Risiko Bohrinseln
Seit BPs "Deepwater Horizon"-Debakel im Golf von Mexiko sind die Zustände auf den Plattformen zum Glück wieder ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Was dabei allerdings zu Tage kommt, ist erschreckend.
Aus Mexiko-Stadt Emilio Godoy (IPS)
Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat nicht nur Umweltschützern Gehör verschafft, sondern auch Gewerkschaftern. Der Vorwurf: Katastrophen, wie die der BP Plattform "Deepwater Horizon", haben auch eine Ursache in den unzumutbaren Arbeitsbedingungen auf den Bohrplattformen.

Wäre dies auch passiert, wenn die Arbeiter besser ausgebildet gewesen wären? Nach Explosion sank die Tiefsee-Öl-Plattform "Deepwater Horizon". (Foto: BP)
Gut 100 Bohrinseln geben in dem größten mexikanischen Ölfördergebiet Sonda de Campeche etwa 1.100 Kilometer südöstlich von Mexiko-Stadt im Golf rund 20.000 Arbeitern Lohn und Brot. Nur 4.000 dieser Beschäftigten sind Angestellte des Staatsunternehmens Pemex und somit versichert. Nicht so die Kollegen, die für private Subunternehmen arbeiten. Sie sind Stürmen, extremen Temperaturen und anderen Risiken weitgehend versicherungslos ausgeliefert. Die Mitarbeiter sind schlecht ausgebildet, ihre Löhne prekär. Zudem dürfen sie sich nicht gewerkschaftlich organisieren. "Die Beschäftigten privater Vertragsfirmen sind unzureichend auf Offshore-Operationen vorbereitet", sagt Ysmael García vom Berufsverband OCPNRM. Für die Firmen zähle allein der Profit.
Arbeiter in Mexiko stark benachteiligt
"Mexiko steht sowohl beim Gesundheitsschutz als auch bei der Sicherheit am Arbeitsplatz in der weltweiten Statistik ganz unten", kritisierte Norrie McVicar von der Internationalen Transportarbeiterföderation ITF aus London. 368 Gewerkschaften aus 112 Ländern sind ihr angeschlossen.
Über die Zustände auf Ölplattformen hatten Vertreter der Gewerkschaft vergangene Woche auf einem Kongress in Mexiko-Stadt diskutiert. Im Zentrum der Gespräche stand das Unglück im Golf von Mexiko, das im April durch die Explosion der BP-Plattform Deepwater Horizon ausgelöst worden war. Elf Menschen kamen bei der Explosion ums Leben, weitere 17 wurden verletzt. Rund 780 Millionen Liter Rohöl strömten ins Meer und verschmutzten vor allem die Strände im Süden der USA.
Bereits im September 2008 fanden sich ITF-Delegierte aus 45 Staaten auf den Bohrinseln in der Sonda de Campeche ein, um die Arbeitsbedingungen vor Ort unter die Lupe zu nehmen. Die dort Beschäftigten sind im Durchschnitt 14 bis 28 Tage in den Bohrtürmen im Einsatz, bevor sie für einen ebenso langen Zeitraum an Land zurückgeschickt werden. Wie Statistiken des mexikanischen Arbeitsministeriums belegen, wurden gegen Dienstleistungsfirmen, die mit Pemex zusammenarbeiten, in den vergangenen zehn Jahren rund 5.000 arbeitsrechtliche Klagen wegen Verstößen gegen geltende Recht eingereicht.

Immer weiter ins Meer hinein schieben sich die Ölplattformen - hier vor der Insel Java in Indonesien. (Foto: Reimer)
"Auf den Bohrinseln gibt es drei Klassen von Arbeitern, die unterschiedlich behandelt werden: ausländische Kräfte, das Pemex-Personal und die privat Beschäftigten", urteilt Anwalt Victor Cruz. Für die Firmen sei es am billigsten, ungelernte Arbeiter einzusetzen, die Behörden wüssten von den Unregelmäßigkeiten, schritten aber nicht ein. Der Vater des Juristen, Israel Cruz, hatte die Hinterbliebenen von 247 Arbeitern rechtlich vertreten, die 1992 beim Untergang ums Leben gekommen waren. Der Prozess endete mit einer außergerichtlichen Einigung.
Im Oktober 2007 prallte in der Nähe des Unglücksortes die Plattform Usumacinta gegen einen Bohrschacht. 21 Menschen starben, 19 wurden verletzt. Victor Cruz vertritt inzwischen eine Gruppe Überlebender, die in Mexiko und in den USA vor Gericht gegangen sind. Pemex musste einräumen, dass es im vergangenen Jahr auf Anlagen des Staatsunternehmens zu 161 Unfällen gekommen ist. Die Zahl lag geringfügig unter der des Vorjahres. Private Firmen berichteten von 137 Zwischenfällen.
"Viele Unfälle werden niemals bekannt", erklärte Gewerkschaftsführer Muñoz aus dem südöstlichen Bundesstaat Veracruz. Die bekannten Zahlen spiegelten das tatsächliche Bild kaum wieder. "Wir sollten so lange Druck auf Pemex ausüben, bis mit solchen korrupten Praktiken Schluss ist."
Schwierige Kontrollen
Landesweit gültige Regelungen verpflichten den Staatskonzern zu regelmäßigen Inspektionen seiner Arbeitsstätten. Seit 2005 setzt Pemex ein Programm für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz um. Arbeitsunfälle gab es allerdings weiterhin.
McVicar schlug daher vor, ein unabhängiges Kontrollgremium einzusetzen, das dafür sorgen soll, dass alle Abläufe transparent sind und Sicherheitsrisiken ernst genommen werden. Die zuständige ITF-Arbeitsgruppe erhielt von den mexikanischen Behörden immerhin die Zusage, dass die Bohrinseln künftig überwacht würden.
Cruz kann sich jedoch nicht vorstellen, dass solche Kontrollen tatsächlich im Interesse von Pemex sind. In diesem Fall müsste das Unternehmen viele Verpflichtungen eingehen. Mexiko hat bislang zahlreiche internationale Abkommen zum Arbeitsschutz nicht angenommen. Darunter fällt auch das Seearbeitsübereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Der Anwalt regte an, zunächst allen mexikanischen Ölarbeitern denselben Versicherungsschutz zu garantieren, der den im Ausland angeheuerten Kollegen zusteht.
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