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Lula weiht Thyssen-Stahlwerk in Rio ein

Auf einem neun Quadratkilometer großen Areal entstand eines der größten Stahlwerke der Welt. Brasiliens Staatschef lobt das Projekt als Sinnbild für den "verantwortungsvollen und seriösen" Wachstumskurs Brasiliens. Die Produktion des Werkes ist aber komplett für den Export nach Deutschland und in die USA vorgesehen.

Aus Porto Alegre GERHARD DILGER

Am Freitag gab Luiz Inácio Lula da Silva höchstpersönlich den Startschuss für den Betrieb von Thyssen-Krupps umstrittenem Megastahlwerk an Rio de Janeiros Westküste. Unbeeindruckt von der Kritik lokaler Fischer und Umweltschützer lobte Brasiliens Präsident das Projekt als Sinnbild für den "verantwortungsvollen und seriösen" Wachstumskurs Brasiliens: "Spätestens in zehn Jahren sind wir die fünf- oder viertgrößte Volkswirtschaft der Welt", verkündete Lula.

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Grundlage jedes Baubooms: Stahl  - hier aus China. (Foto: Reimer)

Auf 5,2 Millarden Euro, viermal so viel wie ursprünglich geplant, beläuft sich die seit langem größte Privatinvestition in Brasilien. Als im Krisenjahr 2009 das Geld knapp wurde, erhöhte Juniorpartner Vale seinen Anteil von 10 auf knapp 27 Prozent. Der brasilianische Bergbauriese liefert auch das Eisenerz aus dem Bundesstaat Minas Gerais.

Auf Hochtouren, mit dann 3.500 direkten Arbeitsplätzen und einer Jahresproduktion von 5 Millionen Tonnen Stahlbrammen, soll das Werk aber erst 2011 laufen, zwei Jahre später als ursprünglich geplant. Die bis zu 35 Tonnen schweren Rohstahlplatten aus der Sepetiba-Bucht werden vollständig exportiert – 60 Prozent sollen an ein neues Thyssen-Walzwerk im US-Staat Alabama gehen, 40 Prozent nach Deutschland.

Für die Wahl des Standorts Rio waren Kostengründe ausschlaggebend. Doch schon liefen die Planungen aus diversen Gründen aus dem Ruder. Der brasilianische Real legte gegenüber dem Euro deutlich zu. Zur Stabilisierung der Bauten wurden unzählige Pfähle in den sumpfigen Boden gerammt – insgesamt etwa 1.200 Kilometer statt der geplanten 850, wie Projektleiter Friedrich-Wilhelm Schaefer berichtete. Auf dem 9 Quadratkilomter großen Areal seien bislang 110.000 Tonnen Eisen und 950.000 Kubikmeter Zement verbaut worden.

Ärger gab es mit Drittfirmen: So sollte der bei den Gewerkschaften umstrittene Bau der Kokerei durch den chinesischen Mischkozern Citic bis zu 70 Millionen Euro günstiger kommen, doch nach Pfusch am Stahlgerüst musste nachgebessert werden. Schließlich baute die Thyssen-Tocher Uhde die Kokerei fertig, Mehrkosten: 100 Millionen Euro. 

Wegen der Nähe zu den Rohstoffquellen und niedrigerer Löhne sind die brasilianischen Brammen immer noch mindestens 15 Prozent billiger als deutsche. Die ersten Stahlplatten sollen nun im August verschifft werden. Bis 2014 peile man eine Jahresproduktion von 6 Million Tonnen an, sagte Thyssen-Krupp-Vorstandschef Ekkehard Schultz.

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Ein thyssenkrupp-finanzierter Fotograf: Auf einer gigantischen Fläche von 9 Quadratkilometern breitet sich das ThyssenKrupp-Stahlwerk in Brasilien aus. (Foto: Thyssen)

"Hoffentlich ist es schon früher soweit", sekundierte Vale-Manager Roger Agnelli. Der brasilianische Multi sieht das Joint Venture mit den Deutschen als ersten Schritt, um im Stahlgeschäft auf globaler Ebene Fuß zu fassen. Schon jetzt übertrifft die boomende Stahlproduktion in Brasilien die Binnennachfrage um fast das Doppelte. Daher sucht Vale für drei weitere Großprojekte nach demselben Muster wie in Rio Partner mit garantierten Absatzmärkten.

Was bringt das Stahlwerk den Menschen vor Ort? Vor allem Wohlstand, versicherte Schultz in seiner Einweihungsrede, und: "Hohe Umweltkriterien sind für uns eine Selbstverständlichkeit". Die Fischer der Sepetiba-Bucht sehen das anders. Einer von ihnen, der von lokalen Killerkommandos bedrohte Luis Carlos Oliveira, schilderte auf der letzten Hauptversammlung von Thyssen-Krupp im Januar, wie das Stahlwerk Tausenden Kleinfischern die Lebensgrundlage entzogen habe.

Durch die Ausbaggerung der Bucht seien giftige Schwermetalle freigesetzt worden, die Fischbestände dramatisch zurückgegangen, so Oliveira. Beim Bau der Brücke zum Hafen wurden Mangrovenwälder zerstört, so dass die staatliche Umweltbehörde eingreifen musste. Thyssen-Krupp stellt sich bis heute stur, mittlerweile klagen 5.700 Fischer auf Entschädigung.

 

Schließlich erhöht sich der CO2-Ausstoß der Millionenmetropole Rio durch das Stahlwerk um 76 Prozent, wie der grüne Stadtrat Alfredo Sirkis errechnete. "Jede industrielle Tätigkeit wirkt sich auf die Umwelt aus", verteidigte sich Thyssen-Manager Herbert Eichelkraut. 17 Prozent der Treibhausgas-Emissionen werde man durch freiwillige Projekte kompensieren.

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Und dann von Klimaschützern fotografiert: Stahlwerk in der Bucht von Sepetiba. (Foto: FDCL)

Von der UNO wird die Anlage sogar als Klimaschutzprojekt im Rahmen des Clean Development Mechanism (CDM) gefördert, da in einigen Prozessen besonders energieeffiziente Technologien zum Einsatz kommen. Und Rios Umweltbehörde, die für die Überwachung des Stahlwerks zuständig ist, bekommt für die Renovierung ihrer Zentrale zwei Millionen Euro.

Mit CDM-Projekten können Konzerne in Industriestaaten den Kauf von Emissionszertifikaten vermeiden, wenn sie in Schwellen- und Entwicklungsländern in Projekte investieren, die Kohlendioxid-Emissionen vermeiden. Häufig ist jedoch sehr umstritten, ob tatsächlich Treibhausgas-Einsparungen stattfinden.

Stahlproduktion findet heutzutage fast ausschließlich auf Basis von Steinkohle statt und hat prozessbedingt einen hohen Ausstoß von Treibhausgasen. Die Steinkohle für das Stahlwerk in Rio soll vor allem aus Kolumbien importiert werden.

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