BP: Online-Schlacht ums Konzernimage
Gekaufte Google-Ergebnisse gegen gefakte BP-Logos: Im Netz tobt der Kampf um das Image des drittgrößten Ölkonzerns der Welt. Dabei muss es die PR-Maschinerie von BP mit einer Vielzahl an Internet-Aktivisten aufnehmen, die spritzig und witzig auf die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hinweisen: Spaßige Videos auf Youtube, ironische Kurznachrichten über Twitter, Boykottaufrufe bei Facebook. Aber auch BP nutzt das Web 2.0 – um Ideen zu bekommen, wie das Bohrloch zu stopfen ist.
VON FELIX WERDERMANN
Google-Ergebnisse sind käuflich. Genauer gesagt: Die Anzeigen-Plätze über den Ergebnissen der Suchmaschine sind käuflich. Wer genug Geld hat, kann dafür sorgen, dass seine Produkte oder seine Informationen den Google-Nutzern an prominentester Stelle präsentiert werden. Seit einigen Wochen verkauft der Ölkonzern BP auf diese Weise seine Sicht auf die Katastrophe im Golf von Mexiko. Wer beispielsweise Begriffe wie "Oil spill" in die weltgrößte Suchmaschine tippt, bekommt den Link zu einer BP-Website ausgespuckt, zusammen mit der Botschaft: "Erfahren Sie mehr darüber, wie BP hilft".

Sieht so das BP-Logo der Zukunft aus? Bislang ist es bloß Protest im Netz. (Bild: Greenpeace UK)
Seit Beginn der Katastrophe kämpft der drittgrößte Ölkonzern der Welt nicht mehr nur gegen das austretende Öl, sondern auch um das eigene Image. Seit Jahren gibt sich BP umweltbewusst und verweist gern auf sein Engagement im Bereich der erneuerbaren Energien – obwohl das Geschäftsfeld kaum zum Unternehmensumsatz beiträgt. Vor einigen Jahren hat sich BP ein neues, gelb-grünes Logo gegeben, das an eine Blume erinnert, und sogar einen neuen Namen: "beyond petroleum", zu deutsch: "Über das Öl hinaus".
Ölverschmutztes BP-Logo
Doch seit im Golf von Mexiko die Bohrplattform Deepwater Horizon explodierte und Schlampereien von BP öffentlich werden, ist das Image beschmutzt – auch im Internet. Auf dem Bilderportal Flickr gibt es beispielsweise über 1.000 Alternativvorschläge zum BP-Logo zu bestaunen. An der grün-gelben BP-Blume klebt ein Öltropfen, die Blume wird zerquetscht oder ziert ölverschmutzte Tiere. Greenpeace hatte dazu aufgerufen, das Logo zu verfremden – die drei besten Einsendungen sollen bei der geplanten Kampagne gegen den Ölriesen zum Einsatz kommen. Doch schon jetzt haben die Umweltschützer von Greenpeace ihr Ziel erreicht: Die Bilder kursieren im Netz - sei es auf Blogs, Websites oder bei Facebook.
Kaffekatastrophe auf Youtube
Das Internet bietet auch gefakte BP-Werbevideos. Ein Clip, der auf Youtube bereits mehr als 200.000 Mal angesehen wurde, lehnt sich an einen offiziellen Werbespot an. Der Unterschied: Die Protagonisten haben Öl an den Händen.

Kaffee - fast so gefährlich wie Öl. (Bild: Youtube)
Noch beliebter bei Zuschauern ist ein Video, das eine nachgespielte Bürositzung in der BP-Zentrale zeigt. Plötzlich kippt ein Becher um, Kaffee läuft aus. Große Augen bei den Anwesenden, doch der Chef wiegelt ab: Es sei doch bloß "eine kleine Lache auf einem sehr großen Tisch". Dies ist eine Anspielung auf BP-Chef Tony Hayward, der anfangs gesagt hatte, das Ausmaß der Ölkatastrophe sei "relativ klein", verglichen mit dem "großen Meer". Nach und nach versuchen die BP-Leute auf verschiedene Weisen, den Tisch vom ausgelaufenen Kaffee zu säubern – doch sie stellen sich so ungeschickt an, dass sie alles nur noch schlimmer machen.
Ironische Kurznachrichten über Twitter
Nur Hohn für die verzweifelten Rettungsversuche des Ölkonzerns – das gibt es auch beim Kurznachrichtendienst Twitter. Über 170.000 Nutzer lesen die ironischen Texte, die über ein Konto mit dem Namen "BPGlobalPR" verschickt werden. Dass dies Satire ist und nicht aus der BP-Zentrale stammt, dürfte den meisten sofort ins Auge fallen: "Fordern Sie von Ihren Abgeordneten NICHT, saubere Energie zu unterstützen. Ihre Stimmen zurückzukaufen wird eine Menge Geld kosten, die wir für die Aufräumarbeiten benötigen." Oder: "Hat Ihnen jemand ein Foto von ölverschmutzten Tieren gezeigt und damit den Tag ruiniert? Denken Sie, es sei Pudding und vergessen Sie es! Dann ist alles besser!"
Nach einiger Zeit beschwerte sich BP bei den Machern über diese Anti-Werbung, inzwischen ist auf der Twitter-Seite ein expliziter Hinweis eingefügt, dass es sich nicht um Nachrichten aus der PR-Abteilung von BP handelt. Die übrigens interessieren in der Netzwelt viel weniger: Knapp 16.000 Twitter-Nutzer, also weniger als ein Zehntel, verfolgen über Twitter die offizielle Sicht auf die Entwicklungen.
Der Twitter-Spaß von "BPGlobalPR" hat aber auch einen konkreten Nutzen: Die Macher verkaufen auf einer Website nämlich ironische T-Shirts und spenden den Gewinn, um die Küste zu reinigen. Das unabhängige "Gulf Restoration Network" ist dadurch bereits um 10.000 US-Dollar reicher geworden.
Wie wenigstens der Computer sauber bleibt
Ein sauberer Golf von Mexiko ist noch in weiter Ferne, aber der eigene Computer kann mit wenigen Klicks sauber gehalten werden. Inzwischen braucht niemand mehr "BP" oder "Deepwater Horizon" beim Surfen im Internet zu lesen. Wer möchte, findet an der entsprechenden Stelle stattdessen einen Ölfleck auf dem Bildschirm. Einfach das entsprechende Zusatzprogramm für den Internetbrowser Firefox installieren, und schon ist die Selbstzensur am heimischen Computer perfekt.
Öl von Düsseldorf bis Hamburg

Eine weitere Spielerei dürfte vor allem Europäern gefallen, die keine Vorstellung von den Dimensionen der US-Geografie haben haben. Wer sich vor Augen führen möchte, welche Ausmaße die Ölkatastrophe mittlerweile angenommen hat, wirft am besten einen Blick auf ifitwasmyhome.com. "Wenn es mein Zuhause wäre" - dann würde der Ölteppich beispielsweise von Düsseldorf bis Hamburg reichen, wie ein Blick auf die Landkarte verrät. Mit Hilfe des Dienstes GoogleMaps kann die Katastrophe virtuell auf jeden Ort der Welt übertragen werden.
Etwas abstrakter, aber nicht minder eindrucksvoll sind die Live-Zähler, die anzeigen, welche Menge an Öl bereits im Meer gelandet ist. Das rasante Zahlenspiel erinnert an eine Tanksäule, nur ist der Ölzähler im Netz nicht zu stoppen. Immerhin kann die Geschwindigkeit eingestellt werden – je nachdem, ob man BP, der US-Wetterbehörde oder externen Wissenschaftlern Glauben schenkt. Durch Kopieren des Quellcodes kann dieser Zähler auf die eigene Internetseite gesetzt werden.
"Öl mit dem Strohhalm schlürfen!"
Wer nicht nur zuschauen will, findet im Netz auch zahlreiche Möglichkeiten, seinen Unmut zu bekunden. Im sozialen Netzwerk Facebook gibt es eine Gruppe mit dem Namen: "Lasst die Verantwortlichen der Ölpest, die Suppe mit dem Strohhalm schlürfen!" In einer anderen Gruppe haben sich bereits über eine halbe Million Menschen zusammengefunden - sie alle wollen BP boykottieren.
Unterschreiben gegen weitere Katastrophen
Andere Umweltschützer wollen vor allem verhindern, dass sich Vorfälle wie im Golf von Mexiko wiederholen und wenden sich an die Politik. Die Klimaschutz-Initiative 350.org möchte eine Million Online-Unterschriften sammeln, damit US-Präsident Obama neue Ölbohrungen vor den Küsten verbietet. Greenpeace appelliert in selber Sache an den US-Kongress. Bislang waren die Aktionen mäßig erfolgreich: Im Golf von Mexiko darf wieder gebohrt werden, allerdings unter schärferen Auflagen.
Von einer originellen Idee ist auf seizebp.org zu lesen. Das Vermögen des Ölkonzerns solle beschlagnahmt werden, um die verursachten Schäden zu begleichen. Auch für diese Forderung kann online unterschrieben werden. Auf der "Deepwater Horizon"-Website verspricht BP aber ohnehin, alle Betroffenen angemessen zu entschädigen. Man werde "legitime" Forderung vollständig erfüllen, erklärte auch BP-Chef Hayward mehrfach. Doch viele Leute misstrauen solch schwammigen Formulierungen.
Ideensuche im Netz
Auf der BP-Seite erfährt man aber auch manch anderes Interessantes: So will sich das Unternehmen die Vorteile des Internets zu Nutze machen und fahndet nach den besten Ideen, wie das Ölleck gestopft werden könnte. Per Internetformular, Telefon oder Brief: Über 30.000 Vorschläge sind laut BP bereits eingegangen. Auf innocentive.com läuft eine ähnliche Ausschreibung. Nach eigenen Angaben stecken hinter dem Portal mehr als 200.000 kluge Köpfe, die sonst auch für andere Firmen nach technischen Lösungen aller Art suchen. Normalerweise müssen die Unternehmen dafür zahlen – im Fall BP handelt es sich um eine Hilfsaktion.
Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA ist ebenfalls auf der Suche nach guten Ideen – zu der Frage, wie die Verbreitung des Öls eingedämmt werden kann. Das Ölleck selbst überlässt sie BP. Dem Konzern kommt das gelegen. Nicht, dass die BP-Experten so wenig zu tun hätten, dass sie den ganzen Tag lang auch noch die Vorschläge von irgendwelchen Hobby-Ingenieuren überprüfen könnten. Aber mit dem Angebot wird zumindest der Eindruck erweckt, BP sei für jeden Tipp dankbar, und jeder könne mithelfen. Denn wenn die Ölkatastrophe erstmal unser aller gemeinsames Problem ist – wer würde dann noch BP zur Verantwortung ziehen?
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