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"Ja, wir müssen" statt "Yes, we can"

Foto_OstromSie ist die erste Frau, die den Nobelpreis für Ökonomie erhielt: Elinor Ostrom forscht in Bloomington im US-Bundesstaat Indiana zur Verwaltung von Allgemeingütern und gibt dabei fast schon revolutionäre Impulse: Sie zeigt, wie Menschen kooperieren und gemeinsam Regeln aufstellen, um die Umwelt zu schützen. Am 22. Juni hält sie an der Technischen Universität Berlin die zweite "Climate Lecture". klimaretter.info-Autor Daniel Boese sprach mit ihr am Rande des "Rework The World"-Gipfels in Schweden.

klimaretter.info: Frau Ostrom, Sie erforschen sein fünf Jahrzehnten, wie Menschen Allgemeingüter wie Wälder, Almweiden oder Bewässerungssysteme erfolgreich verwalten. Ist die Atmosphäre das größte Allgemeingut der Menschheit?

Elinor Ostrom: Ja, das ist sie. Aber wir müssen uns nicht nur auf eine Institution verlassen, um sie zu verwalten. Wir müssen überall auf der Welt Bemühungen starten, wie wir grüner werden und weniger Müll produzieren. So wie zum Beispiel die Initiative für eine nachhaltige Süd-Bronx in einem der härtesten Stadtteile New Yorks Gründächer und Umwelt-Jobs geschaffen hat. So etwas schafft man nicht durch ein globales System.

Waren Sie überrascht, dass Regierungschefs weltweit vor dem Klimagipfel in Kopenhagen auf ein verbindliches Klima-Abkommen hofften?

Ich war auch hoffnungsvoll. Aber ich habe nicht angenommen, dass das unbedingt der Wahrheit entsprach.

Wie haben Sie die Chancen für ein Abkommen eingeschätzt?

Auf dieser höchsten Ebene sehe ich keine großen Bemühungen und keine Chance. Dort haben wir harte Auseinandersetzungen. Selbst wenn es ein Abkommen geben würde: Um es umzusetzen, braucht es jede Menge kreative und vorstellungsreiche Ideen auf der untersten Ebene. Dort müssen wir Druck machen und alles tun, was wir können: mehr Energie für die Entwicklungsländer produzieren – aber saubere, grüne Energie. Es geht dabei nicht um "Yes we can", sondern um "Ja, wir müssen".

Also sind Projekte auf der Graswurzel-Ebene wichtiger für weltweiten Klimaschutz als ein Mega-Abkommen in Kopenhagen oder Mexiko?

Wenn es keine Graswurzel-Aktivitäten gibt, dann reicht auch ein Abkommen von ganz oben nicht. Top-down ist nicht ausreichend. Wir sollten nicht unseren ganzen Einsatz auf etwas verwetten, das nicht genügt. Trotzdem sollten wir unsere höchsten Politiker antreiben, da bin ich voll dafür. Aber ich treibe auch meine eigene Kommune an, um verschiedene Dinge zu tun: Wir machen eine Kampagne für Baumpflanzungen auf dem Uni-Campus in Bloomington und ich kämpfe für mehr Fahrradwege. Auf der lokalen Ebene muss man einfach schieben, schieben, schieben. Aber ich bin noch nicht so erfolgreich wie die Aktivisten in der Süd-Bronx.

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Das Sustainable South Bronx Project: Grüne Jobs schaffen in einem der härtesten Stadtteile New Yorks. (Foto: ssbx.org)

Sind Sie schon lange politisch aktiv?

Nein. Ich habe mein Leben der Forschung gewidmet. Und es war lange nicht möglich, gleichzeitig auch politisch so kreativ zu sein. Als Ökonomin habe ich eine mächtige Datenbank aufgebaut, die in über 250 Fallbeispielen dokumentiert, wie Gemeinschaften Wälder bewirtschaften. Erst seit Kurzem bin ich auch eine Aktivistin, ein kleines bisschen auf lokaler Ebene. Ich glaube, dass wir etwas erreichen können, wenn wir gemeinsam aktiv sind und voneinander lernen. Ich überlege gerade, wie ich die Materialien aus dem Rework-Gipfel im Herbst in mein Graduierten-Seminar einbaue.

Auf dem Rework-Gipfel geht es um junge Menschen …

Ja!

... und die Frage, wie sie mit den älteren Chefs von großen internationalen Unternehmen und Institutionen zusammenarbeiten können. Was können junge Menschen aus Ihrer Sicht tun, um die Wirtschaft grüner zu machen?

Sie können eine Menge Dinge tun. Die zentrale Idee ist es, dass gerade die gefährdeten und unterbeschäftigten Jugendlichen Arbeitsplätze in der Green Economy aufbauen können.

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2.000 Jugendliche diskutierten beim Rework-the-World-Kongress in Schweden. (Foto: Rework the World)

Was raten Sie der Jugend?

Sie sollten lernen, wie erfolgreiche Modelle funktionieren, beispielsweise die Sustainable South Bronx. Aber solche Vorbilder lassen sich nicht einfach übertragen, sie müssen für andere Orte angepasst werden.

Die klimabewegte Jugend ist sehr gut darin, global zu kooperieren. Ist das etwas Besonderes an dieser Generation?

Früher haben die Menschen nur auf diese Weise überlebt. Das ist kein neues Phänomen. Aber wir hatten viele Ideen, die wir für wissenschaftlich hielten, die sagten, dass kollektives Handeln ein Dilemma produziert und nicht funktioniert. Ein Teil unserer Theorien war einfach nicht korrekt.

Was war denn der Fehler, was wurde übersehen?

Darüber habe ich ganze Bücher geschrieben. Aber in aller Kürze: Der Fehler war, davon auszugehen, dass alles kollektive Handeln so ablaufen muss wie in der Fischerei: Jeder hat unkontrollierten Zugang, deswegen wird so viel und lange gefischt, bis die Bestände katastrophal zusammenbrechen. Wenn man das auf alle Commons, also alle Allgemeingüter, überträgt, begeht man einen Fehler. Denn Allgemeingüter kleiner bis mittlerer Größe mit klaren Grenzen und Beteiligten, die sich kennen, lassen sich gut verwalten. Dort entsteht Vertrauen und die Menschen haben die Autorität, Regeln aufzustellen.

In Indien wurden in der Entwicklungshilfe beispielsweise der Fehler gemacht, dass den Menschen das Recht genommen wurde, über ihre Wälder zu bestimmen. Man nahm an, dass es ihnen an Intelligenz dafür fehlen würde. Da hat Entwicklungshilfe aus mangelndem Respekt vor menschlichen Fähigkeiten Schäden angerichtet.

Interview: Daniel Boese

"Wem gehört die Atmosphäre?" fragt Elinor Ostrom am Dienstag, 22. Juni um 14 Uhr in der TU Berlin. Mehr Infos zur nächsten "Climate Lecture" finden Sie HIER

[Erklärung]  
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