet damit seine Forderungen nach einer weiteren Demontage des Sozialstaats, den er gern durch familiäre Absicherungen ersetzen würde.

Auch angesichts weiterer Zuspitzungen der Wirtschaftskrise denke ich, dass der Kongress eine wichtige Intervention sein wird und Fluchtlinien einer post-neoliberalen, ökologischen und solidarischen Ökonomie skizzieren kann.

In der öffentlichen Wahrnehmung gilt die Krise aber doch schon größtenteils als überstanden!?

Diese Wahrnehmung ist falsch. Es gibt genügend Anzeichen dafür, dass sich die Krise wie ein Schwelbrand weiter fortsetzt. Viele Banken sind alles andere als saniert, die Haushaltsdefizite explodieren in einigen Ländern, und der Abbau von Arbeitsplätzen wurde in vielen Fällen nur verzögert und nicht verhindert. Was gerade in Griechenland passiert, droht auch anderen Staaten. Das Platzen der Spekulationsblasen ist noch nicht beendet, und ein finanzmarktgetriebenes und schuldenbasiertes Wachstum wird in dieser Form keine Zukunft mehr haben.

Attac als Kritiker des Wirtschaftswachstums – passt das zusammen? Im Umfeld von Attac wurde ja häufig eine Kritik an der Finanzwirtschaft formuliert und demgegenüber eine Stärkung der Realwirtschaft gefordert. Eine ökologische Wachstumsrücknahme aber würde gerade eine Schrumpfung der Realwirtschaft bedeuten.

Viele bei Attac bewegen sich auf einer linkskeynesianistische Traditionslinie, in der solche Vorstellungen vorhanden sind. Ich denke, letztendlich muss man die keynesianistischen Positionen zwar berücksichtigen, aber der klassische Keynesianismus ist bereits historisch Ende der 70er Jahre gescheitert. Eine Positionierung "Jenseits des Wachstums" muss deshalb sozusagen "durch den Linkskeynesianismus" hindurch, die vielen richtigen Ansätze ernst nehmen und dann hin zu dem neuen Typus einer solidarischen Postwachstumsökonomie.

Würde man dem finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ein einfach "realwirtschaftliches" Wachstumsmodell entgegensetzen, hieße das, die Lehren der vergangenen 40 Jahre nicht gezogen zu haben.

Interview: Hanno Böck

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